Freitag, 24. Februar 2017

SCHWEDENS BEITRAG ZUM KARNEVAL: LECKERE SEMLOR (REZEPT!)


Last night in Sweden:
Die Ausschweifungen
 des schwedischen Karnevals.
Unerhört (lecker)! 

In meiner alten Heimat geht die Karnevalssaison in die heiße Endphase, in Schweden bleibt man gewohnt cool. Nicht nur, wenn seltsame Trolle darüber orakeln, was hierzulande passiert oder eben nicht passiert ist oder sich eine Schneefront  breit macht, wenn es eigentlich schon leise nach Frühling roch. Mit Karneval hat man hier einfach nix am Hut. Oder sagen wir: fast nix. Die Ausschweifungen vor der Fastenzeit beschränken sich allerdings auf den Konsum eines ebenso reichhaltigen wie köstlichen Gebäcks, nämlich der semlor. Der eigentliche Semmeltag ist dabei der Fettisdag, der "fette Dienstag". Wo ich herkomme, heißt er Veilchendienstag – vermutlich, weil man sich da veilchenblau säuft oder im Suff veilchenblau haut oder auch beides. Sicher ist, es handelt sich um den Tag vor dem Aschermittwoch.

Heute habe ich auch wieder etwas Neues zum Thema semlor gelernt. Ursprünglich aß man in Schweden vor Beginn der Fastenzeit nur ein simples Hefeteilchen, das man in Milch tunkte, den hetvägg (eine Geschichte über die unerwartete Gefährlichkeit der Dinger lest ihr hier). Irgendwann wurde das zu langweilig und die Sahne- und Mandelfüllung wurde erdacht. Was ich bisher nicht wusste: Eines Tages kam dann jemand (vermutlich ein Konditor) auf die Idee, dass man die Dinger nicht nur am Fettistag, sondern jeden Dienstag zwischen jenem und Ostern essen könne. Fasten kann man ja an der anderen Tagen. Wenn man denn unbedingt will. Mittlerweile gibt's semlor zwischen Weihnachten und Ostern ungefähr überall. Gefastet wird dann eher vor dem Sommerurlaub.

J. und ich haben schon ein bisschen vorab experimentiert – unter anderem, damit ich rechtzeitig diesen Eintrag schreiben kann. Nachdem wir im vorigen Jahr in mühevoller Kleinarbeit relativ komplizierte, wenn auch zugegebenermaßen sehr schmackhafte, semlor hergestellt hatten, sollte es diesmal etwas Einfaches, aber trotzdem wirklich Leckeres sein. Darum fiel unsere Wahl auf ein Rezept des Hobbybäckers Martin Johansson, der mit seinem erfolgreichen Backblog Pain de Martin (Martins Brot) das Konzept "einfach, aber gut" verfolgt. Früher war ich bei uns fürs Backen zuständig (was mit der ein oder anderen Katastrophe einherging, wie zum Beispiel hier nachzulesen), nach der Geburt von M. hat J. das Backen übernommen. Eigentlich war das für "vorübergehend" gedacht, aber wir haben das bis heute mehr oder weniger beibehalten. Entweder backt J. oder wir zusammen. Auch das gar köstliche und – man staune! – gänzlich knetfreie Brot, das bei uns inzwischen auf den Tisch kommt, ist eine Erfindung von Martin und wird alle paar Tage von J. gebacken.

Kugelkunst.
Kann erst später weg.

Kurz: Unsere Erwartungen waren hoch – und wurden nicht enttäuscht! Die semlor waren nicht nur fluffig und hübsch, sondern einfach köstlich. Die Geheimnisse der Köstlichkeit sind der frisch gemörtelte Kardamom und die vor dem Zerkleinern in der Pfanne gerösteten Mandeln. Und tatsächlich wird auch hier so gut wie nicht geknetet – Kneterei scheint im Backbereich insgesamt enorm überbewertet zu sein.

Und hier ist das Rezept:

Teig für ca. 24 semlor:

25 g Frischhefe
250 g Milch
250 g Wasser
150 g Zucker
150 g Butter (kalt, wird in den Teig gehobelt)
5 g (1 Teelöffel) Salz
10 g (1 Esslöffel) ganzer Kardamom
850 g Weizenmehl (wir haben ganz normales genommen, entspricht der deutschen Type 405)
1 Ei
Puderzucker

1. Alle Zutaten – bis auf das Ei – mixen (kein Erwärmen nötig, aber wir haben die Hefe in die Milch gebröselt und gerührt, bis sie sich aufgelöst hat, auch wenn Martin das nicht explizit erwähnt), dabei dass Mehl nach und nach hinzufügen. Martin empfiehlt, von Hand mit 500 g Mehl und den restlichen Zutaten zu beginnen und später die restlichen 350 g hinzuzufügen.

2. Den Teig auf ein bemehltes Brett geben und zu einer Art Paket zusammenfalten. Es macht nichts, wenn der Teig jetzt noch nicht geschmeidig und toll aussieht, das ist völlig normal. Erst nach dem ersten Gehen wird er zu seiner Form finden. Den Teig mit Frischhaltefolie abdecken und zwei Stunden gehen lassen – alternativ kann man den Teig auch über Nacht in den Kühlschrank stellen.

3. Der Teig sollte nun ganz gut gegangen sein. Mit etwas Mehl bestreuen und mit der Hand zu einem ungefähren Viereck zusammenklopfen, von dem man gut Stücke von 60 g abschneiden kann (bitte nicht ausrollen!) Martin empfiehlt, das erste Teigstück zu wiegen, um eine Auffassung davon zu bekommen, wieviel 60 g sind – die runden Brötchen werden schnell zu groß (was jetzt auch nicht so wahnsinnig schlimm wäre, aber nun gut). Die Teigstücke zu kleinen Bällen rollen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Mit Frischhaltefolie abdecken und auf doppelte Größe gehen lassen. Dauert bei Zimmertemperatur etwa 2 Stunden. Eilige stellen das Backblech an einen warmen Ort.

4. Den Ofen rechtzeitig auf 225 Grad aufheizen.

Mit geübtem Pinselstrich 
5. Die Kugeln mit dem mit einer Messerspitze Salz verquirlten Ei bepinseln und auf der mittleren Schiene backen bis sie gut Farbe angenommen haben. Dauert ca. 10 - 15 Minuten.

6. Abkühlen lassen.

So in etwa sieht das
Backergebnis aus

Martin empfiehlt, nur für die Hälfte der Kugeln die typische Sahne- und Marzipanfüllung zu machen. Schließlich wird die Sahne am ehesten schlecht, wenn man nicht alles sofort auffuttert. Die noch ungefüllten Semmeln lassen sich aber auch prima einfrieren und schmecken wunderbar als süße Frühstücksbrötchen – einfach nur mit Butter oder auch mit Butter und Käse. Mmmmm!

Füllung für 12 semlor

Von 12 fertig gebackenen semlor schneidet man eine Kappe ab (etwa das obere Drittel) und gräbt mit den Fingern ein Loch in die untere Hälfte (ungefähr die Menge von anderthalb Esslöffeln pro Kugel). Den herausgebaggerten Teig in eine Schüssel bröseln.

Außerdem braucht Ihr noch:

1 dl (ca. 70 g) Süßmandeln
200 g Marzipanmasse (je hochwertiger, desto besser)
ca. 4 dl Schlagsahne 


1. Die Mandeln in einer Pfanne rösten bis sie etwas Farbe angenommen haben (wir haben eine gußeiserne Pfanne benutzt).

Mandeln, bereits leicht gebräunt


2. Dann die Mandeln hacken und unter die Marzipanmasse und die Teigbrösel mischen. Mit einem Schuss Sahne und etwas Wasser geschmeidig kneten. Diese Füllung kommt nun in die ausgehöhlten semlor. 

3. Die Sahne schlagen (ohne Zucker!)

4. Auf die untere Hälfte der semlor streichen oder – wenn es etwas schicker sein soll – mit einer Tülle spritzen (ein Gefrierbeutel, dessen Spitze abgeschnitten wurde, tut es auch).

5. Deckel aufsetzen.

6. Mit einem Teesieb Puderzucker aufstäuben.

Et voilà!




Ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Dies hier ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der letzte Blog-Eintrag, den ich bei Blogger verfasst habe. Ich bin mit Hilfe des grandiosen Sascha von der grandiosen Agentur Poli dabei, Blog und Website zu Wordpress.org umzuziehen, um nicht länger in das enge Google-Blogger-Korsett gepresst zu werden. Das dauert allerdings ein bisschen länger als gedacht. Ich melde mich, sobald "es vollbracht ist". Seid gespannt!








Samstag, 14. Januar 2017

DAS INGA LINDSTRÖM-PHÄNOMEN: GEFÜHLTES SCHWEDEN IN ZAUBERHAFTER KULISSE

Lust auf ein wenig Mittsommer-Feeling
mitten im Winter? Kein Problem!
Einen Teil der vergangenen Wochen habe ich damit verbracht, eine Reportage über unsere Mittsommer-Reise 2016 zu schreiben. Plötzlich war ich, während draußen die Temperatur langsam unter Null sank, gedanklich wieder in einer idyllischen Sommerlandschaft. 


Heile Schwedenwelt als Anti-Depressivum

Falls Ihr gerade keine Mittsommerreportage auf dem Schreibtisch, aber
Das ist "Inga Lindström"
alias Autorin
Christiane Sadlo.
(Foto: Dirk Bartling,
© Christiane Sadlo)
Lust auf eine Prise Sommer-in-Schweden-Gefühl mitten im Winter habt, könnt Ihr am Sonntag, 15. Januar, um 20:15 Uhr das ZDF einschalten. Da läuft nämlich mit "Tanz mit mir" die nächste Folge aus der Inga Lindström-Reihe (Wiederholung: 12. Februar, 20:15 Uhr, in der ZDF-Mediathek wird der Film nach der Erstsendung abrufbar sein.) Für Fans sind 
die leicht verdaulichen Filmchen aus der Feder von Drehbuch-Autorin Christiane Sadlo Anti-Depressiva, weil hier zuverlässig ein Girl ihren Boy findet und es sich mit so einer Geschichte wunderbar dem tristen Alltag entfliehen lässt. Für andere sind dieselben Filme seichte Schmonzetten – in etwa aus denselben Gründen. 

Können bis zu zehn Prozent der deutschen Bevölkerung irren? 

Ich gebe zu, ich war immer eher skeptisch, habe dann aber doch meinen ersten Inga-Lindström-Film geschaut, als ich 2014 stillend ans Sofa gefesselt war. Erstens aus Neugier, was den Erfolg dieser Reihe ausmacht, die bis zu acht Millionen Menschen in Deutschland vor den Fernseher lockt. Zehn Prozent der Bevölkerung! Zweitens, weil ich mich in meiner Still-Umnebelung auf nichts Kompliziertes konzentrieren konnte. Und drittens, weil die Filme in der Mediathek ganztägig abrufbar waren. Für in Schweden lebende Menschen ohne TV-Gerät ist das ein Kriterium. Wie ich mein Lindström-Debüt damals fand? Kann ich nicht mehr genau sagen, ich war abgelenkt: Ich musste mich ständig fragen, wo zum Teufel auf der Insel Öland – dort sollte sich alles abspielen – gedreht worden war. Ich mag Öland nämlich sehr und hatte mich auf nette Bilder gefreut. Zwar habe ich in einigen Einstellungen die Stadt Borgholm erkannt, aber die Villa des Geschehens schien in lieblichen Schären zu liegen. Und Schären gibt es auf Öland nicht. Dennoch muss ich mich unterhalten gefühlt haben, denn ich schaute mir vom Stillsofa aus noch weitere Filme der Reihe an und gewöhnte mich langsam ans Lindström-Universum, in dem etwa Münchner Tatort-Kommissare in sörmländischen Schlössern zuhause sind und es Namen gibt, über die sich mein Schwede nur beömmeln kann: "Wie heißt der? Laxson?" 

Wie bubbel auf nüchternen Magen: die Welt gerät lustig ins Schwanken

Nach der Elternzeit war dann erst mal Schluss mit Inga. Bis jetzt. Ich durfte "Tanz mit mir" vorab schauen* und war – ein wenig wider Erwarten – auch ohne Stilldemenz gut unterhalten. Diesmal sind es sogar drei Damen auf einmal, die vor der Kulisse des sommerlichen Stockholm in die Arme ihrer jeweils großen Liebe sinken – sogar den Gegenspielern gönnt das Script Glück. Auch sonst wird alles, wirklich a-l-l-e-s, im Rekordtempo gut, ach was, bestens. Unwahrscheinlich? Schon. Andererseits: Wer braucht schon mehr Realismus, wenn die Welt ist, wie sie sich derzeit präsentiert? Auch diese Lindström-Geschichte fühlte sich ein bisschen an wie ein Glas etwas zu süßer bubbel – wie Schweden liebevoll alle Perlwein-Getränke nennen – auf nüchternen Magen: Die Welt gerät lustig ins Schwanken. Gut gefallen haben mir die sympathischen Schauspieler Sina-Valeska Jung (Eva), Teresa Harder (Meret), Mike Hoffmann (Alban), Katharina Stark (Lissi) und in Nebenrollen auch Max Florian Hoppe (Henner) und der kleine Jakob Leon Wimberger (Jonas). Die haben es geschafft, durch die manchmal doch etwas arg mit schicksalhaften Zufällen gespickte Geschichte rund um eine Tanzschule mit einem Augenzwinkern zu navigieren. 


Herz an Herz spielt bei "Inga Lindström"
immer die Hauptrolle.
Gefühltes Schweden statt zögerlicher Balz

Bei alldem ist das Schweden der "Inga Lindström" nämlich eher ein aus der Distanz Deutschlands gefühltes. Die Storys haben mit (den) Schweden oft nicht viel mehr zu tun, als dass die Protagonisten heißen wie Produkte aus dem Ikea-Katalog – oder irgendwie so ähnlich. Dabei bewohnen sie für Normalmenschen völlig unerschwingliche Immobilien, die in atemberaubender Schären-Kulisse oder – im Fall von "Tanz mit mir" – eben in Stockholm liegen. Das in Sachen "feste Beziehung" doch eher von beslutsångest (Schwedisch für "Angst vor Entscheidungen") geprägte Paarungsverhalten der echten Schweden findet dagegen keinen Niederschlag. Das würde nämlich jeden einzelnen Lindström-Film zu einem Streifen mit Überlänge machen. Warum, das kann man zum Beispiel hier oder hier und natürlich in Verliebt in Schweden nachlesen. Allerdings, einen Punkt gibt es 
So ticken Schweden:
Ein sehr empfehlenswertes Geschenk
für Neu-Schweden
doch, in dem Lindström relativ authentisch schwedisch ist: Die Protagonistinnen sind keine hilflosen Mäuschen, sondern Frauen mit eigenen Jobs, die sich auch ohne Beistand eines Y-Chromosom-Trägers aus ihrer Misere befreien könnten. Dass sie sich doch hier und da helfen lassen, hat eher romantische Gründe

Christiane Sadlo, die Frau hinter dem Pseudonym

Schon nach "meinem ersten Lindström" regte sich bei mir Neugier auf die Frau, der Storys mit garantiertem Happy End wie am Schnürchen aus den Hirnwindungen fließen. Als mir nun das Vorab-Guck-Angebot ins virtuelle Postfach flatterte, fragte ich gleich, ob dann auch ein Interview mit Christiane Sadlo möglich sei. Und tatsächlich, die knapp 63jährige Wahl-Berlinerin, die schon vor der Lindström-Reihe sehr erfolgreich Drehbücher für Serien wie "Lisa Falk" oder "Forsthaus Falkenau" geschrieben hat, hatte Zeit und Lust, mir meine Fragen zu beantworten. 

Verliebt in Schweden: Karl May hat den Großteil seiner Winnetou-Saga geschrieben, lange bevor er die USA bereist hat. Kurt Tucholsky hingegen hat zunächst Urlaub in der Nähe von Mariefred gemacht, bevor er "Schloss Gripsholm" schrieb. Wie ist das bei Ihnen?
Christiane Sadlos
erster "richtiger" Roman
(will sagen: kein Buch zum Film)
als "Inga Lindström"

Christiane Sadlo: Ich bin dann doch eher wie Tucholsky! Bevor ich anfing Drehbücher zu schreiben, die in Schweden spielen, bin ich einige Male dort gewesen. Schon beim ersten Mal hab ich mich in Schweden verliebt.

VIS: Wie kam es denn genau dazu, dass Sie als "Inga Lindström" anfingen, Drehbücher zu schreiben? 


CS: Irgendwann saß ich an einem idyllischen Seeufer. Sonnenuntergang wie im Film, Segelboote auf dem Wasser, Stille..., das war die Landschaft, in der meine zukünftigen Geschichten spielen sollten.

VIS:
Im Grunde könnten sich Ihre romantischen Geschichten aber auch in Rom, Paris oder Berlin abspielen ...

CS:
Wenn ich Storys für Berlin schreibe, sind sie anders getaktet, hektischer, schneller, ruppiger. Jede Stadt hat ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Klang. Ich mag vor allem den Sommerklang von Schweden. Wundersam helle Tage. Weite Himmel. Inseln zu Tausenden ins Meer getupft. Einzigartig.

VIS: In "Tanz mit mir" finden die Hauptpersonen die große Liebe und alle Probleme lösen sich auf wundersame Weise. Sie bekommen vermutlich schon mal zu hören, so etwas sei ja ziemlich unrealistisch. Nun habe ich zufällig selbst eine eher unglaubliche Geschichte erlebt (wobei alles doch etwas komplizierter war als in der lindströmschen Welt) und sogar Hauptdarstellerin Sina-Valeska Jung hat ja offenbar eine eher ungewöhnliche Love-Story im Gepäck. Das führt mich zu der Frage: Legen Sie den Inga-Lindström-Storys zuweilen wahre Begebenheiten zugrunde?

CS:
Ich rede viel mit Menschen, höre ihnen zu, lese über sie. Manchmal ist eine Geschichte so oder ähnlich von einer Freundin erlebt worden, manchmal hab ich selbst so etwas erlebt, manchmal hat die Frau am Nachbartisch im Cafe ihrer Freundin davon erzählt... einen realen Bezug gibt es eigentlich immer.

VIS:
Überhaupt: Was inspiriert Sie?

CS: Das ist einfach: das Leben. In all seinen Farben.

VIS: Haben Sie eine "Botschaft"? Zum Beispiel, dass man das Leben nicht so ernst nehmen soll und alles besser durch die rosa Brille betrachtet?

CS: Botschaft würde ich das nicht nennen. Eher vielleicht Trost. Oder banal auch Ablenkung. Es sieht in unserer Welt grade nicht sehr schön aus. Da biete ich mit meinen Geschichten gerne ein paar kleine Fluchten. 90 Minuten der Traum von einer Welt, in der zwar auch nicht immer alles in Ordnung ist, in der es aber immer ein Happy End gibt.


VIS: Haben Sie ein Vorbild?
Der Strandvägen ist eine der teuersten
Adressen in Stockholm – unter seinen gestutzten
 Bäumen flanieren die Protagonisten aus "Tanz mit mir"
unermüdlich auf und ab.
(Foto: henryk_trygg/imagebank.sweden.se)

CS: Nein.

VIS: Reisen Sie auch schon einmal zu den Dreharbeiten in Schweden? 


CS: Ich bin schon hin und wieder bei Dreharbeiten. Aber das sind 
immer immer sehr kurze Besuche. Schließlich wird beim Dreh konzentriert gearbeitet. Als Autorin, die mit Abgabe des Drehbuchs ihre Arbeit getan hat, ist man da einfach fehl am Platz. 

VIS: Wo in Schweden ist es am schönsten? 

CS: Ich bin verliebt in Stockholm. Für mich eine der schönsten Städte, die ich kenne. Und geradezu magisch ist der Schärengarten. Perfekte Harmonie von Licht, Wasser, Inseln. Mein schönstes Erlebnis war die Einfahrt mit der Fähre von Helsinki bei Sonnenaufgang in den Schärengarten. Märchenhaft.

VIS: Was gefällt Ihnen am besten an Schweden?

CS:
Wie gesagt, ich bin ein Stockholm-Fan. Aber auch die Westküste mit ihrer raueren Natur mag ich sehr gerne. Die roten Holzhäuser, der Götakanal, die tausenden Seen... Eigentlich kann ich gar nicht aufhören zu schwärmen.

VIS: Und an den Schweden?

CS: Weltoffene, sehr freundliche Menschen, die mir immer sehr interessiert begegnen.

VIS:
Wie kommen Sie auf die Namen Ihrer Figuren? Ich habe da so eine Vision: Sie haben eine große Skandinavien-Karte an der Wand und tippen mit geschlossenen Augen auf einige Orte und würzen dann mit Namen aus schwedischem Showbiz und Sport nach ... In "Tanz mit mir" heißen jedenfalls zwei der Protagonisten Narvik, wie die Stadt in Norwegen, eine heißt Boda, wie ein Ort in der Nähe von Gävle in Schweden. Es gibt Edbergs (wie Tennisspieler Stefan) und Stenmarks (wie Ski-Legende Ingemar). Ein Protagonist heißt Alban, ein Name, der in Schweden extrem ungewöhnlich ist – es sei denn man ist Dr. Alban ... 


CS: Erstens ist das Telefonbuch von Stockholm eine große Hilfe. Und natürlich hängt auch die Schwedenkarte hinter meinem Schreibtisch und dient der Inspiration. Hin und wieder nehme auch einfach Namen von Leuten, die ich toll finde oder auch von welchen, die ich nicht leiden kann, für den Antagonisten...


VIS: Apropos, wie sind Sie auf das Pseudonym "Inga Lindström" gekommen?

CS: Lindström klingt auch für deutsche Ohren nicht fremd. Und Inga, das ist die kleine Dunkelhaarige aus den Bullerbü-Filmen, die mochte ich als Kind besonders gern.**


Auch dieses hübsche Rondell am Wasser
im Stockholmer Stadtteil Hammerby durfte mitspielen.
(Foto: ola_ericsoon/imagebank.sweden.se)
VIS: Wie reagiert das Publikum auf Ihre Geschichten?

CS: Ich habe ein hauptsächlich weibliches Publikum. Die Frauen sagen mir oft, dass sie sich regelrecht auf den Sonntagabend mit Inga freuen. Da könne man sich, bevor der Alltag einen am Montag wieder in Beschlag nimmt, noch einmal ganz relaxt wegträumen...

VIS: Bekommen Sie auch Feedback aus Schweden? 

CS: Manche meiner schwedischen Freunde rufen mich nach einem Film lachend an und sagen mir, ich hätte hoffentlich nicht vergessen, dass nicht alle Schweden ein Haus auf den Schären besitze. Aber ich bekomme auch Mails, in denen ich beglückwünscht werde zu meinen Storys. Und der Fremdenverkehrsverband ist regelrecht dankbar über meine kostenlose PR-Arbeit.

VIS: Frau Sadlo, ich bedanke mich für das Interview.


Wenn Ihr nun neugierig geworden seid, dann schaut Euch doch einfach "Tanz mit mir" an – und lasst mich gerne hier in den Kommentaren wissen, wie Euer Eindruck war.  Bin gespannt, was Ihr sagt!

*Kleine Zusatz-Info für die ewigen Meckerfritzen: Nein, ich bekomme für dieses Posting nix vom ZDF oder sonst irgendwem – abgesehen von der Möglichkeit, den Film vor dem eigentlichen Sendetermin sehen zu dürfen. Ansonsten hätte ich den Post als "sponsored" gekennzeichnet. Was er aber in diesem Fall nicht ist. Wie gesagt.

** Und noch eine für die passionierten Besserwisser (ein Wort, das es übrigens genau so auch im Schwedischen gibt, nur klein geschrieben) unter Euch: Im schwedischen Original von Astrid Lindgren heißt das Mädchen Anna. Klein geschrieben bedeutet "inga" übrigens "keine". "Inga problem" bedeutet zum Beispiel – wörtlich übersetzt – "Keine Probleme" im Sinne von "Macht nix" oder eben "Kein Problem".

Mittwoch, 11. Januar 2017

WER IST EIGENTLICH DIESER KNUT – UND WAS HAT DER SCHUFT MIT DEM WEIHNACHTSBAUM GEMACHT?

Unsere Weihnachtskarte 2016 –
selbst gestaltet von der ganzen Familie.
Praktischerweise passt das Motiv
auch zu "Knut" 2017.
Statt rein kommt der Baum eben raus.
Am 13. Januar – dieses Jahr übrigens ein Freitag – ist der tjugondag jul, also der 20. Tag nach Heiligabend, dank der Werbespots eines schwedischen Möbelhauses in Deutschland kurz und bündig bekannt als "Knut" – kurz für tjugondag Knut (zur Herkunft dieser alternativen Bezeichnung komme ich gleich). Jedenfalls pfeffern, glaubt man dem Möbelhaus, an diesem Tag alle Schweden ihren Weihnachtsbaum durchs Fenster auf die Straße. "Knut" ist nämlich offiziell der letzte Tag der Weihnachtszeit, die damit in Schweden eine satte Woche länger dauert als an anderen Orten, wo mit dem Dreikönigs-Tag bereits Schluss mit lustig ist. Dafür übernimmt dann ja meist der Karneval, der in Schweden bekanntlich eine eher untergeordnete Rolle spielt. 

Zwei Männer in der Prinzenrolle sind einer zuviel 

Der Baum im Raum
Wer ist denn nun dieser komische Knut? Oder besser gesagt: Wer war es? Am 7. Januar 1134 wurde der dänische Prinz Knut Lavard von seinem Vetter Magnus im dänischen Ringsted um die Ecke gebracht. Magnus schlug einen Tag nach dem Ende des obligatorischen Weihnachtsfriedens zu – auch Morden geht nicht immer, Ordnung muss sein. Magnus war der Sohn des damaligen Königs Nils. Eigentlich war aber Cousin Knut der rechtmäßige Thronfolger, weil Onkel Nils nach Knuts Vaters Tod übernommen hatte, als Knut noch klein zum Regieren war. Kurz: Knut war Magnus ein Dorn im Auge. Knut wurde nun also nicht König (Magnus übrigens auch nicht, die Karmakeule schlug ein knappes halbes Jahr später zu – tja!), aber immerhin später heilig gesprochen. Sein Todestag wurde sein Namenstag – in Dänemark ist er das immer noch. In Schweden allerdings schob man "Knut" Anfang des 18. Jahrhunderts auf den 13. Januar.

Alles muss raus: Julgransplundring mit Ringelpiez und Trällerei
Unsere Krippe erfuhr im Laufe
der Weihnachtszeit leichte personelle
Veränderungen: ein vierter König
tauchte auf und brachte Fischbrötchen mit

Knut hat also mit dem Bäume-Rauswerfen in etwa genauso viel oder wenig zu tun wie Orangenhaut mit einer Orange. Nun ist der gemeine Schwede natürlich viel zu gut erzogen, um einfach seinen Baum auf die Straße zu schmeißen. Der Rieselpin wird selbstverständlich als Gartenabfall entsorgt. Richtig ist nämlich, dass die meisten Schweden am 13. den Christbaumschmuck und die Krippe einpacken. In manchen Familien hängen statt Kugeln Süßigkeiten und kleine Geschenke am Baum – das lädt dann zur traditionellen julgransplundring, der Weihnachtsbaumplünderei, ein, bei der die Kinder den Baum stürmen und die Geschenke an sich bringen.

Kommt nächstes Jahr der Zombie-Baum?

Zuvor wird allerdings um den Baum herumgetanzt (Schweden tanzen allgemein gern um irgendwas herum) und gesungen (und singen tun sie auch gern):

”Nu är glada julen slut, slut, slut
julegranen kastas ut, ut, ut
men till nästa år igen
kommer han, vår gamle vän
för det har han lovat. 

Übersetzt bedeutet das sinngemäß (ich habe die wortwörtliche Übersetzung zugunsten von Grammatik und Reim verlassen):

"Nun ist das frohe Weihnachtsfest aus, aus, aus
und der Weihnachtsbaum kommt raus, raus, raus
aber bis zum nächsten Jahr 
ist der alte Freund wieder da,
denn das hat er versprochen."

Wie so eine zunächst all ihrer Kleider beraubte und dann lieblos hinausgeworfene rieselnde Tanne es nun schaffen will, beim nächsten Weihnachtsfest wieder am Start zu sein – außer vielleicht als Zombie – ist das Geheimnis des Reimerfinders. 

Liebe Grüne-Daumen-Träger: Sachdienliche Hinweise erwünscht!

Unser Baum könnte theoretisch noch viele Weihnachtssaisons mitmachen: Ich bin nämlich Hippie und Baumumarmerin im Herzen und ertrage nicht den Tod eines hoffnungsvollen Bäumchens, schon gar nicht zu schnöden Dekozwecken. Darum haben wir eine im Topf gewachsene Bio-Nordmanntanne mit Wurzeln erstanden. Um sie nach Weihnachten in den Garten von J.s Vater zu pflanzen. Ob das allerdings an "Knut" passieren wird, ist fraglich. Denn: Kann man so einen Baum mitten im Winter rauspflanzen? Weiß das jemand? Für Tipps bin ich dankbar! Auch was die restlichen Festivitäten betrifft, gibt es Schwierigkeiten: Unser Baum steht zum Beispiel aus Platzgründen drumherumtanzunfreundlich in der Zimmerecke. Aber vor allen Dingen bin ich erst vor ein paar Tagen auf die gut 100 Jahre alte Plünderungstradition aufmerksam geworden – darum hängt – pssst! – dieses Jahr, an unserem allersten richtigen Baum, auch noch nix Süßes. Aber nächstes Jahr an Weihnachten wissen wir Bescheid ...