Dienstag, 6. August 2013

ABGESCHIRMT ODER: DIE WEGE DER GÖTTER SIND UNERGRÜNDLICH


Suchbild: Wo ist Merkur?
Ich habe den Göttern ein Opfer gebracht. Ich bin trotz dräuender Arbeit und sengender Sonne an den Strand gegangen, der an einem Nachmittag in der Woche lang nicht so voll ist wie an einem Freitag (ich berichtete). Und warum? Nicht etwa, um zu baden, Eis zu essen, in der Sonne zu dösen, zu lesen oder sonstigem Müßiggang zu frönen. Nein! Um Euch ein Bild von meinem neuen Kumpel Merkur präsentieren zu können. Leider musste ich feststellen, dass die extra mitgeschleppte Kamera nicht anging: Die Batterie lag noch gemütlich zum Laden zuhause rum. Das bedeutet, Ihr bekommt heute leider nur ein grobkörniges Bild, das mit meinem ollen DumbPhone geknipst wurde, weil der Fortschritt mich bisher noch nicht so fest getreten hat, dass ich mir ein Gerät mit Pi, Pa und Po zugelegt hätte.

Wer nun dieser Merkur ist? Merkur, behauptet ja z.B. Wikipedia, sei ein Planet und habe einen Durchmesser von knapp 4880 Kilometern. Oder eben ein römischer Gott unbekannten Durchmessers, der Händlern und Dieben beistehe (interessante Kombination, oder?). Mein Merkur hat hingegen einen Durchmesser von 1,80 Metern, hat mit Dieben nix am Hut (hoffe ich!), steht Irdlingen wie mir gegen die sengenden Strahlen des Gottes Sol bei und ist bequem in der mitgelieferten Tragetasche zu verstauen.  Mein Merkur ist nämlich ein sandfarbener Strandschirm. Und dass er es bis nach Schweden schaffen würde, daran hatte ich zwischenzeitlich nicht mehr geglaubt. Wenn es nach rheinischem Verkaufspersonal gegangen wäre, wäre das auch nie passiert.

Die Sache war so: Als ich Mitte Juni in Deutschland weilte, gab es, wie mir zugetragen worden war, in "Laviva" die allererste Minirezension zu "Verliebt in Schweden". Ergo habe ich die "Laviva" natürlich sofort erworben. Darin entdeckte ich dann aber nicht nur die "Verliebt in Schweden"-Rezension  – direkt unter dem Småland-Artikel eines Journalistenkollegen –, sondern auch noch einen Toom-Coupon für nämlichen "Merkur", der den Schirm fast um die Hälfte günstiger werden ließ. Ich dachte spontan an, nun ja, göttliche Fügung und war davon überzeugt, dass der Gute und ich füreinander bestimmt waren. Schließlich stand der Urlaub bevor und außerdem wohne ich ja jetzt sogar am Meer, wie gesagt. Und dann ist da noch das diesjährige Traumwetter, da kommt einem so ein Sonnenschirm ja ganz gut zupass.

Die allererste "Verliebt in Schweden"-Rezension
in der Laviva. Ein historischer Moment – und der Stein
des Anstoßes.
Wie das so ist: Ich vergaß die Sache trotzdem wieder, weil ein Termin den nächsten jagte, wie das eigentlich immer ist, wenn ich in Deutschland bin. Erst als ich am letzten Tag meines Rheinlandaufenthaltes wieder am Toom in Alfter vorbeifuhr, fiel mir der gute Merkur wieder ein. Doof war nur: Die Laviva lag samt Coupon bei meiner Familie zuhause. Ja, ich weiß, was man nicht im Kopf hat ... muss man im Portemonnaie haben: Für nur einen Euro, dachte ich, kannste dir das Heft auch noch mal kaufen und dann Schwägerin G. zum Lesen dalassen. Gedacht, getan. Ich fand "Merkur" fast auf Anhieb und legte ihn in meinen Einkaufswagen. Des weiteren verschiedene Flaschen Wein, für die ich beim vorigen Einkauf an der Kasse Rabattcoupons bekommen hatte. Dortselbst, also an der Kasse, schnappte ich mir flott ein neues "Laviva"-Exemplar, klappte die Seite mit dem Schirm-Coupon auf und erklärte dem netten Mädchen die Lage. Die rupfte den Coupon aus der Zeitschrift, scannte Schirm und Coupon und ... stutzte. Guckte schwitzend abwechselnd auf Scanner, Schirm und Coupon. Probierte es noch mal. Bekam hektische Flecken im Gesicht. Wedelte mit dem Papierstückchen vor dem Scanner hin und her und fasste die Lage schließlich mit dem Seufzer: "Ichweißdochauchnich!" zusammen. Darin schwang deutlich Verzweiflung mit und so was mit wie "Verdammt, dieser Scheißferienjob. Immer passiert bei mir so was. Nächstes Jahr geb' ich wieder Nachhilfe!"  Dann griff sie auch schon zum Telefon – und ich mutierte in Sekundenbruchteilen zu einem dieser Menschen, die peinlich berührt die Warteschlange hinter sich anlächeln. Ich lächelte also peinlich berührt. Es nützte nichts. Niemand lächelte zurück.

Als die per Telefon herbeigerufene Kollegin der Kassiererin schließlich kam – ich würde gern schreiben "herbeieilte", das wäre aber gelogen – schaute die in etwa so wie Angela Merkel, wenn sie derzeit was zum Datenschutz in Deutschland sagen soll. Und zwar erst auf das Kassenmädchen, dann auf den Coupon und schließlich auf mich und Merkur.
Schließlich sagte die Kollegin: "Dat jeht nit!"
Ich erwiderte: "Wieso denn das? Das ist doch Toom hier, oder? Der Coupon ist bis Ende Juli gültig! Und den Schirm, den haben Sie ja auch!"
Ich zeigte auf die deutlich auf dem Coupon zu sehenden Buchstaben T-O-O-M und hielt triumphierend den Schirm mit dem Schriftzug "Merkur" in die Höhe, der genauso aussah wie auf dem Bild auf dem Coupon. Sollte ich doch den Unmut der Miteinkäufer auf mich ziehen, ich wollte mein Recht – und den Schirm. Schon aus Prinzip.

Mit zusammengeniffenen Augen musterte mich die Kollegin des Kassenmädchens durch ihre Brillengläser, als hätte ich Merkur nicht kaufen, sondern klauen wollen.
"Dat is Baumarkt", zischte sie dann.
"Baumarkt? Wo steht das?", fragte ich, "ich lese da nur Toom!"
Jemand in der Schlange räusperte sich. Doch hier ging es um Größeres. Um Merkur. Und darum, grobes Unrecht zu verhindern.
Nun tippte die Kollegin auf ein unscheinbares grün-rotes Gebilde neben den Buchstaben T-O-O-M, das aussah, als hätte jemand einem Kleinkind mit einer unbeholfenen Kritzelei die Ampel erklären wollen, ohne sich genau ins Gedächtnis rufen zu können, wie eine Ampel aussieht: "Da! Da steht dat!"
"Wie? , fragte ich empört, "Das ..., äh,  Ding da bedeutet ,Baumarkt'? Wie soll man denn bitte da drauf kommen?"
"Is so!", kam die geknurrte Antwort.
"Und wo ist der nächste? Baumarkt, meine ich?", erkundigte ich mich spitz, hoffend, nun etwas wie "nebenan" zu hören.
"In Euskirschen!", wurde ich unterrichtet. "Oder Troisdorf."
Euskirchen lag etwa 25 Kilometer entfernt. Troisdorf ungefähr 20, allerdings genau in die entgegengesetzte Richtung, in die ich fahren musste. Die Aussicht, in der Rush Hour bei 35 Grad im Schatten jetzt wegen dem doofen Coupon noch mal eine halbe Ewigkeit durch die Gegend zu gurken und dafür einen Teil des für diesen Aufenthalt letzten Abends mit meiner Familie zu opfern, erschien mir ungefähr so attraktiv wie ein Tag in der Wüste ohne Sonnenschirm. Aber den wollte ich natürlich nicht zum vollen Preis erstehen. Auch das aus Prinzip.
"Dann eben nicht!", sagte ich. Sollten sie doch ihre Schirme behalten.

Das Mädchen legte Merkur unerreichbar hinter sich und kassierte den Rest.
Inklusive des zerrupften Laviva-Exemplars, das ich nun ja leider nicht mehr zurückgeben konnte.
Ich bildete mir ein, die Schlange hinter mir aufatmen zu hören.
Doch als ich gerade bezahlt hatte, schlug das Kassenmädchen die Hand vor den Mund.
"Oweh! Jetzt hab ich die Weincoupons vergessen!"
In der Warteschlange wurden Augen gen Himmel verdreht, böse Blicke in meine Richtung abgeschossen und diverse Beschwörungen gemurmelt.
"Und das geht jetzt nicht mehr?", erkundigte ich mich.
"Da müssten Sie dann zur Information."
"Und wo ist die? In Euskirchen?"

( ... )

Ich kürze das ab: Die Information war zwar zum Glück nicht in Euskirchen und die wartenden Menschen hinter mir konnten tatsächlich aufatmen. Dennoch beinhaltete das folgende Szenario weitere Warteschlangen  – vor und hinter mir –, das akribische Auflisten sämtlicher Weinflaschen in Schönschrift, diverse Ausrufungen der Kollegen aus der Weinabteilung, einen kleinen Plausch der an der Information tätigen Dame mit Kollegen über die interne Kommunikationsanlage des Toom-Marktes und nahm alles in allem etwa so viel Zeit in Anspruch, als sei ich mal eben nach Euskirchen gefahren. Oder eben nach Troisdorf.

Jedenfalls hatte ich seitdem zwar erst mal keinen Sonnenschirm, aber trug den Schirm-Coupon im Portemonnaie spazieren. Und als ich auf dem Rückweg von Baltrum plötzlich ein grün-rotes Logo an einer Art Gewächshaus Wegesrand entdeckte, das aussah, als hätte jemand einem Kleinkind mit einer unbeholfenen Kritzelei die Ampel erklären wollen, ohne sich genau ins Gedächtnis rufen zu können, wie eine Ampel aussieht, wusste ich, es sieht zwar nicht so aus, aber: "Dat is Baumarkt!" Ich ging ich voll in die Eisen, wendete – und so kamen Merkur und ich doch noch zusammen. Zwar nicht rechtzeitig zum Urlaub, aber doch rechtzeitig für den Tag am Meer.

Kommentare :

  1. Sehr schön geschrieben... auch wenn ich den Unterschied zwischen Toom und Baumarkt nicht ganz gecheckt hab... ich war ganz bei dir :-)

    gruß
    vybz

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also, ja, das war ja auch genau mein Problem. Dass ich den Unterschied nicht kannte. Ich kannte nämlich nur die Toom-Supermärkte. Ohne Bau-. Die Tooms müssen da noch mal an ihrer Unternehmenspräsentation arbeiten, wenn das so viele nicht auf dem – haha! –Schirm haben! Danke für den Besuch hier und viele Grüße zurück, Stella

      Löschen
  2. Hi Stella, das ist die neue Form des "plumsack geht rum".... Irgendwann trifft es jeden. ;-) also da wo ich herkomme, gehörten toom baumarkmärkte zum prägenden SoliZuschlags-Wiederaufbaustadtbild. Seine noch an alte Rezepturen sogar schmeckendes und sicher so manches schwedisches Gebäck in den Schatten stellendens Brötchen holte man bei ähnlich anmutendenden unfreundlich großen und joggingabendpläne nach Feierabenden sich in Unlust auflösenden Gewaltfußmärschen namens Kaufland oder so. Anfangs hatte ich daher auch leichte Vertrauensprüfeinheiten in der Kennlernphase meines Mannes zu überstehen, wenn es noch ein paar -naja- romantische Zutaten zu besorgen oder an einer spontanen Grillrunde vor bei zu schauen galt.Joghurt, Obst, quark, Kuchen und Würstchen hatte ich sonst früher noch eher am Stand draußen vorstellen können als zwischen Nägeln und Toiletten Keramik. ;-)

    Nun, liebe Stella zum eigentlichen: Die Lavinia Zeitschriften Aktion habe ich leider verpasst und statt auf einen Sonnenschirm spare ich mir gerade auf einen Strandkorb Für meinen minigarten.Dazu plane ich noch ein zwei schaufelchen Sand Drund rum, die Schweden Bank sowieso und zur not eben eines deiner fantastischen Meerbilder als Regenplane Foto gedruckt. All inspired by "verliebt in Schweden". Da ich noch bis ende des Jahres wohl kranksein und mir noch keinen neuen leselieblingsplatz auserkoren haben werde (unglaubliches freudigesdanke trotzdem Für die Aufnahme in die Auswahl!!!!!) weiß ich zumindest dass es im allerersten Urlaub an die See geht. Von welcher Küste auch immer. Sehnsucht muss befeuert werden. Dein blog und besonders die witzig untermalten Fotos tun schon mal ein sehr gutes und vielleicht heilen des Werk! Mach weiter so.

    P.s. in letzter zeit konnte ich mich leider nicht so oft melden, weil ich mich bei über 40 Fieber doch aus nötigen Respekt vor Deiner Leserschaar etwas zurückgenommen hatte. Bandwurmsätze & Co werden unter Arzneimittelgesteuerten solchem Einfluss nicht besser. Also wie immer alles ohne Garantie und Ausschluss von Nebenwirkungen:
    Liebe Grüße und alles Gute Für dich und J.!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hej Nox, Du hast Post. Und spar Dir den Respekt vor meiner Leserschar, werd einfach wieder schnell gesund, das ist viel wichtiger! Du schaffst das, I know it! Dicker kram, Stella

      Löschen
  3. Hallo Stella!

    Ich bin inzwischen auch in Schweden gelandet, allerdings nochmal südlicher, in Kristianstad.
    Euer Buch habe ich leider schon gestern fertig gelesen ;-) Jetzt bin ich um einiges schlauer. Ich habe mir vorher nie gedanken über den Text bei Helan går gemacht, ich dachte immer Helan (Name) geht... Da die meisten snapsvisor ja sowieso irgendwie Sinnfrei sind ;-)
    Ich hoffe jedenfalls auf eine Fortsetzung vom Buch ;-)

    Viele Grüsse
    Anne

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, das ist aber ein sehr akademischer Unterschied in der "Südlichkeit", Kristianstad liegt vielleicht zwei, drei Kilometer südlicher als Helsingborg, wenn ich mir das so auf der Karte anschaue. Wegen der Fortsetzung müssen wir mal schauen, wir denken auf einem Kochbuch mit Geschichten rum. Ich mache ja derzeit ernsthafte Ausflüge in den Food-Journalismus. Wir freuen uns, wenn Dir das Buch gefallen hat. Bist Du sonst irgendwo, bei XING oder Linkedin oder so, dann könnte man sich ja vernetzen? Liebe Grüße, Stella

      Löschen

Kommentare müssen erst frei geschaltet werden