Mittwoch, 20. März 2013

EIN UNMORALISCHES ANGEBOT – UND EIN PAAR WUNDERSAME VERWANDLUNGEN

Man sollte die Raupe nicht zum Gärtner machen
oder wie war das noch gleich?
Nein, in diesem Post geht es nicht um die Bücher da rechts, jedenfalls nicht direkt! Die sind quasi nur der Stein des Anstoßes. Doch der Reihe nach: Vor ein paar Tagen erreichte mich ein Paket von Adlibris, dem schwedischen Bücherversand. Darin befand sich Lesestoff für die nächste Zeit: für mich zwei Romane von Håkan Nesser – Maskarna på Carmine Street (auf Deutsch verwandelte sich das in "Die Perspektive des Gärtners", offenbar waren dem deutschen Verlag "Die Würmer/Raupen in der Carmine Street" zu eklig als Titel) und Himmel över London (soweit ich das sehe, noch nicht auf Deutsch erschienen). Für J. gab es das dritte Buch der Haruki Murakami-Trilogie 1Q84 (IQ84 (Buch 3)).

Weil mein Schwedisch irgendwie stagnierte, hatte ich zunächst damit begonnen, Romane von Håkan Nesser, die ich schon auf Deutsch kannte, auf Schwedisch zu lesen (wie hier nachzulesen). Als kleine Hilfe hatte ich immer die deutsche Übersetzung daneben liegen – inzwischen geht es fast ganz ohne, nur gelegentlich brauche ich noch ein Wörterbuch. Ich möchte hier nun allerdings weder darüber noch mal berichten, noch ausführlich erzählen, wie ich Håkan Nesser, seine Frau Elke und Hund Norton vor ein paar Jahren in New York getroffen habe, unter anderem auch in der Carmine Street. Dazu vielleicht ein andermal mehr (Dirk Eusterbrock, dessen wunderbares Foto-Blog "Emotive Pixelations" Ihr hier findet, hat übrigens damals die Fotos gemacht).

Nein, ich habe keine Spielhölle eröffnet,
die "Spelbutik" ist eine Lottoannahmestelle
(keine Lotterannahmestelle!)
und dort befindet sich der nächste Postschalter
Heute möchte ich von der Absenderadresse auf dem Päckchen erzählen. Oder besser gesagt: Vom Ort, an dem das Päckchen losgeschickt wurde. Als ich nämlich damit nach Hause ging, fiel mein Blick auf das Absenderfeld. Morgongåva stand da. Morgengabe. Geschenk des Morgens. Wie poetisch, dachte ich und nahm mir vor, J. zu fragen, ob er den Ort kennt und mehr dazu weiß. Als J. nach Hause kam, tippte ich auf den Umschlag: "Guck mal, wo das herkommt." Er nickte: "Weißt du, was das bedeutet?" Ich schüttelte den Kopf: ""Erzähl's mir!" Dann erklärte J., dass eine morgongåva ein Teil der Mitgift war, die Mädchen früherer Tage bei ihrer Hochzeit mitbekamen – und zwar ein Teil, den der zukünftige Gatte auf ein nettes Geschenk zu verwenden hatte, das er seiner Braut am Morgen der Hochzeit kredenzte.

Das war aber nicht die ganze Geschichte. Es kursieren mehrere Gerüchte, wie nun just dieser Ort zu seinem Namen kam. In einer Version hatte ein Großgrundbesitzer in der Uppsala-Region im 17. Jahrhundert eine Affäre mit einer seiner Mägde. Es kam, wie es kommen musste: Das Mädchen wurde schwanger. Der Großgrundbesitzer bekam – vermutlich zu Recht – Muffensausen, dass ihm seine Frau die Leviten lesen und das Mädchen vom Hof jagen würde, falls die Sache rauskam und fragte einen seiner Knechte, ob der die Magd bitte heiraten und sich um sie – inklusive Kind – kümmern könne. Dafür würde er einen Hof bekommen, den er seiner Braut als morgongåva überreichen konnte. Der Knecht willigte in den Deal ein, die Magd wurde vermutlich nicht gefragt, aber was hätte sie schon tun sollen? Allein erziehende Mägde waren ja doch eher unterrepräsentiert damals. Um diesen Hof herum entwickelte sich später die Ortschaft Morgongåva, heute ein Dorf mit etwas über anderthalbtausend Einwohnern. In einer anderen Version der Geschichte handelt es sich beim untreuen Ehemann um einen Herzog, nicht um einen Großgrundbesitzer.

Welche von diesen Versionen stimmt – bzw. ob überhaupt eine davon stimmt – oder ob hier nur das Klatsch- und Tratschbedürfnis der Bevölkerung ausgelebt wurde und eine ansonsten eher langweilige Geschichte – Ehemann gibt Frau Hof als Hochzeitsgeschenk – in ein Dreiecksdrama verwandelt wurde (das ist mein Tipp in dieser brisanten Angelegenheit!), lässt sich wohl heute nicht mehr feststellen.  Aus irgendeinem Grund musste ich allerdings  an die Weihnachtsgeschichte denken. Ob wohl Joseph auch von einem Mann, der sich möglicherweise unter dem Decknamen "Heiliger Geist" versteckte, eingekauft war?

P.S. Kleiner Hinweis in eigener Sache: In der aktuellen, noch bis kommenden Dienstag erhältlichen Brigitte findet Ihr einen Psychologie-Artikel von mir und falls Ihr noch irgendwie an eine Märzausgabe der Cosmopolitan kommt, da ist ebenfalls einer drin. Freue mich auch immer über Feedback zu Gedrucktem!


Kommentare :

  1. Die Morgongava existiert auch heute noch bei modernen Paaren!

    Auf der von einer schwedischen Freundin prangt Gucci und sie trägt sie seit 2006 um ihr Handgelenk.. ;-)

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    1. Und das haben tatsächlich ihre Eltern bezahlt? Wie praktisch für ihn – und sie! ;o)

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  2. Christiane Fischer21. Juni 2013 um 14:33

    Ich kenne eine Morgengabe auch - mein Mann leider nicht ;-)
    Allerdings kenne ich sie als Geschenk am Morgen NACH der Hochzeit, nicht am Hochzeitsmorgen.

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