Samstag, 14. Januar 2017

DAS INGA LINDSTRÖM-PHÄNOMEN: GEFÜHLTES SCHWEDEN IN ZAUBERHAFTER KULISSE

Lust auf ein wenig Mittsommer-Feeling
mitten im Winter? Kein Problem!
Einen Teil der vergangenen Wochen habe ich damit verbracht, eine Reportage über unsere Mittsommer-Reise 2016 zu schreiben. Plötzlich war ich, während draußen die Temperatur langsam unter Null sank, gedanklich wieder in einer idyllischen Sommerlandschaft. 


Heile Schwedenwelt als Anti-Depressivum

Falls Ihr gerade keine Mittsommerreportage auf dem Schreibtisch, aber
Das ist "Inga Lindström"
alias Autorin
Christiane Sadlo.
(Foto: Dirk Bartling,
© Christiane Sadlo)
Lust auf eine Prise Sommer-in-Schweden-Gefühl mitten im Winter habt, könnt Ihr am Sonntag, 15. Januar, um 20:15 Uhr das ZDF einschalten. Da läuft nämlich mit "Tanz mit mir" die nächste Folge aus der Inga Lindström-Reihe (Wiederholung: 12. Februar, 20:15 Uhr, in der ZDF-Mediathek wird der Film nach der Erstsendung abrufbar sein.) Für Fans sind 
die leicht verdaulichen Filmchen aus der Feder von Drehbuch-Autorin Christiane Sadlo Anti-Depressiva, weil hier zuverlässig ein Girl ihren Boy findet und es sich mit so einer Geschichte wunderbar dem tristen Alltag entfliehen lässt. Für andere sind dieselben Filme seichte Schmonzetten – in etwa aus denselben Gründen. 

Können bis zu zehn Prozent der deutschen Bevölkerung irren? 

Ich gebe zu, ich war immer eher skeptisch, habe dann aber doch meinen ersten Inga-Lindström-Film geschaut, als ich 2014 stillend ans Sofa gefesselt war. Erstens aus Neugier, was den Erfolg dieser Reihe ausmacht, die bis zu acht Millionen Menschen in Deutschland vor den Fernseher lockt. Zehn Prozent der Bevölkerung! Zweitens, weil ich mich in meiner Still-Umnebelung auf nichts Kompliziertes konzentrieren konnte. Und drittens, weil die Filme in der Mediathek ganztägig abrufbar waren. Für in Schweden lebende Menschen ohne TV-Gerät ist das ein Kriterium. Wie ich mein Lindström-Debüt damals fand? Kann ich nicht mehr genau sagen, ich war abgelenkt: Ich musste mich ständig fragen, wo zum Teufel auf der Insel Öland – dort sollte sich alles abspielen – gedreht worden war. Ich mag Öland nämlich sehr und hatte mich auf nette Bilder gefreut. Zwar habe ich in einigen Einstellungen die Stadt Borgholm erkannt, aber die Villa des Geschehens schien in lieblichen Schären zu liegen. Und Schären gibt es auf Öland nicht. Dennoch muss ich mich unterhalten gefühlt haben, denn ich schaute mir vom Stillsofa aus noch weitere Filme der Reihe an und gewöhnte mich langsam ans Lindström-Universum, in dem etwa Münchner Tatort-Kommissare in sörmländischen Schlössern zuhause sind und es Namen gibt, über die sich mein Schwede nur beömmeln kann: "Wie heißt der? Laxson?" 

Wie bubbel auf nüchternen Magen: die Welt gerät lustig ins Schwanken

Nach der Elternzeit war dann erst mal Schluss mit Inga. Bis jetzt. Ich durfte "Tanz mit mir" vorab schauen* und war – ein wenig wider Erwarten – auch ohne Stilldemenz gut unterhalten. Diesmal sind es sogar drei Damen auf einmal, die vor der Kulisse des sommerlichen Stockholm in die Arme ihrer jeweils großen Liebe sinken – sogar den Gegenspielern gönnt das Script Glück. Auch sonst wird alles, wirklich a-l-l-e-s, im Rekordtempo gut, ach was, bestens. Unwahrscheinlich? Schon. Andererseits: Wer braucht schon mehr Realismus, wenn die Welt ist, wie sie sich derzeit präsentiert? Auch diese Lindström-Geschichte fühlte sich ein bisschen an wie ein Glas etwas zu süßer bubbel – wie Schweden liebevoll alle Perlwein-Getränke nennen – auf nüchternen Magen: Die Welt gerät lustig ins Schwanken. Gut gefallen haben mir die sympathischen Schauspieler Sina-Valeska Jung (Eva), Teresa Harder (Meret), Mike Hoffmann (Alban), Katharina Stark (Lissi) und in Nebenrollen auch Max Florian Hoppe (Henner) und der kleine Jakob Leon Wimberger (Jonas). Die haben es geschafft, durch die manchmal doch etwas arg mit schicksalhaften Zufällen gespickte Geschichte rund um eine Tanzschule mit einem Augenzwinkern zu navigieren. 


Herz an Herz spielt bei "Inga Lindström"
immer die Hauptrolle.
Gefühltes Schweden statt zögerlicher Balz

Bei alldem ist das Schweden der "Inga Lindström" nämlich eher ein aus der Distanz Deutschlands gefühltes. Die Storys haben mit (den) Schweden oft nicht viel mehr zu tun, als dass die Protagonisten heißen wie Produkte aus dem Ikea-Katalog – oder irgendwie so ähnlich. Dabei bewohnen sie für Normalmenschen völlig unerschwingliche Immobilien, die in atemberaubender Schären-Kulisse oder – im Fall von "Tanz mit mir" – eben in Stockholm liegen. Das in Sachen "feste Beziehung" doch eher von beslutsångest (Schwedisch für "Angst vor Entscheidungen") geprägte Paarungsverhalten der echten Schweden findet dagegen keinen Niederschlag. Das würde nämlich jeden einzelnen Lindström-Film zu einem Streifen mit Überlänge machen. Warum, das kann man zum Beispiel hier oder hier und natürlich in Verliebt in Schweden nachlesen. Allerdings, einen Punkt gibt es 
So ticken Schweden:
Ein sehr empfehlenswertes Geschenk
für Neu-Schweden
doch, in dem Lindström relativ authentisch schwedisch ist: Die Protagonistinnen sind keine hilflosen Mäuschen, sondern Frauen mit eigenen Jobs, die sich auch ohne Beistand eines Y-Chromosom-Trägers aus ihrer Misere befreien könnten. Dass sie sich doch hier und da helfen lassen, hat eher romantische Gründe

Christiane Sadlo, die Frau hinter dem Pseudonym

Schon nach "meinem ersten Lindström" regte sich bei mir Neugier auf die Frau, der Storys mit garantiertem Happy End wie am Schnürchen aus den Hirnwindungen fließen. Als mir nun das Vorab-Guck-Angebot ins virtuelle Postfach flatterte, fragte ich gleich, ob dann auch ein Interview mit Christiane Sadlo möglich sei. Und tatsächlich, die knapp 63jährige Wahl-Berlinerin, die schon vor der Lindström-Reihe sehr erfolgreich Drehbücher für Serien wie "Lisa Falk" oder "Forsthaus Falkenau" geschrieben hat, hatte Zeit und Lust, mir meine Fragen zu beantworten. 

Verliebt in Schweden: Karl May hat den Großteil seiner Winnetou-Saga geschrieben, lange bevor er die USA bereist hat. Kurt Tucholsky hingegen hat zunächst Urlaub in der Nähe von Mariefred gemacht, bevor er "Schloss Gripsholm" schrieb. Wie ist das bei Ihnen?
Christiane Sadlos
erster "richtiger" Roman
(will sagen: kein Buch zum Film)
als "Inga Lindström"

Christiane Sadlo: Ich bin dann doch eher wie Tucholsky! Bevor ich anfing Drehbücher zu schreiben, die in Schweden spielen, bin ich einige Male dort gewesen. Schon beim ersten Mal hab ich mich in Schweden verliebt.

VIS: Wie kam es denn genau dazu, dass Sie als "Inga Lindström" anfingen, Drehbücher zu schreiben? 


CS: Irgendwann saß ich an einem idyllischen Seeufer. Sonnenuntergang wie im Film, Segelboote auf dem Wasser, Stille..., das war die Landschaft, in der meine zukünftigen Geschichten spielen sollten.

VIS:
Im Grunde könnten sich Ihre romantischen Geschichten aber auch in Rom, Paris oder Berlin abspielen ...

CS:
Wenn ich Storys für Berlin schreibe, sind sie anders getaktet, hektischer, schneller, ruppiger. Jede Stadt hat ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Klang. Ich mag vor allem den Sommerklang von Schweden. Wundersam helle Tage. Weite Himmel. Inseln zu Tausenden ins Meer getupft. Einzigartig.

VIS: In "Tanz mit mir" finden die Hauptpersonen die große Liebe und alle Probleme lösen sich auf wundersame Weise. Sie bekommen vermutlich schon mal zu hören, so etwas sei ja ziemlich unrealistisch. Nun habe ich zufällig selbst eine eher unglaubliche Geschichte erlebt (wobei alles doch etwas komplizierter war als in der lindströmschen Welt) und sogar Hauptdarstellerin Sina-Valeska Jung hat ja offenbar eine eher ungewöhnliche Love-Story im Gepäck. Das führt mich zu der Frage: Legen Sie den Inga-Lindström-Storys zuweilen wahre Begebenheiten zugrunde?

CS:
Ich rede viel mit Menschen, höre ihnen zu, lese über sie. Manchmal ist eine Geschichte so oder ähnlich von einer Freundin erlebt worden, manchmal hab ich selbst so etwas erlebt, manchmal hat die Frau am Nachbartisch im Cafe ihrer Freundin davon erzählt... einen realen Bezug gibt es eigentlich immer.

VIS:
Überhaupt: Was inspiriert Sie?

CS: Das ist einfach: das Leben. In all seinen Farben.

VIS: Haben Sie eine "Botschaft"? Zum Beispiel, dass man das Leben nicht so ernst nehmen soll und alles besser durch die rosa Brille betrachtet?

CS: Botschaft würde ich das nicht nennen. Eher vielleicht Trost. Oder banal auch Ablenkung. Es sieht in unserer Welt grade nicht sehr schön aus. Da biete ich mit meinen Geschichten gerne ein paar kleine Fluchten. 90 Minuten der Traum von einer Welt, in der zwar auch nicht immer alles in Ordnung ist, in der es aber immer ein Happy End gibt.


VIS: Haben Sie ein Vorbild?
Der Strandvägen ist eine der teuersten
Adressen in Stockholm – unter seinen gestutzten
 Bäumen flanieren die Protagonisten aus "Tanz mit mir"
unermüdlich auf und ab.
(Foto: henryk_trygg/imagebank.sweden.se)

CS: Nein.

VIS: Reisen Sie auch schon einmal zu den Dreharbeiten in Schweden? 


CS: Ich bin schon hin und wieder bei Dreharbeiten. Aber das sind 
immer immer sehr kurze Besuche. Schließlich wird beim Dreh konzentriert gearbeitet. Als Autorin, die mit Abgabe des Drehbuchs ihre Arbeit getan hat, ist man da einfach fehl am Platz. 

VIS: Wo in Schweden ist es am schönsten? 

CS: Ich bin verliebt in Stockholm. Für mich eine der schönsten Städte, die ich kenne. Und geradezu magisch ist der Schärengarten. Perfekte Harmonie von Licht, Wasser, Inseln. Mein schönstes Erlebnis war die Einfahrt mit der Fähre von Helsinki bei Sonnenaufgang in den Schärengarten. Märchenhaft.

VIS: Was gefällt Ihnen am besten an Schweden?

CS:
Wie gesagt, ich bin ein Stockholm-Fan. Aber auch die Westküste mit ihrer raueren Natur mag ich sehr gerne. Die roten Holzhäuser, der Götakanal, die tausenden Seen... Eigentlich kann ich gar nicht aufhören zu schwärmen.

VIS: Und an den Schweden?

CS: Weltoffene, sehr freundliche Menschen, die mir immer sehr interessiert begegnen.

VIS:
Wie kommen Sie auf die Namen Ihrer Figuren? Ich habe da so eine Vision: Sie haben eine große Skandinavien-Karte an der Wand und tippen mit geschlossenen Augen auf einige Orte und würzen dann mit Namen aus schwedischem Showbiz und Sport nach ... In "Tanz mit mir" heißen jedenfalls zwei der Protagonisten Narvik, wie die Stadt in Norwegen, eine heißt Boda, wie ein Ort in der Nähe von Gävle in Schweden. Es gibt Edbergs (wie Tennisspieler Stefan) und Stenmarks (wie Ski-Legende Ingemar). Ein Protagonist heißt Alban, ein Name, der in Schweden extrem ungewöhnlich ist – es sei denn man ist Dr. Alban ... 


CS: Erstens ist das Telefonbuch von Stockholm eine große Hilfe. Und natürlich hängt auch die Schwedenkarte hinter meinem Schreibtisch und dient der Inspiration. Hin und wieder nehme auch einfach Namen von Leuten, die ich toll finde oder auch von welchen, die ich nicht leiden kann, für den Antagonisten...


VIS: Apropos, wie sind Sie auf das Pseudonym "Inga Lindström" gekommen?

CS: Lindström klingt auch für deutsche Ohren nicht fremd. Und Inga, das ist die kleine Dunkelhaarige aus den Bullerbü-Filmen, die mochte ich als Kind besonders gern.**


Auch dieses hübsche Rondell am Wasser
im Stockholmer Stadtteil Hammerby durfte mitspielen.
(Foto: ola_ericsoon/imagebank.sweden.se)
VIS: Wie reagiert das Publikum auf Ihre Geschichten?

CS: Ich habe ein hauptsächlich weibliches Publikum. Die Frauen sagen mir oft, dass sie sich regelrecht auf den Sonntagabend mit Inga freuen. Da könne man sich, bevor der Alltag einen am Montag wieder in Beschlag nimmt, noch einmal ganz relaxt wegträumen...

VIS: Bekommen Sie auch Feedback aus Schweden? 

CS: Manche meiner schwedischen Freunde rufen mich nach einem Film lachend an und sagen mir, ich hätte hoffentlich nicht vergessen, dass nicht alle Schweden ein Haus auf den Schären besitze. Aber ich bekomme auch Mails, in denen ich beglückwünscht werde zu meinen Storys. Und der Fremdenverkehrsverband ist regelrecht dankbar über meine kostenlose PR-Arbeit.

VIS: Frau Sadlo, ich bedanke mich für das Interview.


Wenn Ihr nun neugierig geworden seid, dann schaut Euch doch einfach "Tanz mit mir" an – und lasst mich gerne hier in den Kommentaren wissen, wie Euer Eindruck war.  Bin gespannt, was Ihr sagt!

*Kleine Zusatz-Info für die ewigen Meckerfritzen: Nein, ich bekomme für dieses Posting nix vom ZDF oder sonst irgendwem – abgesehen von der Möglichkeit, den Film vor dem eigentlichen Sendetermin sehen zu dürfen. Ansonsten hätte ich den Post als "sponsored" gekennzeichnet. Was er aber in diesem Fall nicht ist. Wie gesagt.

** Und noch eine für die passionierten Besserwisser (ein Wort, das es übrigens genau so auch im Schwedischen gibt, nur klein geschrieben) unter Euch: Im schwedischen Original von Astrid Lindgren heißt das Mädchen Anna. Klein geschrieben bedeutet "inga" übrigens "keine". "Inga problem" bedeutet zum Beispiel – wörtlich übersetzt – "Keine Probleme" im Sinne von "Macht nix" oder eben "Kein Problem".

Kommentare :

  1. Vielen lieben Dank, Stella.
    Da habe ich mal wieder unerwartet etwas gelernt über ein Thema ("Parallelwelt Sonntagabend im ZDF") welches ich bisher noch nicht einmal hinterfragt hatte. Und ja, beslutångest habe ich im vergangenen Jahr im Übermaß beobachten können in unserer beschaulichen (Wahl-)Heimat.
    GLG, die Heike

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    1. Mich fasziniert diese Übersteigerung Schwedens zu einem absoluten Sehnsuchtsland, in dem alle Menschen schön und nett sind und das nur aus pittoresken roten Holzhäusern, Zimtschnecken, Dalapferden, Seen, Wald und Elchen unter blauem Sommerhimmel (oder auch schon mal in entzückender Winterlandschaft) besteht, schon lange. Bei "Inga Lindström" wird das eigentlich nur verdichtet und übersteigert. Ich finde Schweden ja auch wunderschön, aber ich wäre ohne die ganzen Umstände, Umwälzungen und Zufälle in meinem Leben trotzdem nie auf die Idee gekommen, hierher auszuwandern. Liebe Grüße, lass uns bald zur Fika treffen! Stella

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