Montag, 11. Februar 2013

DER SCHWEDISCHE KARNEVAL IS(S)T EIN HEFETEILCHEN ODER: DICK AM DIENSTAG

Hej, Süße? Wie wär's mit uns beiden?
Es mag inzwischen anders lautende Gerüchte geben, aber ich versichere hiermit, dass es sich dabei  um die Unwahrheit handelt. Richtig ist: Ich lebe noch! Es war nur so, dass das Jahr  gleich mit mehreren Knalleffeketen begonnen hat – und ich meine nicht das Feuerwerk hier in Tågaborg, wie unser Stadtteil heißt.  Auf diese Dinge werde ich möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt noch zurückkommen. Doch erst mal muss ich mich für die ungeplante Funkstille hier entschuldigen. Eigentlich hatte ich ja zum Beispiel über "Knut" schreiben wollen, den seltsamen Tag im Januar, an dem die Schweden (angeblich) ihre Weihnachtsbäume aus dem Fenster schmeißen, wie im Spot des blau-gelben Möbelhauses kolportiert. Mach ich dann nächstes Jahr. Also Bäume aus dem Fenster schmeißen und darüber schreiben. Ich hatte auch Bilder vom eisverkrusteten Meer posten wollen, vom Hafen, von unserem verschneiten Innenhof. Ach, was ich nicht alles tun wollte!

Querschnitt durch eine gefährliche
Kalorienbombe: Bei genauem Hinsehen
 erkennt man die klebrige
 Mandelschicht unter der Sahne
Doch jetzt schreibe ich erst mal über ein unglaubliches Ereignis: Meine erste semla! Das ist insofern unglaublich, als dass ich ja als Konditorentochter – wie hier nachzulesen – und Backwahnsinnige – wie  man zum Beispiel hier erfährt – interessanten Backwarenkreationen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber stehe und es zu erwarten gewesen wäre, dass ich mich den semlor schon viel früher gewidmet hätte. Nun gibt es aber semlor nicht das ganze Jahr über, sondern nur dann, wenn in meiner Heimat im Rheinland die Jecken los sind. Ich war zu diesem Zeitpunkt entweder nicht in Schweden (allerdings auch nicht im Rheinland) oder habe es schlicht verpasst, dieses Gebäck einer Prüfung zu unterziehen. Doch nun, endlich, habe ich mich in die Konditorei Kafferepet (= Kaffeekränzchen, danke für den Hinweis, Johan!) an der Drottninggatan aufgemacht – eine der besten der Stadt, ein Vorzug, den man sich quasi in Gold aufwiegen lässt. Eine semla kostet dort sage und schreibe 24 Kronen, das sind derzeit etwa 2,78 €. Für ein Gebäck, das in der Herstellung schätzungsweise mit 30 Cent zu Buche schlägt. Das nenne ich mal eine Gewinnspanne, von der man als Buchautorin nur träumen kann, vielleicht sollte ich ja doch in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten (dann könnte ich hier schon mal mitsteigern).

Ein paar Meter von der Konditorei entfernt:
Wenn die Sonne mal scheint, kann es
am Helsingborger Hafen im Winter so aussehen
Ursprünglich verzehrte man die semlor nur am Fetten Dienstag, dem Fettisdag – von fet für fett und tisdag für Dienstag (bei mir zuhause  bekannt als Veilchendienstag, der Tag nach Rosenmontag). Die semlor waren damit Teil der letzten opulenten Mahlzeiten vor der Fastenzeit. An die Veilchendienstag-only-Regel hält sich aber keiner, was vielleicht daran liegen könnte, dass die Schweden (wie ich übrigens auch) ausgesprochen unreligiös sind, schließlich handelt es sich um das Land mit den weltweit meisten Atheisten, wie ich kürzlich einer Statistik entnahm. Semlor gibt es also schon ab Januar bis eben zum Fettisdag. (KORREKTUR: Es gibt die semlor immer noch, über eine Woche nach dem Fettisdag! Skandal! Mitten in der Fastenzeit!) Lustigerweise nennen Schweden eine leicht speckige Person schon mal liebevoll fettis – zum Beispiel bekommt unser, äh, sagen wir: vollschlanker fauler Kater Zingo das ab und zu zu hören. Wenn man die Silben in Fettisdag etwas anders trennt und ausspricht, kommt dabei der "Dickentag" heraus. Absicht?

Eispatchwork
Wer findet den Eindringling?
Daraus lässt sich schließen, dass das Gebäck aus Hefeteig, einer marzipanartigen Mandelmasse und hübsch aufgeschäumter Schlagsahne es kalorienmäßig in sich hat. Und es scheint sogar gefährlich zu sein. Einer der schwedischen Könige, Adolf Fredrik, starb nach einem ausgedehnten Festmahl am 12. Februar 1771. Der Schmaus war von in Milch schwimmenden semlor – oder hetvägg, also Heißwecken, wie die Dinger auch heißen – nun ja, gekrönt (ich stelle mir das in etwa so vor). Möglicherweise handelte es sich ja um ein raffiniertes Attentat mit einer Kalorienbombe.

Wie mir meine semla denn nun geschmeckt hat?  Tja, mich erinnerte das Ding ein wenig an den Bienenstich – nur eben ohne den Mandeldeckel – und damit an einen Kuchen, der in meiner Kindheit bei keinem Familienfest fehlen durfte und in größeren Mengen besonders gern von meiner Tante Ilse – Gott hab sie selig (ich weiß, was Ihr jetzt denkt, aber nein, es ist nicht nach einem Festmahl mit in Milch schwimmendem Bienenstich passiert) – genossen wurde. Auch mein Fazit fällt sehr "bienenstichig" aus: Semlor kann man mal essen, muss man aber auch nicht unbedingt. Aber vielleicht probier ich trotzdem noch mal. Morgen. Oder auch erst nächstes Jahr. In diesem Sinne: Frohes Fasten allerseits!