Samstag, 6. April 2013

AUF DEN MOND GEPRESST – ODER WARUM MAN NIE WEISS, WAS MAN BRAUCHT, BIS MAN ES HAT

Es gibt Dinge, von deren Existenz man keine Ahnung hatte und plötzlich glaubt man, ohne sie nicht mehr leben zu können. Presskegel zum Beispiel. Etwas, das ich noch bis vor Kurzem noch dem Bereich der Beckenbodengymnastik zugeordnet hätte. Und natürlich die Santos 11. Nicht umsonst erinnert ihr Name an Apollo 11. Ihre Eleganz weckt tatsächlich (mit etwas Phantasie) Assoziationen an eine Mondrakete. Nicht einen Augenblick zweifle ich daran, dass man sie auch im schwerelosen Raum benutzen könnte, da fallen ihre Kilos auch nicht so ins Gewicht. Gut, wenn da nicht die Sache mit der Nummer 11202 wäre...

Startklar für die Mondexpedition? Detail 1
Doch der Reihe nach! Um meiner "weitschweifigen Art", wie  Dirk sie genannt hat und die ich mir nur hier im Blog erlaube(n darf) alle Ehre zu machen, muss ich natürlich wieder ein wenig ausholen. Ich ging vor einigen Tagen, als es zu kalt zum Joggen war, mal wieder spazieren. Das mache ich vorzugweise am Meer, entlang der  Helsingborger Srandpromenade, dabei passiere ich unter anderen das Restaurant Pålsjökrog mit seinem Strand und dem pittoresken Kallbadhus, einer Saunaanlage mit Meeranschluss, die ich irgendwann auch noch mal ausprobieren werde.

Die Ringe des Saturn? Detail 2
Genau dort, auf dem Fußgängerweg zwischen Kallbadhus und Pålsjökrog las ich an diesem Tag auf der Tafel, auf der sonst für das Sonntagsbrunch geworben wird, allt bortskänkas – alles zu verschenken. Ich folgte mit dem Blick dem aufgemalten Kreidepfeil und sah allerlei Firlefanz, der auf der offenen Veranda vor dem Haus, in dem augenscheinlich renoviert wurde, angehäuft war. Auf Anhieb identifizierte ich ein Waschbecken, einen Kinderhochsitz und jede Menge Kartons und Körbe, aus denen Sachen hervorlugten, die sich nicht auf den ersten Blick näher bestimmen ließen.  Ich kam neugierig näher. In den Behältern fand ich so unterschiedliche Dinge wie alte Kaffeetassen, Gesundheitslatschen, Dekokrempel – etwa einen julbock aus Stroh, Küchentücher, Fleecedecken, Besteck, Plastikdeckel ohne Dosen, Edelstahldosen ohne Deckel, und massenhaft nicht sofort eindeutig identifizierbares Küchengerät, mehrheitlich völlig versifft und in seine Einzelteile zerlegt und auf diverse Kartons verstreut.

Es dämmerte bereits, aber es gelang mir, aus dem Durcheinander die Einzelteile eines etwas angerosteten Mixers herauszufischen. Aufgeregt trug ich den Fund nach Hause und siehe da: Das Mixgerät funktionierte. Nach einer Runde in der Spülmaschine sah der Glasbehälter wie neu aus,  nach einer Behandlung des Fußes mit Stahlwollpads – J. hat das übernommen – galt das fürs gesamte Gerät. Der Milchshake-Zubereitung stand nichts mehr im Weg. Endlich! Seit Jahrzehnten lebte ich ohne Milchshakes, wie hatte ich das bloß ausgehalten?

Ich fasste den Entschluss: Da geh ich morgen noch mal gucken, ob ich nicht noch was finde, von  dem ich nur noch nicht wusste, dass ich es dringend brauche!

Gedacht, gemacht. Doch am nächsten Tag schienen zunächst die interessanteren Stücke abgegrast. Ich betrachtete längere Zeit eine Backform von Ikea – bis ich den Beschluss fasste, dass wir wirklich nicht noch mehr Backformen benötigen. Dann wühlte ich mich durch diverse verwaiste Küchemaschinenutensilien und fragte mich, wo wohl die Küchenmaschine dazu war, denn die könnten wir wirklich gebrauchen. Wahrscheinlich, weil mich dieser Gedanke unterbewusst auf etwas Größeres und Maschinenartiges programmierte, nahm ich sie überhaupt wahr, als ich gerade schon gehen wollte. Nur im Augenwinkel blitzte ein Zipfel von ihr hinter dem Waschbecken und der Kiste auf, auf der dunkelblaue Aschenbecher in Fischform um Aufmerksamkeit buhlten.

Eine Mundöffnung? Eine Höhle? Detail 4
Sie war limonengrün und voller seltsamer Krusten. Ich erkannte nicht gleich, wozu sie diente. Ich nahm einige der umliegenden rätselhaften Gegenstände in die Hand und kombinierte und probierte und schraubte, bis ich sicher war: Das hier gehört zusammen. Schließlich stand sie vor mir, die Santos 11. Verstaubt, verkrustet, aber – vielleicht – funktionsfähig. Ich trug sie über die Strandpromenade nach Hause, misstrauisch beäugt von Spaziergängern und mit einem Beinahekrampf im Arm – sie ist nicht gerade ein Leichtgewicht und mein Bizeps derzeit etwas untrainiert.

Zuhause in der Küche kam der große Moment: Ich stöpselte das staubige Kabel ein und – sie rotierte! Ich warf die abnehmbaren Teile in die Spülmaschine, J. schrubbte ihren wohlgeformten Kurven, bis die Krusten fort waren und ihr limonengrüner, gut fünf Kilo schwerer Metallkorpus wieder leuchtete wie eine gut gepflegte Vespa. Ich suchte derweil im Internet, ob auch wirklich alle Teile dabei waren. Dabei erfuhr ich, dass die Gastronomiezitruspresse Santos 11 seit 1954 im nahezu unveränderten Design vom französischen Hersteller bei Lyon gebaut wird. Ein Klassiker also! Neupreis ab etwa 270 Euro! Bei unserem Gerät fehlte allerdings das Teil mit der Nummer 11202. Ein Teil, das oben auf den Spritzschutz kommt, unklar, ob es nur zur Dekoration dient oder noch zusätzlich vor Gespritze schützt! Und das Zubehör 11103 und 11101, letztere die Presskegel für Grapefruit und Limonen und Zitronen! Mit dabei war nur der Orangenpresskegel.

Eine Vespa? Fast!
Natürlich war klar: Wir brauchten diese Dinge! Dringend! Okay, gut, eigentlich mag ich keine Grapefruits und für alles andere glaubten wir bisher super mit unserer kleinen Plastikpresse für ca. 1 Euro zurechtzukommen, aber das war natürlich eine primitive vorzivilisatorische Einbildung.
Im Neanderthal wusste man auch nicht, dass es sich mit Zentralheizung besser lebt.

Hier entdeckte ich die notwendigen Teile. Den "Black Squeezer Cone-Bulb for Grapefruit" für schlappe 15, 86 Euro, den  "Black Squeezer Cone-Bulb for Lemon" für den gleichen Preis und den "Ornamental Ring Anodized Aluminium" für läppische 23, 92 Euro.  Macht ja lediglich 55,64 Euro.
Okay, zuzüglich zu den entstehenden Gebühren, um ein Gewerbe anzumelden, damit ich im Gastrohandel überhaupt einkaufen kann. Lächerlich, wenn man bedenkt, dass wir die Santos 11 völlig gratis bekommen haben! Was wir da gespart haben!


Die Santos 11 ist: eine Zitruspresse!
Originaldesign von 1954.
Dieses Modell ist
allerdings von 1985




Hier übrigens Santos' Freundin Melissa,
die wir zunächst adoptiert haben