Donnerstag, 7. März 2013

DER DREIFACHE ZINGO ODER: WAS EINE SCHWEDISCHE LIMO MIT EINEM BOXCHAMPION UND UNSEREM KATER ZU TUN HAT

Wer ist das? Was will diese Flasche hier?
Es kann nur einen geben! 
Bevor sich Euch die Überschrift erschließt, muss ich ein bisschen ausholen: Wie Ihr vielleicht schon mitbekommen habt, haben J. und ich einen felinen Mitbewohner. Als wir uns entschlossen, eine Katze anzuschaffen, war jedenfalls schnell klar, dass wir (mindestens) einer erwachsenen Katze, die nicht mehr bei ihren bisherigen Besitzern bleiben konnte, ein neues Heim geben wollten. Katzenbabys finden schnell ein Zuhause, große Katzen nicht immer. Darum durchforstete ich das Kleinanzeigenportal blocket.se und stieß auf einen Kater, der von seinen Besitzern aus "gesundheitlichen Gründen" abgegeben werden sollte.

Der Kater lebte nicht weit von uns entfernt und weil zu diesem Zeitpunkt gerade mein Auto in der Werkstatt war, nachdem es von einem schwedischen Müllabfuhraushilfsfahrer teilweise zu Klump gefahren worden war (ich berichtete), schwangen wir uns auf unsere Räder und fuhren nach Laröd im Norden Helsingborgs. Uns erwartete eine Überraschung. Ich habe schon immer ein Faible für dicke Kater gehabt, aber eine Hauskatze diesen Ausmaßes hatte ich noch nicht gesehen. Er war unheimlich lang, ziemlich breit und hatte einen Body-Mass-Index der Bulle-von-Tölz-Kategorie (also vergleichsweise). Außerdem besaß er einen im Verhältnis zu seinen sonstigen Körpermaßen geradezu grotesk dünnen und kurzen Schwanz. Aber er schnurrte mit einer Lautstärke und Intensität, die vermutlich sonst nur ein Löwe hinbekommt – und sich sofort in unser Herz. (J. hat ihn darum übrigens erst kürzlich für das neue Album seiner Band "arbeiten" lassen und anschließend einen schier unglaublichen Sound daraus gemacht: Genaueres dazu ist hier nachzulesen – inklusive Fotobeweis. Um den Sound zu hören, bitte hier klicken!

Die seltene Chamäleon-Katze
passt sich farblich der Einrichtung an
Das ältere Ehepaar hatte den Kater, der zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt war, erst seit einigen Monaten. Warum er von seinen ersten Haltern abgegeben wurde, wurde nicht ganz klar, offenbar wurde er von einer zweiten Katze gemobbt. Das ältere Ehepaar in Laröd hatte zuvor einen Hund gehabt, der gestorben war und da die Frau an Krebs litt und nicht mehr regelmäßig mit einem Hund Gassi gehen konnte und ihr Mann oft nicht zuhause war, fiel die Entscheidung nun nicht zugunsten eines neuen Hundes: Es sollte eine Katze sein, weil Katzen in puncto Gassigehen doch deutlich anspruchsloser sind. Mittlerweile fürchteten die beiden aber, dass der Kater zu oft allein sein würde, wenn sie ins Krankenhaus musste und er beruflich unterwegs war.

J. und mir wurde direkt in den ersten Minuten klar, dass das nur halbe Wahrheit war. Die beiden waren "Hundemenschen". Sie mochten den Kater irgendwie schon, aber verstanden ihn nicht, man konnte die Distanz zwischen den Leuten und dem Kater spüren. Wir waren uns schnell einig: Die Schnurrmaschine kommt zu uns. Der Gedanke, dass er, wenn wir ihn nicht nehmen, im Tierheim landet, wo er aufgrund seiner Größe und seines Alters bestimmt nicht so leicht vermittelbar gewesen wäre, war für mich unerträglich. Nur den Namen fand ich zunächst etwas seltsam: Zingo. Was sollte das denn bedeuten? Seine Noch-Besitzerin fragte allerdings besorgt: "Er kann doch weiterhin Zingo heißen, oder?" und wir nickten. Natürlich hatten wir nicht vor, ihn umzutaufen, schließlich kannte er seinen Namen. Ein sechsjähriges Kind würde man ja auch nicht plötzlich anders nennen, wenn man es adoptiert.

Kurze Zeit später las ich zufällig in Håkan Nessers "Och Piccadilly Circus ligger inte i Kumla" (auf deutsch hier erhältlich), wie sich Protagonist Mauritz an einem Kiosk ein paar Zigaretten und en Zingo kauft. Dass er am Kiosk einen dicken roten Kater erwirbt, hielt ich für einigermaßen ausgeschlossen, also recherchierte ich und fand heraus: Zingo ist eine schwedische Limonade, die es schon seit den Fünfzigerjahren gibt. Die Hauptgeschmacksrichtung des Getränks ist Apfelsine und seine Farbe ein durchdringendes Orange (man darf jetzt rätseln, warum unser Zingo so heißt, wie er heißt ...) Inzwischen weiß ich, dass Zingo nicht nur toll aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt – die Limonade natürlich, nicht der Kater (der sieht nur toll aus).

Die Ironie der Geschichte ist, dass Zingo, die Limonade, selbst zunächst einen anderen Namen hatte. Ursprünglich hieß das Zeug nämlich "Ingo", nach dem Boxer Ingemar "Ingo" "The Champ" Johansson. Nachdem selbiger aber 1960 die Weltmeisterschaft versemmelt hat, taufte man 1962 das Getränk in Zingo um. Ironischerweise gewann Johansson im selben Jahr die Europameisterschaft, das "Z" nahm man trotzdem nicht zurück. Ich frage mich, welche Meinung der gute Ingo wohl dazu hatte, so fallen gelassen zu werden wie eine heiße Kartoffel. Wäre er ein Tier, hätte man ihn wahrscheinlich in ein Tierheim abgeschoben.

Unser Dickmops wird jedenfalls niemals abgeschoben oder umbenannt werden, denn er ist ein echter Champion. Als Boxer wäre er zwar vermutlich eine Vollniete – sein Kampfinstinkt ist quasi nicht vorhanden –, aber im Schnurren macht ihm keiner was vor. Außerdem ist er wahnsinnig empathisch. Wenn es uns nicht gut geht, scheint er das zu fühlen, dann bleibt immer in der Nähe. Etwas, was ich in letzter Zeit sehr zu schätzen gewusst habe.

Übrigens, ein anderes Beispiel für eine außergewöhnliche und empathische Katze ist der wunderbare Kater Bob hier. Die Geschichte, wie der verletzte Straßenkater und der einst drogenabhängige Straßenmusiker Freundschaft schließen und sich gegenseitig helfen, ihr Leben wieder auf die Füße/Pfoten zu stellen, ist  eins der herzerwärmendsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe (neben Nick Hornbys A Long Way Down). Meine Empfehlung!




Kommentare :

  1. Ach, ist das ein hübsches Prachtexemplar - ich liebe rote Katzen (naja, ich liebe alle Katzen, aber rot und dick ist schon ziemlich unschlagbar!). Da hattet Zingo und ihr aber beide großes Glück! : )
    Liebe Grüße
    Nicola

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  2. Ich liebe auch alle Katzen, hatte aber immer eine Vorliebe für schwarz-weiße Exemplare – wahrscheinlich kindliche Prägung, mein erster Kater Puntje, der Sohn meiner ersten Katze Miss Mini (grauer Tiger), war schwarz-weiß und Puntje war, im Gegensatz zu seiner Mama (die ich natürlich auch liebte), unheimlich gemütlich und ließ sich herumschleppen, was für eine Siebenjährige ja das Größte ist. Rote Katzen fand ich, wie alle Katzen, toll, aber aus irgendeinem Grund vergleichsweise optisch am wenigsten interessant. Kann ich heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Liebe Grüße zurück!

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  3. Liebe Stella,

    was für ein schöner Text!!!

    Zingo kannte ich weder bottled noch auf vier Beinen.
    Was für einen wassertrinkenden Nichthaustierfan vermutlich nicht verwunderlich ist.

    Auch, wenn ich durch mein Outing mit den Haustieren nun in ewige Ungnade falle, so könnte ich bei Eurem süßen "Dickmops" doch glatt anfangen, Katzen süß zu finde!
    Vereinzelt! ;-)

    Liebe Grüße aus dem Süden von

    Pia

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    1. Liebe Pia, (dies ist der zweite Versuch, in meinem EIGENEN verdammten Blog eine Antwort auf Deinen Kommentar zu schreiben, eben wurde sie einfach verschluckt, verdörri noch mal!): Dankeschön! Und keine Angst, ich bin auch tolerant gegenüber Leuten, die mit Haustieren nichts anfangen können. Also vereinzelt! Zuweilen bin ich mit ihnen sogar befreundet (oder/und verwandt). ;o) Probier mal Zingo, die Limo, wenn Du wieder in SE bist, schmeckt ganz herrlich künstlich, so richtig nach Siebziger-Kindergeburtstag. Liebe Grüße aus dem tatsächlich seit Tagen sonnigen Norden in den Süden!

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  4. Liebe Stella! Schöne Geschichte. Rumndum. Und ein wunderschöner Kater. Auch rund... und um. Ich glaube, unser Paul könnte auch in die Richtung gehen. Und ich bin nachgerade sicher, dass die ambivalente Beziehung zwischen Ingemar "Ingo" "The Champ" Johansson und dem unbekannten progressiven Werbeleiter des besagten schwedischen Limonadenkonzerns in den 50er und 60er Jahren eine ganz eigene Erzählung wert ist. Muss mich dieser Materie beizeiten noch einmal annehmen - es sei denn, Du tust das selber. Mich würd's freuen :)
    Herzlichst grüßt
    Thomas

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    1. Hm, ja, vielleicht sollte ich mich mit Ingo und dem Zingo-Konzern tatsächlich noch eingehender auseinandersetzen. Leider ist Ingo vor vier Jahren in die ewigen Boxgründe eingezogen, sonst wäre ein Interview sicher sehr aufschlussreich. Aber vielleicht findet man ja in irgendwelchen Archiven Hinweise dazu, wie das dmals alles genau vor sich gegangen ist. Und vielleicht lebt der Werbemensch ja noch. Auf alle Fälle vielen Dank für den Kommentar, ich hoffe, Du schaust öfter hier vorbei! Schönste und sonnige (!) Grüße nach Essen!

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  5. Hey Stella
    Toller Bericht. Hat den Zingo schon ein wenig abgenommen, oder soll er so bleiben wie er ist.
    Wird Zeit dass ich mal wieder hochkomme.
    Melde mich auf jeden Fall rechtzeitig.

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  6. Hey Stella

    Netter Bericht über euren Star im Hause.
    Hat er denn schon ein wenige abgenommen? Habe in Erinnerung, dass ihr das mal versuchen wolltet.
    Grüße
    Markus

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