Dienstag, 15. Oktober 2013

DIE HANDWERKER VON CASA CHRISTO ODER: AUF DIE SOCKEN, FERTIG*, LOS

Wenn Häuser plötzlich BHs
wie einst Liz Taylor  tragen ...
Wir wollten ja eigentlich vergangene Woche auf die Buchmesse. Nette Verlagsleute und Kollegen treffen und uns auf Partys die Nächte um die Ohren schlagen. Doch das Schicksal hat vor unser Vorhaben den schwedischen Handwerker gesetzt. Und der schwedische Handwerker steht deutschen Buchmessen und den Notwendigkeiten des Autorenberufs mit größtmöglichem Gleichmut gegenüber.

... dann könnte es sein,
dass untendrunter was fehlt
Unser unter Denkmalschutz stehender Häuserblock wird nämlich auf Beschluss der Eigentümergemeinschaft seit ungefähr Mai renoviert. Die Kupferdächer werden mit Hochdruck gereinigt – eine nicht unbedingt geräuscharme Tätigkeit – und dann neu angemalt. Neuerdings werden auch schadhafte Fassaden mit Hochdruckmeißeln (oder wie immer das heißt) weggesprengt. Offensichtlich besitzt die Häuserwand, die direkt an unsere Wohnung anschließt, eine extrem schadhafte Fassade. Das war mir bisher nie aufgefallen, aber es muss wohl so sein, denn es hört sich zuweilen an, als wohne man im Schädel von jemandem, der gerade eine Wurzelbehandlung bekommt. Der Dachhochdruckreinigermann stimmt in der Regel auf der anderen Seite ein. Und falls mal gerade keiner Krach macht ist da natürlich das Handwerkerradio. Nicht etwa mit den Einstürzenden Neubauten – dann könnte man das Ganze fast für eine Installation halten. Nein. Da trifft Born in the USA aufs Trommelfell. The Final Countdown. Oder gar Sean Banan. Doch Flucht ist unmöglich.

Es werden nämlich nicht nur die Dächer und Fassaden, sondern auch die Fenster renoviert. Die werden dazu zunächst ausgebaut und abgeschliffen. Während der Frischluftphase wird das Fensterloch frei nach Christo verhüllt. Sobald die Fenster wieder drin sind, werden sie dann (bei geöffnetem Fenster) mehrere Male angestrichen. Bisher sind nur unsere Wohnzimmerfenster vollständig farbbehandelt, die restlichen fehlen noch. Aus sämtlichen Fenstern ist allerdings die Dichtung** raus. Das heißt unter anderem, alle Fenster müssen noch einmal ausgebaut werden, um die Dichtung** wieder einzufügen. Nun sind aber "unsere" Fensteranmaler seit einiger Zeit abgetaucht – und seit ihrem Verschwinden war jederzeit mit ihrem erneuten Auftauchen zu rechnen. Darum musste immer mindestens einer von uns da sein, um zu verhindern, dass wir hinterher einen volltrotteligen Wohnungskater weniger haben. Der würde in der freien Wildbahn nämlich ein Mäuseloch anschnurren, bis die Maus ihm sein Trockenfutter serviert.

Wie man an der Farbe der Belaubung erkennt,
entstand dieses Bild vor mehreren Wochen, denn ...
Doch heute morgen hat J. einen der Anstreicher im Hof entdeckt. Der schaffte es nicht rechtzeitig, sich zu verstecken und wurde von J. zur Rede gestellt. Der Handwerker erklärte, es sei frühestens in zwei Wochen mit fensterlichem Weiteranstrich zu rechnen. Während die Wegmeißler und vor allem der Hochdruckmann mit seiner Tropferei an "unserem" Haus beschäftigt seien, sei das Anstreichen nämlich unmöglich. Nach der Bemalung müsse dann die Farbe trocknen. So Pi mal Daumen einen Monat. Dann könnten auch die Dichtungen** wieder rein. J., der mitgerechnet hatte, merkte höflich an, dann sei es ja bereits so ungefähr Anfang Dezember. Also möglicherweise kalt. Schweden und so. Daraufhin bekam er den wertvollen Tipp, zusammengerollte Decken vor die Fenster zu legen. Man lernt nie aus!

Nun, wenn die Handwerker zurückkommen, dann weiß ich immerhin, dass ich an ihnen wieder ein faszinierendes Phänomen beobachten kann: Egal, welcher schwedische Handwerker oder Dienstleister unsere Wohnung bisher betreten hat, ob Fensteranmaler, Elektriker, Badezimmerschimmelbegutachter – sie alle kamen herein und schlüpften zuallererst aus den Schuhen. Egal, ob sie sich eine Stunde oder nur eine Minute in der Wohnung aufzuhalten gedachten. Während man in Deutschland nach Handwerkerbesuch je nach Wetter ja schon mal die Bude grundreinigen kann, nimmt der schwedische Handwerker sich die Zeit für diese kleine rücksichtsvolle Geste. Wie alle Schweden, denn hier gilt: In Privatwohnungen werden die Schuhe ausgezogen.

... heute geht die Färbung
eher in  diese Richtung
(Foto: J. Montelius)

Insbesondere Schwedenbesucherinnen sind darum gut beraten, ihr Outfit beim Aufsuchen privater Partys nicht ausschließlich auf die Christian Louboutin-High Heels abzustimmen. Sondern darauf, dass das modische Ensemble auch mit Gästepantoffeln aus Filz oder dicken Socken funktioniert (die man im Idealfall selber mitbringt). Auch das rechtzeitige Entsorgen löchriger Strumpfwaren ist aus diesem Grund angeraten, andernfalls steht man dann zur Abwendung größerer Peinlichkeiten schon mal barfuß da. Ich spreche da aus Erfahrung, wie in diesem empfehlenswerten Buch im Kapitel 10 nachzulesen (übrigens eins meiner persönlichen Lieblingskapitel!)

Eine weitere Besonderheit schwedischer Handwerker ist übrigens, dass man ihnen gar nicht erst mit der Frage zu kommen braucht, ob sie eine Tasse Kaffee haben wollen. Für Schweden ist die fika, die Kaffeepause, derart überlebensnotwendig, dass jeder Handwerker – wie auch jeder Schwede, der mehr als etwa eine Stunde von seinem Heim entfernt ohne unterwegs Kaffeekochmöglichkeiten zu haben – ohnehin seine eigene Thermoskanne Kaffee dabei hat. Die Handwerkergang hier hat allerdings  ein Zelt mit einem eigenem Kaffeekocher. Da gerät man natürlich ins Grübeln.

Zum Beispiel über die drängenden Fragen des Augenblicks: Wann werde ich endlich wieder Handwerkersocken und zu Gesicht bekommen, deren Besitzern ich keinen Kaffee anbieten kann? Wann werden die Handwerkersocken sich endlich nach getaner Arbeit auf sich selbst machen? Werden J. und ich es zur frühjährlichen Buchmesse in Leipzig schaffen? Wir werden sehen!

Stay tuned!


*oder eben gerade nicht 

** Der aufmerksame Verliebt-in-Schweden-Leser Sebastian Risch machte mich darauf aufmerksam, dass das von mir anfangs laienhaft verwendete Wort "Isolierung" falsch sei, da Isolierung das Resultat einer gut funktionierenden Dichtung sei und nicht mit selbiger identisch. Eigentlich vollkommen logisch, aber wie soll man bei dem Krach noch logisch denken können? Vielen Dank für den Hinweis, lieber Sebastian, die Sache wurde verbessert. Hier soll ja alles seine Richtigkeit haben! 




Dienstag, 1. Oktober 2013

ALLES LAGOM IM BANANENKARTON? ODER: WENN REISEFÜHRER IRREN

Ich habe genau die richtige
Menge Met. Prost!
, sagt dieser
Wikinger
Ja, ich weiß es. Ich schreibe tendenziell zu viel in einem einzelnen Eintrag und ansonsten viel zu selten (Na, nickt Ihr alle? Vermutlich!) Darum habe ich mich dazu entschlossen, den schwedischen Weg zu wählen: In Zukunft gibt es lagom lange Texte. Oder eben lagom kurze. Ihr wisst nun nicht, was lagom bedeutet? Dann kann ich Euch entweder die Lektüre dieses Buches empfehlen – aber ich kann es Euch auch schnell erklären.

Lagom kommt – das wird den ein oder anderen überraschen – nicht von "laget om" – was übersetzt so viel wie "reihum" bedeuten würde.  Leider wird selbst in ansonsten sehr lesenswerten Reiseführern diese Unwahrheit kolportiert – ganz einfach, weil es sich dabei auch um ein unter Schweden verbreitetes Gerücht handelt, dem Reiseführerautoren schnell auf den Leim gehen (ich nenne keine Namen, habe aber Beweismaterial vorliegen). Die rustikale Geschichte von den Wikingern, die ihr Horn mit Met reihum gehen lassen, liest sich einfach so nett. Dennoch handelt es sich um einen Mythos – und damit eine Kategorie, zu der J. und ich bis vor Kurzem auch die Story von der exotischen Giftspinne aus dem Bananenkarton zählten.


Lindgren: Immer
lagom unterhaltsam ...
Während die Spinnenstory überraschenderweise kein Märchen ist (jedenfalls krabbelte uns kürzlich aus einem als Transportgefäß gedachten Bananenkarton beim Ausladen hier vor der Haustür tatsächlich ein sehr exotisch aussehendes, achtbeiniges Wesen entgegen, das nun die schwedische Fauna durcheinanderbringt), erfährt man aus dem etymologischen Wörterbuch "Ordens ursprung" (Der Ursprung der Worte) des Journalisten und preisgekrönten Sprachexperten Bo Bergmann, wie es sich mit lagom wirklich verhält.
   Lagom geht Herrn Bergmanns Ausführungen zufolge auf lag zurück, das schwedische Wort für Gesetz, und bedeutet in etwa "im richtigen Verhältnis". Es ist formal identisch mit dem altschwedischen Begriff laghum – wörtlich übersetzt: "dem Gesetz gemäß". Im täglichen schwedischen Sprachgebrauch verwendet man auch heute noch lagom, um auszudrücken, dass etwas "nicht zu viel und nicht zu wenig" ist oder "genau richtig". Lagom är bäst sagt ein schwedisches Sprichwort – lagom ist am besten! Obwohl ein Superlativ ja eigentlich schon wieder gegen das Lagom-Konzept verstößt ...


... und nun auch noch lagom lecker!
Bevor ich hier nun völlig "unlagom" Haare spalte, komme ich lieber auf ein anderes Buch zu sprechen, das mich in den letzten Wochen für die Recherche zu einer Reportage über die schwedische Küche begleitet hat: Bei Astrid Lindgren zu Tisch: Mit Kochrezepten für die ganze Familie von Sybil Gräfin Schönfeldt. Das Buch ist nicht nur ein Lesebuch über das Leben Astrid Lindgrens, sondern auch ein Rezeptbuch mit alten schwedischen Originalrezepten, die in Astrid Lindgrens Büchern erwähnt werden – von köttbullar über kräftor bis zu schwedischem Apfelkuchen. Als besonderes Schmankerl gibt es Lindgrens persönliche Lieblingsgerichte, etwa kroppkakor – Kartoffelknödel mit Speck –  oder Reistorte. Und das Schönste daran: Ihr könnt dieses tolle Buch gewinnen – wenn Ihr an unserem Knips-das-Verliebt-in-Schweden-Cover-Wettbewerb, teilnehmt, dessen Einsendeschluss wir bis Ende Oktober verlängert haben. Warum? Nun, weil der ursprünglich vorgesehene 21. September uns aus eigenem Zeitmangel doch nicht mehr so ganz lagom vorkam.

Also: Ab an die Kameras und her mit den Fotos!