Sonntag, 19. August 2012

IST UNPRÄTENTIÖS DAS NEUE PRÄTENTIÖS ODER: WILLKOMMEN IM CLUB?

Die Aufschrift ist schon etwas verblasst.
Da steht "China Club Berlin".
Aufnahmegebühr: 10.000 Euro
Jahresmitgliedschaft: 1500 Euro
Giveaway: 13 Cent
Ein schneller Eintrag, bevor ich mich an diesem ungewöhnlich warmen Sonntag in die Arbeit am aktuellen Projekt stürze. Er soll kurz werden. Ob ich das schaffe? Als ich heute früh das Rezept für das aktuell in Arbeit befindliche Brot, ein Roggenbrot mit Weizenanteil, Haferflocken und Apfel (das ich weitgehend nach dem Plötz-Blog backe, allerdings mit klassisch dreistufig geführtem Sauerteig, wie hier erklärt) fiel mir auf, dass der Kugelschreiber, den ich für Analog-Notizen und Einkaufszettel neben dem Computer liegen habe, ein Giveaway des Berliner China Club ist. Und damit eines "Society Clubs", in dem Harald Glööckler Mitglied ist (hier ist ein interessantes Video dazu) und in den er mich an einem Abend zum Essen eingeladen hat. Offenbar ist der Club im Adlon der teuerste und exklusivste in Berlin. Ich fand es dort tatsächlich sehr angenehm, war aber auch froh, dass ich im zugehörigen China-Restaurant eine "Damenkarte" ohne Preise bekommen habe, sonst wäre ich vermutlich tot umgefallen. Besonders gemütlich fand ich es in der Bar, wo wir dann anschließend noch ein bisschen gequatscht haben und Herr Glööckler, der natürlich um meine Schweden-Connection weiß, sich einen Empfang bei der schwedischen Königin ausmalte, den wir zusammen besuchen würden, sobald er auch in Schweden Erfolg haben würde. Für ihn nur eine Frage der Zeit und ich habe null Zweifel, dass das früher oder später passieren wird (wobei ich jetzt nicht weiß, ob das mit der Königin was wird, aber who knows?) Verglichen mit dem exklusiven Ambiente ist der Billo-Kugelschreiber zum Mitnehmen natürlich ein bisschen enttäuschend, aber einem geschenkten Gaul schaut man ja eigentlich nicht ins Maul (sorry!)

Mit einem anderen Klienten, Gedankenleser und Hypnotiseur Jan Becker, war ich wiederum im Soho House in Berlin. Das war für unsere Interviews zu seinem nächsten Buch, das am 10. September erscheint (sehr zu empfehlen!) und bei dem ich ihm geholfen habe, eine hervorragende Wahl. Ich bin da ganz pragmatisch: Es gab Steckdosen überall, die Sessel waren bequem, der Kaffee und der Blick über Berlin wirklich großartig, insbesondere an sonnigen Tagen. Ich muss zugeben, dass mir die Einrichtung und das Essen sehr zugesagt haben, ganz besonders die obere Abteilung, mit Blick auf den Pool, weil es dort noch sonniger ist (wobei ich NIEMALS diesen Präsentierteller-Pool benutzen würde und wenn ich 10 x Mitglied oder Hotelgast wäre, ich käme mir vor wie im Aquarium). Bemerkenswert die Tapete auf dem Klo: Auf den ersten Blick ein dezentes florales Muster, auf den zweiten besteht das florale Muster aus Geschlechtsteilen unterschiedlicher Ausprägung. Äh, ja.

Jan Becker ist eins der Gründungsmitglieder des Berliner Clubs und wohnt ganz in der Nähe, darum ist es ganz natürlich, dass er sich dort aufhält. Er wurde gefragt, ob er Lust hätte mitzumachen, nicht umgekehrt. Vermutlich trifft das auch auf Benjamin von Stuckrad-Barre zu, auf den ich im Aufzug stieß. Ich denke, dass Leute wie Stuckrad-Barre einen Großteil der Klientel des Clubs stellen, also so eine Art Meta-Prominenz mit Medienhintergrund. Auf meinen Interview-Aufnahmen hörte ich im Hintergrund außerdem Gespräche von Leuten, die allem Anschein nach irgendeinen Film produziert hatten und die alle eine Spur zu laut und zu gönnerhaft sprachen, fast schrien. Natürlich mit Name-Dropping galore ("Du, der Til..."). Kurz: Leute, die unbedingt wollen, dass man sie hört und bitte, bitte, bitte zur Kenntnis nimmt, was für tolle Hechte sie sind und wen sie alles kennen und wie wahnsinnig wichtig sie doch sind. Vielleicht hab ich mir das auch nur eingebildet, aber so generell bin ich – trotz der wirklich ansprechenden Gestaltung, sowohl des China-Club als auch des Soho House  – sehr zwiegespalten, was solche Etablissements betrifft. Und das hat mit der so gern hervorgehobenen "Exklusivität" zu tun.

Dass Promis wie Harald Glööckler, die nicht mal in Ruhe irgendwo essen gehen können, ohne von Fans belagert zu werden, Mitglied in einem teuren Club werden, kann ich verstehen. Außerdem ist er  seinem Image jede mögliche Extravaganz ja geradezu schuldig. Dass Jan Becker Mitglied im Soho House ist, ist aus genannten Gründen ebenfalls völlig nachvollziehbar. Grundsätzlich finde ich es sowieso verständlich, dass man Mitglied in so einem Teil werden will, das mit Fitness-Studio und Kino und Spa, verschiedenen Aufenthaltsbereichen und sehr guter und nicht zu teurer Küche einiges zu bieten hat. Das sind alles Sachen, die z.B. ich gerne und viel nutzen würde. Genau: würde. Jetzt kommt natürlich ein WENN NICHTWENN da NICHT diese gewisse Prätentiösität wäre, die einige Leute (nicht alle) – etwa die oben genannten Filmschaffenden – dort ausstrahlen: Ich bin hier Mitglied, ich hab's geschafft, juhu, juhu, ich bin was Besseres. So eine Haltung und so ein Gehabe wirkt auf mich so unsexy und riecht so nach kleinbürgerlichem Möchtegern-Getue, dass ich schon allein aus diesem Grund (vielleicht) doch nicht Mitglied werden wollte, so ich denn in Berlin lebte. Obwohl mir der Laden wirklich gefällt. Vielleicht würde ich aber doch. Wenn man mich fragte. Schon allein, weil ich mein Handeln nicht indirekt von prätentiösen Angeber-Heinis mitbestimmen lassen wollte. Oder ist es vielleicht so, dass ich mich dann erst recht für was Besseres halte? Sozusagen die Oberprätentussi bin? Tja, ist schon manchmal schwierig, als Trotzkopf auf die Welt gekommen zu sein...

Wie seht Ihr das?

P.S. Mit "mal eben kurz" wurde es ja nun leider wieder nix.

Freitag, 17. August 2012

DAS DOPPELTE Ö-CHEN ODER: ANLEITUNG ZUM ERFÖÖLGREICHSEIN

Wie einige von Euch wissen, habe ich Harald Glööckler bei der Erstellung seiner Autobiographie assistiert. Man kann ja von seinen Schöpfungen halten was man möchte, doch egal, wie man es dreht und wendet: Er ist ein sehr außergewöhnlicher Mensch, der nicht nur über eine ziemlich große Wohnung verfügt, sondern auch über ein großes Herz und viel Humor. Und er hat, so viel kann man sich denken, eine außergewöhnliche Lebensgeschichte.

 Bei Amazon kann man ins Buch reinlesen (und es natürlich auch bestellen):


Schon als als Kind träumte er sich in andere, schönere Welten. In Wirklichkeit schlug sein Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, Haralds Mutter. Eines Tages stürzte sie als Folge eines dieser Angriffe die Treppe hinunter und starb einige Tage darauf im Krankenhaus. Das passierte, als Harald gerade erst 13 Jahre alt war. Er schwor sich, noch ein paar Jahre durchzuhalten, bis er allein leben konnte und in dieser Zeit möglichst nichts mit seinem Vater zu tun zu haben – den Plan setzte er in die Tat um. Wie auch alles andere, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Damals und heute.

Er erzählt natürlich nicht nur von den Schrecken seiner Kindheit, sondern auch von deren schönen Seiten. Von seiner Großmutter und ihrem geheimnisvollen Dachboden voller faszinierender Schätze. Von seiner eleganten und extravagant-exzentrischen Tante, für die er seine ersten Modezeichnungen fertigte. Von seiner Zeit als Azubi in einem Herrenbekleidungsgeschäft und wie er den Anfeindungen aufgrund seiner Sexualität trotzte. Er erzählt, wie er seine große Liebe fand und wie damit die Geschichte seines Erfolges begann, in einem Jeansladen in Stuttgart und wie er trotz Intrigen seinen Traum in die Tat umsetzte.

Ich denke, ich kann guten Gewissens zwei Sachen versichern. Erstens, dass alles ganz anders war, als man sich das so vorstellt, wenn man ihn auf QVC oder in seiner eigenen Doku-Serie sieht, denn das zeigt wirklich nur einen kleinen Ausschnitt. Harald Glööckler hat auch schon Balletts ausgestattet und Theateraufführungen, er hat Haute Couture geschneidert – ja, schlichte schöne Kleider kann er tatsächlich auch. Zweitens kann ich versichern, dass das Buch wirklich gut geworden ist. Wer lesen möchte, wie das eigentlich geht – an sich zu glauben, egal, was alle anderen sagen – der kann das hier lesen.

Warum ich das alles schreibe? Das gute Stück kam gerade HEUTE früh als Taschenbuch raus.