Sonntag, 28. Juli 2013

DAS GEISTERSCHIFF VOM ÖRESUND

Ich bin ja, ganz im Gegensatz zu J., nicht so der Frühaufsteher. Entsprechend überrascht war J., als ich vor zwei Tagen morgens nicht nur vor ihm aus den Federn hüpfte, sondern auch noch Anstalten machte, sofort das Haus zu verlassen. Als Schlaffetischistin benötige ich normalerweise morgens erst mal Bedenkzeit vor Verlassen des Bettes ("Soll ich wirklich?", "Muss das sein?", "Bin ich tatsächlich ausgeschlafen?", "Warum?"), dann Yoga (genauer: Die Fünf Tibeter), eine Dusche zum Kreislaufanregen, Kaffee und natürlich meinen Obstsalat. Das dauert normalerweise. Lange. Wenn nicht länger. Aber vor zwei Tagen war das anders.

"Wo willst du hin?", fragte J. und rieb sich die Augen, als träume er noch, während ich mir ein Sommerkleidchen überwarf, in meine geliebten Flip-Flops rutschte und die Kamera schnappte.
"Ans Meer! Foto machen!", erklärte ich.
"Wie? Jetzt? Du? Ohne Frühstück? Ohne Kaffee?"
(Er sah so geschockt aus, als hätte er eigentlich fragen wollen: "Wer sind Sie? Was haben Sie mit Stella gemacht?")
"Ich hab ein Nebelhorn gehört!", antwortete ich.
Er verstand sofort.
"Ah! Frühnebel?!", sagte Joakim.  "Dann beeil dich, der löst sich rasend schnell auf."
Recht hatte er – schon war ich aus der Tür.

In meinem Rücken stieg über dem Landborgen, dem unter anderem durch den Rückzug des Eises vor vielen Tausend Jahren entstandenen Plateau, auf dem große Teile Helsingborgs wie auf einem Logenplatz mit Blick über den Öresund liegen (was mich immer an Blankenese erinnert), die Sonne höher. Ich eilte, so schnell es sich in Flip-Flops eben eilen lässt. Auf dem etwa dreiminütigen Fußweg begegnete ich zwei Damen, die soeben vom Morgenbad zurückkehrten und konnte es nicht lassen, auf den Auslöser zu drücken (ich bitte die Verschwommenheit zu entschuldigen, die Situation erforderte Schnelligkeit). Man sieht: In Schweden ist der Bademantel unverzichtbares Accessoire, der in den Morgen- und Abendstunden, der Zeit des morgon- bzw. kvällsdopps, auch auf der Straße getragen werden kann (an dieser Stelle wieder der Tipp: Ein Klick auf die Bilder vergrößert selbige):




So entzückt ich über die Bademantel-Damen war, so enttäuscht war ich, als ich kurz darauf das Wasser erreichte. Der Nebel hatte sich anscheinend schon weitgehend aufgelöst, nur vor Helsingør in Dänemark hing noch ein zarter Schleier:




Doch plötzlich hörte ich es wieder, das Nebelhorn, diesmal aus Richtung des Fährhafens. Dann entdeckte ich auch schon die Fähre, die sich wie hinter einer Milchglaswand aus dem Hafen schob. Die Insel Ven zwischen Schweden und Dänemark, normalerweise im Süden deutlich zu sehen, war völlig verschwunden. Stattdessen hing eine dicke Wolke wie aus einem Steven King-Film über dem Wasser:



Und dann war die Fähre nach Helsingør auf einmal weg. Komplett. Nicht mehr zu sehen. Kein bisschen. Man sah nur noch weit draußen verschwommen die Fähre, die in der Gegenrichtung unterwegs war, also von Helsingør nach Helsingborg (im Bild zwischen den Segelbooten). Die Fähre, die nach Helsingør unterwegs war, müsste sich hier eigentlich links im Bild befinden. Das tut sie aber nicht:


Ich legte mich flach auf den Bauch aufs bereits sonnenwarme Holzdeck an der Strandpromenade und ließ die Fährlinie zwischen den beiden, sagen wir, Helsingorten nicht aus den angestrengt zusammengekniffenen Augen. Bald konnte ich aufatmen. Schemenhaft wurde ein Umriss sichtbar, das Geisterschiff tauchte aus der unheimlichen Steven-King-Wolke allmählich wieder auf und näherte sich dem in entgegengesetzter Richtung tuckernden Fährschiff:



Derweil herrschte in nördlicher Richtung bereits pure wolkenlose Urlaubsstimmung:


Ich halte fest: Im Norden also keine Wolken! Darum wurde das Schiff aus Helsingør, das schätzungsweise 100 Meter weiter nördlich den Öresund kreuzte als sein Kollege, auch nicht vollständig von der geheimnisvollen Wolke verschluckt, während es sich dem Helsingborger Hafen näherte ...



... und schließlich majestätisch (naja, so ähnlich ...) darin einfuhr:



Noch ein letzter Blick auf das nun auch aus dem Nebel auftauchende Hamlet-Schloss Kronborg ...




... dann konnte ich endlich beruhigt frühstücken gehen: Das Geisterschiff vom Öresund war wieder da. Muss ich erwähnen, dass J. mich mit frisch gebrühtem, duftendem Kaffee empfing?

P.S. Habt Ihr so ein Phänomen auch schon mal beobachtet?

Kommentare :

  1. ich bin ja auch eher so der morgen-muffel. ohne kaffee läuft da nix - aber manchmal bekomme ich auch so phasen von aktionismus. völlig unvermittelt. und überfordernd für alle, die mich kennen. ;)

    aber hey: tolle bilder!
    hat sich gelohnt. ;)

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    1. Haha! :o) Mit Phänomen meinte ich eigentlich das "Geisterschiff", aber trotz Morgenmuffeligkeit frühzeitig in die Puschen zu kommen, ist natürlich auch ein seltenes Naturschauspiel. Vielen Dank für Kommentar, Lob und Geflattr!

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