Sonntag, 25. November 2012

SCHWEDISCHE WEIHNACHTSMÄRKTE: MIT GRANTIGEN SENIOREN, VÖGELN AUF PASTA-ENTZUG UND VERGESSENEN NIKOLÄUSEN

Schwedischer Ringelpiez, rund
um ein beleuchtetes Grüngewächs
Schweden gelten ja allgemein als weihnachtsverrückt und Weihnachten in Schweden als besonders besinnlich. Das wollen wir dieses Jahr mal genauer unter die Lupe nehmen. Gestern waren J. und ich darum auf einem ersten Weihnachtsausflug. Zunächst haben wir uns ins schöne Ängelholm (meine "alte Heimat") begeben, zum Gammaldags Julmarknad – also einem "Weihnachtsmarkt wie in alten Zeiten". In Schweden sind Weihnachtsmärkte kurze Events und nicht – wie in Deutschland üblich – eine permanente Veranstaltung zwischen Ende November und Heiligabend und stehen darum natürlich im Fokus der Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Der Hembygdspark  in Ängelholm ist allerdings auch schon ohne Weihnachtsmarkt einen Besuch wert. Im meernahen Kiefernwald stehen hier verstreut lauter rote Schweden- und Fachwerkhäuschen, in denen zum Beispiel eine Kaffestuga untergebracht ist oder eine elektrische Eisenbahn, die man mit 5 Kronen zum Fahren bringen kann (was ich natürlich gleich getan habe, um allerdings festzustellen, dass sich die von zwei in unterschiedliche Richtungen im Kreis fahrenden Zügen erzeugte Action doch in gewissen Grenzen hält). Es gibt großzügige Tiergehege mit Ponys, (mindestens) einem Esel, bunten und zum Teil gigantischen Hühnern aller möglicher Rassen und ebenso gigantische Kaninchen. In Volieren kann man Singvögel in verschiedenen Ausführungen und Tonarten bewundern. Außerdem befindet sich im Eingangsbereich ein von sehr vielen Entenarten bevölkerter und stark beschallter Tümpel. Aber vor allem gibt es (mindestens) einen sehr neugierigen Kakadu. Einen sprechenden sehr neugierigen Kakadu. Also angeblich sprechenden.

Yoda? Du Arsch? Koala?
Man weiß nicht, was uns dieser
Vogel mitteilen möchte
 J. schwört Stein und Bein, dass er (oder sie) ganz bestimmt "Goddag! Goddag!" gesagt habe. Meiner Meinung nach hätte man in die Äußerung des Federtieres auch alles mögliche andere hinein interpretieren können. Ein notorischer Miesepeter hätte vielleicht "Du Arsch!"verstanden, ein Durstiger "Cola", ein Franzose "Voilà!" und ein Star Wars-Fan "Yoda". Was er (oder sie) aber ganz bestimmt nicht gesagt hat, war "Spaghetti". In  diesem Fall hätte man ihm den Wunsch leider abschlagen müssen (siehe Bild).
Mist, nächstes Mal bringen wir
Farfalle mit
(Foto: J. Montelius)
   Kakadu und Freunde sind sozusagen die Standardausstattung des Parks. Gestern gab es nun aber dazu noch einen Weihnachtsbaum, um den mehrheitlich in Weihnachtsmann-Kostüme gewandete Erwachsene und Kinder herumtanzten. Das st nicht weiter verwunderlich. Schweden tanzen bei ihren Festen eigentlich immer um irgendwelche Bäume herum, im Sommer um die Midsommarstång, im Winter eben um den Julgran und singen dabei im Wesentlichen die gleichen Lieder. Aus soziologischer Perspektive spricht man hier von einer so genannten Multifunktionsfestkultur.

Mit Weihnachten ist nicht zu spaßen
(Foto: J. Montelius)
Dazu spielte eine sichtlich übel gelaunte Rentnerband, die wahrscheinlich verärgert war, mit albernen Nikolausmützen aufreten zu müssen. Vielleicht hatten die älteren Herrschaften auch einfach nur Hunger, weil alle außer ihnen etwas zu futtern bekamen: Es gab eine Bude mit frisch gebackenen Waffeln, eine mit den obligatorischen Würsten (korv med bröd). An einer anderen habe ich, man glaubt es kaum, meine allererste Lussekat probiert, ein Hefeteilchen, das es ursprünglich nur zum Luciafest am 13. Dezember gab, aussieht wie eine schiefe Acht und schmeckt wie Weckmann/Stuten mit Safran. Darüber hinaus gab es Stände mit vorwiegend ökologischen Spezialitäten aus der Region, zum Beispiel Schafskäse von der Insel Ven, Hühnerleberpastete von der Bjäre-Halbinsel, Honig, Sill (Hering), außerdem selbstgemachter Schmuck, Keramik, Kinderkleidung aus Biowolle und solcher Dinge mehr. In einem Tipi aus Tannenzweigen saß derweil der Weihnachtsmann, um Kinderwünsche entgegen zu nehmen, die Schlange davor sprach Bände. Außerdem durften alle Kinder ein echtes Löschauto der Ängelholmer Feuerwehr unter die Lupe nehmen. Wobei das ganz sicher nicht gammaldags war.

Es weihnachtet reichlich
auf dem Hässleholmsgård
Anschließend fuhren wir weiter Richtung Hässleholm, wo im Hässleholmsgården ein typisch schonischer Weihnachtsmarkt stattfand. Für 80 Kronen bekamen wir Zutritt zu dem alten, festlich beleuchteten Herrenhof, dessen Ursprünge bis ins 16. Jahrundert zurückgehen. Auch hier waren, ähnlich wie in Ängelholm, alle möglichen Waren im Angebot, nur eben nicht unter freiem Himmel, sondern in  den verschiedenen Gebäuden des Hofes. Etwa selbst gegossene Kerzen, Filzaccessoires, handgemachte Körbe, Socken und Ponchos, Handschuhe aus Schafsleder und vor allem jede Menge niedliche Tomtar. Tomtar sind die kleinen Verwandten des Jultomte – des schwedischen Weihnachtsmannes. Jedes Haus hat der Sage nach hat einen eigenen Tomte, einen normalerweise unsichtbaren wichtelartigen Hausgeist, der dem Haus Glück bringt und relativ pflegeleicht ist. Nur einmal im Jahr, an Weihnachten nämlich, wird er mit Milchreis und Zimt gefüttert, um bei Laune gehalten zu werden. Das mit dem Milchreis sollte man allerdings ernst nehmen, denn mit so einem stinkigen Tomte ist nicht gut Kirschen essen, dann kann er zu einem echten kleinen Horrorzwerg werden.

Immer null Bock auf Weihnachten?
Hier hat man gleich vier Böcke
(der nicht im Bild sichtbare dient als Stativ) 
Außerdem gab es natürlich wieder eine Kaffestuga, dazu eine Bude mit "Sillburgern" (Das klang uns trotz Hunger doch etwas zu gewagt). In der alten Scheune bei den Lebensmittelständen haben wir dann allerdings zugeschlagen und verschiedene Wildwürste gekauft (wir essen nicht viel Fleisch und wenn, dann eigentlich nur noch Wild, weil die Tiere ein Leben in Freiheit hatten und in Schweden aus Mangel an genügend Raubtieren gejagt werden muss.) In diesem Fall haben wir uns mit Ren-, Elch- und Hirschwurst, sowie Wildschwein-Pastete eingedeckt. Es gab aber natürlich noch alle möglichen anderen Bio-Köstlichkeiten zu probieren: himmlisch leckere  und höllisch teure Hjortronmarmelade aus den seltenen orangefarbenen Moltebeeren, dem Wahrzeichen Lapplands. Jede Menge verschiedene Käsesorten. Ökologisch aufgezogenen Aal. Süßen Apfelmost. Alkoholfreien Glögg. Holundersenf. Wieder Sill. Sauerteigbrot (das gut aber nicht so gut schmeckte wie mein eigenes, das ich heute übrigens wieder backe). Und alles mögliche mehr.

Um den Hof herum fuhren derweil mit Hufgeklapper nostalgische Pferdekutschen und strategisch leicht fehlplatziert, nämlich abseits am Parkplatz, wartete der obligatorische Weihnachtsmann in einer Hütte auf die Kinder, die hier bedauerlicherweise nicht so viel von ihm wissen wollten. Oder ihn einfach nicht gefunden haben, wir haben ihn schließlich auch erst bei der Abfahrt bemerkt. Trotz dieser quasi einmaligen Gelegenheit, den Weihnachtsmann ohne Wartezeit darüber zu informieren, dass sich unser Buch im nächsten Jahr bitte zehn Millionen mal (so in etwa) verkaufen soll, haben wir Abstand davon genommen. Der in Vergessenheit geratene und darum vermutlich unglaublich gelangweilte Weihnachtsmann war bei diesem nasskalten Nieselwetter nämlich garantiert bis in den kleinen Zeh durchgefroren und mindestens so übel gelaunt wie die Seniorenband in Ängelholm und wir hatten zur Besänftigung keinen warmen Milchreis dabei. Denn auch wenn so ein Tomte kein Hustomte ist, so besteht hier ja sicher doch eine gewisse Verwandtschaft. Aber vielleicht liest ja der echte Jultomte das hier, gemütlich und wohlgemut am knisternden Kamin!

Vom Warten versteinerter Tomte 
P.S.: Die Göteborg-Reise werde ich natürlich auch noch weiter als "Fortsetzungsgeschichte" hier posten, außerdem werde ich demnächst über meine sprachlichen Fortschritte bezüglich des Schwedischen berichten.


Dienstag, 20. November 2012

FIX UND FERTIG: WAS IN DER ZWISCHENZEIT GESCHAH

Work in Progress – ein Bild aus der Anfangsphase des Projektes,
 J. mit NASA-Tasse, Frau B. mit NEK-Tasse
Die Blog-Pause ist vorbei! Es hat lange gedauert, aber es sieht fast so aus als seien J. und ich jetzt erst mal fertig. Mit den Nerven  –  aber auch mit unserem Buch. "Verliebt in Schweden: Eine Geschichte ohne Elch, aber mit Herz"wird es heißen und im kommenden Jahr ziemlich genau an Mittsommer bei Lübbe erscheinen. Dabei handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger als unsere eigene, nicht unbedingt ganz normale Geschichte, selbstverständlich ein bisschen gerafft und geschliffen und aufs Wesentliche reduziert. Dass ich in Schweden landen würde, war nämlich nicht unbedingt vorgezeichnet, ganz im Gegensatz zu J., für den sah es eine Weile eher nach Umsiedelung nach Deutschland aus. Hier ein kleiner Outtake – also ein Textstück, das nicht mehr im Buch zu finden sein wird (da müssen wir jetzt vorsichtig sein) – der illustriert, wie abwegig Schweden für mich eigentlich war:

Ich meine, wieso ausgerechnet Schweden? Nicht, dass ich direkt was gegen das Land gehabt hätte. In meinem inneren Erdkunde-Atlas entbehrte Schweden nicht einer gewissen Grundsympathie: Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, die Bullerbü-Bande und die anderen Lindgren-Helden hatten in meiner Kindheit ganze Arbeit geleistet. Auch Selma Lagerlöf hatte mit „Nils Holgersson“ und seiner Gänsefluglinie ein Scherflein beigetragen. Abbas „Dancing Queen“ halte ich für einen der großartigsten Popsongs, die je geschrieben wurden. Dann gab‘s natürlich noch den wie ein gemütlicher Bär brummenden Volvo, den meine Eltern fuhren, als ich klein war und auf dessen Rückbank ich unzählige Male sanft und sicher in den Schlaf geschaukelt worden war. Das waren tatsächlich durch und durch von positiven Emotionen begleitete Schweden-Assoziationen: Abenteuer und Freiheit, dabei trotzdem Geborgenheit und Sicherheit. Die Kombi muss man erst mal hinkriegen.
   Ich las auch vor zehn Jahren schon mit Vorliebe Krimis von Håkan Nesser, Liza Marklund und Henning Mankell. Diese Schweden konnten mit Worten und Spannung meisterhaft umgehen und im Fall von Nesser hatten sie außerdem noch einen feinen Humor. Aber wieso sollte es mich ausgerechnet in die Provinz Schonen verschlagen, in der Mankells Kommissar Wallander und dessen Tochter Linda unermüdlich gegen das Böse kämpften? Warum, zum heiligen Knäckebrot, sollte ich in eine Gegend ziehen, in der offensichtlich ewiges Novemberwetter herrschte und die nur von unter Seasonal Affective Disorder leidenden Polizeibeamten, grantigen Zeugen und natürlich perfiden Serienverbrechern bevölkert war? 

Tja, warum? Wenn Ihr wissen möchtet, wie das kam, dann müsst Ihr Euch wohl noch etwas gedulden und unser Buch lesen. Und bis dahin vielleicht diesen Blog. Auch wenn unser Buch kein "normales" Kulturschock-Buch ist, ließ es sich kaum vermeiden, nebenbei noch eine ganze Menge schwedischer Schrulligkeiten aufs Korn zu nehmen. Zum Beispiel schreiben wir vom typisch schwedischen Verhalten in Supermarktschlangen, Kreisverkehren, vom leicht schizophrenen Verhältnis zu bestimmten Süßwaren, zum Datenschutz und zum Alkohol bis hin zu den Geheimnissen um die Erfindung einer merkwürdigen Nahrungskomponente namens "Pizzasalat" oder um das barbarische Gemetzel der Kräftskiva. Um nur einiges zu nennen.

Zu unserer Belohnung backe ich jetzt aber erst mal Kardemummabullar. Vor lauter Stress und weil ich es nicht mehr gewohnt war, hatte ich zunächst zu viel Mehl genommen. Also habe ich mit J.s Hilfe noch schnell alle anderen Zutaten um ein Drittel vermehren müssen. Jetzt gibt es eben statt ca. 20 Schnecken ca. 27 (oder so). Das ist gut, denn es schadet nie, einen Vorrat im Tiefkühlfach zu haben. Aber zunächst probieren wir natürlich von den ofenwarmen Köstlichkeiten – stilecht zu einer Tasse Glögg. Mmmmm!