Samstag, 14. Februar 2015

VON MÄNNERN MIT BRÜSTEN UND FRAUEN MIT EIERN

Ich habe immer gehört, man könne mit kleinem Baby kein Buch mehr in Ruhe lesen. Meiner Erfahrung nach stimmt das nicht: Beim Stillen konnte ich, gerade am Anfang, zeitweise wirklich nichts anderes tun und habe vor allem, aber nicht nur, Krimis inhaliert. Inzwischen dauert das Stillen nicht mehr so lange, ich lese trotzdem – ein paar Seiten schaffe ich fast immer (und was ich nicht schaffe, hole ich beim Baby-in-den-Schlaf-Latschen mit dem ErgoBaby nach). Die Still-Lese-Vorliebe habe ich mit Stefanie Lohaus gemeinsam, die mit ihrem Freund Tobias Scholz ein bemerkenswertes Buch geschrieben hat, das ich in zwei Tagen durch hatte: Papa kann auch stillen. Stefanie und Tobias haben bereits in Stefanies Schwangerschaft beschlossen, sich Kind, Haushalt und Job fifty-fifty zu teilen, damit beide die Möglichkeit haben, eine stabile Bindung zu ihrem Sohn zu etablieren und gleichzeitig nicht den Anschluss im Job zu verpassen. Und ganz generell mehr von allen Bereichen des Lebens zu haben. Spaß zum Beispiel. Als Familie. Mit dem Partner. Und auch alleine. Mit anderen Worten: Sie wollten die gesetzlich ja vorgesehene Gleichberechtigung von Mann und Frau einfach mal leben. Wie sie das in jeder Konsequenz durchziehen und auf welche Schwierigkeiten, Vorurteile und unterschwelligen oder offen geäußerten Rollenerwartungen sie dabei  in Deutschland – das Paar lebt in Berlin – gestoßen sind, darum dreht sich dieses Buch.



Ich habe beim Lesen eines Sachbuches selten so oft genickt. Zwischendurch habe ich mir zwar manchmal ein wenig mehr Humor gewünscht, aber als ich dann drüber nachgedacht habe, wurde mir klar: Zu viel Klamauk hätte dieses wichtige Thema vermutlich verwässert und den Verdacht aufkommen lassen, dass man doch gar nicht so richtig meint, was man da schreibt und darum die humorvolle Distanz sucht. Also: Es ist gut so wie es ist. Denn langweilig wird es ganz bestimmt nicht.

Vor allem aber ist dieses Buch eines: wichtig!

Dass ich das mal schreibe, hätte ich nicht von mir erwartet. Normalweise hasse ich nämlich diese "Wichtig"-Formulierungen im Stil von "Die 50 wichtigsten Männer, die sich gern in Denkerpose ablichten lassen" oder "Die wichtigsten Bücher, die ich auf dem Klo gelesen habe" oder von mir aus auch "Die 100 wichtigsten Käsekuchen" – und dann folgt fast immer eine mehr oder weniger willkürliche Auflistung von Dingen oder Leuten, die der jeweilige Redaktionsmitarbeiter irgendwie bemerkenswert fand. Geschmacksache also, fast immer. Zufall auch oft. Aber eben selten wirklich "wichtig". Wenn ich also sage: Dieses Buch ist wichtig, dann meine ich, dass es mir nicht nur gut gefallen hat, sondern dass es meiner Ansicht nach auch wirklich wichtig ist. Nämlich als gesellschaftliches Beispiel. Es handelt, gewissermaßen, von Männern mit Brüsten (die "auch stillen" können) und Frauen mit Eiern (die keine Angst vor vermeintlich "männlichen" Domänen haben). Will sagen, Menschen, die den Mut haben, bei und nach der Familiengründung etwas anders zu machen als, immer noch, die meisten. Daran mangelt es in Deutschland noch eklatanter als an gute ausgebildetem Krippenpersonal und genau darum fand ich den Gedanken ans Kinderkriegen früher in Deutschland so, sagen wir, schwierig. Weil ich gerne selbst entscheide, welche Rolle ich wann und warum ausfülle und mir ungern etwas aufdrücken lasse. Weder von gesellschaftlichen Normen, meinem Partner oder von einem "Tradionalisierungseffekt", der aus ökonomischen und gesellschaftlichen Gründen auch Menschen heimsuchte, die eigentlich bisher immer ganz progressiv waren. Hier habe ich mir darüber schon mal ein wenig Gedanken gemacht.

Ich, zufällig ebenfalls gut ausgebildete Akademikerin und wie Stefanie Lohaus freie Autorin, fand das alles blöd. Und mich eines Tages in Schweden wieder. Nicht zum Kinderkriegen, selbstverständlich, sondern aus hier beschriebenen Gründen. Ich hatte nun plötzlich einen Partner, der ganz selbstverständlich Putzlappen und Staubsauger in die Hand nahm, einkaufte, kochte und seine Tochter aus einer früheren Beziehung bespaßte. Gleichzeitig verdiente ich das meiste Geld (von uns) (was übrigens nicht gleichbedeutend mit "viel Geld" ist!) Traditionelle Rollenbilder spielten bei uns jedenfalls, haha, keine Rolle. Dem Sex-Appeal tat das übrigens auf beiden Seiten keinen Abbruch, was ja immer mal gerne mit Verweis auf angeblich steinzeitliches Erbe (Mann = Jäger und Sammler, Frau = will an den Haaren in die Höhle gezerrt werden) behauptet wird. Eine Ausnahme war das aber nicht. Ähnliches sah ich um mich herum. Zum Beispiel Spielplätze mit Papas in Elternzeit – manchmal in der Überzahl. Ich erlebte Freunde, sämtlich gut ausgebildet, die ohne viel Tamtam gleiche Rechte und Pflichten lebten, Spaß als Familie hatten – und Kinder kriegten. Zum Teil viele Kinder. Unsere Freunde Britta und Kalle haben voriges Jahr das fünfte bekommen. Das hat mit der schwedischen Familienpolitik zu tun, die auf Eigenverantwortung beider Partner baut. Mit dem Fehlen von Dingen wie dem Ehegattensplitting. Mit dem ganz einfachen und superflexiblen Elterngeld-System. Mit sehr guter und günstiger – und vor allem flächendeckender – Kinderbetreuung. Mit Hippie-Eltern, die auch ihre Jungs in den Siebzigern und Achtzigern zur Mitverantwortung in Haushaltsdingen erzogen und ihre Mädels mit technischem Spielzeug beglückten. Mit Pippi Langstrumpf, natürlich. Und mit vielen großen und kleinen Dingen mehr.

Und plötzlich konnte ich es mir vorstellen. Das Kinderkriegen. Der Mann stimmte. Alles andere stimmte auch. Und wenn Stefanie Lohaus und Tobias Scholz' Beispiel Schule macht, stimmt es vielleicht auch irgendwann in Deutschland. Und ob Papa denn nun wirklich stillt? Lest das Buch, dann wisst ihr es.

P.S. In absehbarer Zeit soll übrigens hier eine von den Autoren betreute Website zum Thema online gehen.




Kommentare :

  1. Das versöhnt mich wieder ein bisschen mit der restlichen Welt da draußen.

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    1. ... was wiederum mich mit heute und den letzten Tagen etwas versöhnt! :)

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    2. Ich weiss eh: nie kommt man zu was. Und: irgendwas ist immer.
      Aber: Der März kam. Der März ging. Dann kam der April. Was aber nicht kam, war ein Blog-Update aus Schweden.
      Das ist schade. Weil: ich hätte gerne eins gelesen.
      Und: ich hoffe jetzt, dass eines kommt, bevor der April geht. Das würde mich freuen.

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    3. Ich freu mich sehr, dass es Menschen gibt, die gern was von mir lesen. Allein, gerade geht's wirklich nicht. Ich muss in jeder Zeitlücke arbeiten, die Deadlines dräuen.

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  2. Liebe Stella,
    das Thema ist für mich derzeit nicht so relevant, aber ich denke gesellschaftspolitisch sehr interessant. Steht schon auf meiner Bücherliste! :-)
    Ganz liebe Grüße nach Schweden,
    Mella
    Mella

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  3. Liebe Stella,

    was Du hier beschreibst, finde auch ich - die ich keine Kinder habe(n werde) - sehr wünschenswert!

    Immer, wenn ich in Schweden bin, beobachte ich diese wunderbare Gleichstellung. Hier werden Mütter nicht in die Hausfrauen oder Doppel-Streß-Rolle gedrängt.
    Es sieht immer zauberhaft aus, wie diese coolen Stockolmer Typen völlig selbstverständlich mit ihren Kindern umgehen und dadurch direkt die nächste Generation mit diesem wünschenswerten Modell heranziehen.

    Seit 2012 liegt dazu schon ein halbgarer Post in meinem Blog herum, aber Du weißt ja wie das ist: Manchmal kommt man zu nichts. Auch ohne Kind.. ;-)

    Liebe Grüße und danke für den Literaturhinweis!

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    1. Ja, genau, ich habe das auch immer als gegeben vorausgesetzt, bin ich doch mit einer arbeitenden und sehr liebevollen Mutter und dem Weltbild von Pippi Langstrumpf aufgewachsen. Wäre mein Vater nicht so früh gestorben, wäre das bei uns vielleicht auch traditioneller abgelaufen und ich wäre nicht so erschrocken, als ich als Erwachsene entdeckte, dass bestimmte Dinge von mir als Frau erwartet werden, einfach nur aufgrund des Geschlechts. Dieser ganze biologische Determinismus ist meiner Ansicht (und Erfahrung nach) nach Quark – bis auf Schwangerschaft, Geburt und das Stillen. Ich kann jedenfalls einparken und mein Mann kann zuhören. Ich hab hier noch einen Literatur-Tipp zum Thema: http://www.klett-cotta.de/sixcms/detail.php?template=ebook_detail&id=21765 Sehr kluge Frau (und Mutter).
      Liebe Grüße ins D-dorf!

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  4. Hallo,
    Danke für den interessanten Artikel. Ich persönlich mache mir gerade in die andere Richtung Gedanken. Manchmal gibt es Situationen, in denen eine "traditionelle" Rollenverteilung mehr Sinn macht als eine gesplittete. Zum Ausgleich könnte man z.B. nach 5-10 Jahren dann den Spieß umdrehen: Hausfrau wird wieder zu Karrierefrau und Karrieremann zu Hausmann. Ist das Hausfrauen-Modell in Schweden eigentlich verpönt? Am schönsten wäre es, wenn erlaubt ist, was funktioniert... auch wenn es vielleicht nicht dem Zeitgeist entspricht.

    Danke für das tolle Buch. Die Zeichen vom Universum gibt es übrigens wirklich. Ich habe gerade so viele Zeichen vom Universum erhalten, dass du damit ein neues Buch füllen könntest. Aber die Geschichte ist noch nicht aus, und ich weiß nicht, ob sie überhaupt veröffentlicht werden sollte. Amüsant und unterhaltsam ist sie bisher jedenfalls sehr, und ich bin schon gespannt, wie es weitergeht :-)

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