Mittwoch, 25. Juli 2012

ALLES KÄSE UNTER DEM MOZZARELLAMOND ODER: AM RANDE DES BACKWAHNS

Dünn und kross sollst du sein, Teig!
Dünn und lecker sollst du sein, Belag!
(Letzterer sieht hier voluminöser aus
als in Wirklichkeit)
Als ich noch in Köln lebte, im Pantaleonviertel in der südlichen Altstadt oder nördlichen Südstadt (so ganz einig ist man sich da nicht, es kommt eben auf die Perspektive an), jedenfalls jenem Viertel, das benannt ist nach St. Pantaleon, einer frühromanischen Kirche mit angeschlossener Benediktinerabtei, da gab es in einer der Nachbarstraßen – im Martinsfeld, um genau zu sein – einen Lebensmittelladen. Nicht nur einfach einen Lebensmittelladen, sondern eine Perle von Geschäft, in dem Obst und Gemüse angeboten wurde, das zwar in etwa doppelt so viel kostete wie jenes aus anderen Quellen, aber auch doppelt so gut aussah und doppelt so gut schmeckte. Außerdem führte man italienische Feinkost. Salami, Parmaschinken, Oliven, Parmesan, Pecorino, das volle Programm. Das Ganze war ein wunderbares Beispiel für einen perfekten Tante-Emma-Laden, auf dessen Namen ich leider nicht mehr komme (Wer mir helfen kann und mich aufklären mag, ob es den Laden noch gibt: Ich freue mich!) 


Unter dem Mozzarellamond stellt man
sich immer wieder die jahrtausendealte Frage:
Büffel oder Kuh?
Geführt wurde er von einem jungen Paar mit einer erheblichen Anzahl an Kindern, die auch gerne mal im Laden herumsprangen und Chaos veranstalteten. Ich meine auch, mich an einen Hund zu erinnern, vielleicht habe ich den aber auch nur in der Erinnerung hinzufabuliert. Die Chefin war Italienerin, eine sehr hübsche Frau mit kurzem Isabella-Rosselini-Haarschnitt, ein paar Jahre älter als ich. Ihr Freund – oder vermutlich Mann, immerhin war sie Italienerin – war eher der Typ Sozialpädagogik-Student, mit raspelkurzen Haaren, ungebleichtem Schlabber-Sweatshirt und runder Nickelbrille. Er sprach recht sanft, aber sehr bestimmt und wirkte manchmal etwas fehl am Platz inmitten seiner temperamentvollen Familie und genau darum irgendwie genau richtig.  Manchmal fragte ich mich, wie und wo die beiden wohl zueinander gefunden hatten. In der Uni? Auf einer Ferienreise? Bei der gemeinsamen ehrenamtlichen Arbeit für Amnesty International? (So kriege ich es nie hin, mal einen kurzen und bündigen Blogeintrag zu schreiben.)


Ein Mehlsiebe-tjofräs von
absoluter Topqualität
Die beiden wirkten leider immer ein wenig gestresst. Es kann nicht einfach sein, in Köln einen gezwungenermaßen etwas teureren und versteckt gelegenen Tante-Emma-Laden in einem Wohngebiet zu führen, in der man eine Stunde braucht, um einen Parkplatz zu finden – und ich spreche hier von Anwohnern mit Parkausweis, mir zum Beispiel. Aber sie waren Feuer und Flamme für ihre Waren. Zum Beispiel habe ich durch die beiden den unvergleichlichen Ionia-Espresso kennen gelernt, in Köln nur dort erhältlich, zumindest zu jener Zeit. Kostete ein Vermögen, war aber jeden Cent wert. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass es Kaffee ist, ich hätte das Zeug für Trinkschokolade gehalten. Der Herr des Hauses – das heißt, des Ladens, gewohnt wurde ein paar Ecken weiter in Richtung Barbarossaplatz – nahm sich auch zum Beispiel die Zeit, mir zu erklären, wie man Orangen am besten schält und demonstrierte das dann sogleich auf der Theke: Man rollt die Orange auf einer festen Unterlage eine Weile hin und her. Dadurch löst sich die weiße Haut vom Fruchtfleisch. Anschließend lässt sie sich per Hand oder auch mit dem Messer hervorragend schälen. Solche Tipps gab es gratis dazu und obwohl ich sonst eher nicht so der Plausch-Typ bin, hier ließ ich mich darin verwickeln. Jedenfalls kaufte ich unheimlich gern dort ein und auch aus Prinzip: Solche Läden muss man unterstützen. 


In diesem Laden habe ich auch zum ersten Mal in meinem Leben Büffelmozzarella gekauft, nachdem ich so viel davon gehört und auch "Isabella" und ihr Liebster ihn über den grünen Klee gepriesen hatten. Erwartungsvoll trug ich die sündhaft teure Kugel die 100 Meter heim, schnitt von der weißen Masse feierlich ein Stück ab,  probierte  und... war enttäuscht. Das war alles? Jamie Oliver und Lea Linster und Tim Mälzer und Wasweißichwernoch mögen mich einen Banausen schimpfen, aber ich fragte mich: Darum macht man so ein Tamtam? Rechtfertigt der minimale Geschmacksunterschied im ohnehin schon relativ wenig geschmacksintensiven Mozzarella diesen Preisunterschied? Vielleicht war ich zu jung, meine Geschmacksknospen zu unerfahren, mag sein. Ich habe jedenfalls seitdem immer mit Freude handelsüblichen Normal-Mozzarella gekauft, gerne in der Bio-Ausführung, und war bisher immer sehr zufrieden. Aber vielleicht sollte ich es in Kürze einfach noch mal probieren, schließlich ist das Ganze nun doch schon eine Weile her. 


Diese etwas umständliche Einleitung führt mich nun zum angekündigten Pizzaexperiment. Denn Pizza wird ja für gewöhnlich mit Mozzarella zubereitet. Büffel- oder Nichtbüffelmozzarella. Wie ich hier schon einmal erläutert habe, habe ich bereits mit verschiedenen Pizzateigrezepten herumexperimentiert. Auslöser dafür war zunächst, dass Pizza in Schweden einfach ziemlich teuer ist und ich obendrein selten zufrieden bin mit einer fertig gekauften. Das bisher beste Rezept habe ich bei der so genannten Hüttenhilfe gefunden (was auch immer das bedeuten soll), allerdings habe ich es etwas modifiziert.
Ich nehme demnach für vier große Pizzen (ca. 28 - 30 cm Durchmesser) folgende Ingredienzien:


500 g Weizenmehl "Spezial" 
300 ml lauwarmes Wasser (ca. 37° C)
5 g Hefe
15 g Olivenöl (das ist ungefähr ein guter Esslöffel)
15 g jodiertes Speisesalz oder Meersalz (bitte nicht fluoridiert, dazu poste ich ein andermal etwas)
1 Prise Zucker

Erst mal messe und wiege ich alles ab, damit es hinterher schneller geht und man nicht mit teigklebrigen Händen herumwiegen und die halbe Küche versauen muss, wenn man sich erschrocken abstützen muss, weil man über die Katze stolpert, die nach den geheimen Gesetzen des Universums neugierig und leise schnurrend genau dort herumsitzt, wo man sie nicht sieht und dieses "Wo" befindet sich natürlich nicht irgendwo, sondern eben mit größtmöglicher Präzision genau im Weg. Danach siebe ich das Mehl mittels eines z.B. bei Ikea erhältlichen und sehr nützlichen Siebdingens (keine Ahnung wie man das nennt, es ist jedenfalls ein Sieb mit einer Art Mehldurchdrückfunktion) in eine große Schüssel. Dingens heißt übrigens auf Schwedisch tjofräs, ein ganz hervorragender, nützlicher,  erfreulicher und multifunktional einsetzbarer Ausdruck. (Sagte ich, dass ich es so nie schaffe, einen einigermaßen kurzen Eintrag zu schreiben? Es ist ein Wunder,  dass ich überhaupt je zu etwas komme.)
Mir persönlich bekannte
Katze, die für spätere
Observationsarbeit
 Kräfte sammelt

Anschließend brösele ich die Hefe in eine kleine Schüssel und füge einen kleinen Teil des lauwarmen Wassers hinzu, bis sie sich darin gelöst hat. Dann füge ich die Prise Zucker hinzu. Lauwarmes Wasser ist wichtig! Wenn man kein Küchenthermometer sein eigen nennt, im Zweifel lieber etwas zu kühles als zu heißes Wasser benutzen! Über 40 Grad Celsius segnen die Hefepilze nämlich unmittelbar das Zeitliche und damit auch der Teig. Um den Hefe-Lösungsvorgang zu beschleunigen, rühre ich die Mischung mit einem dieser hübschen schwedischen Holzmesser um, die man normalerweise für die Butter verwendet. Holzlöffel geht natürlich auch. Ich bilde mir nämlich ein, einmal gehört oder gelesen zu haben, dass Metall und Hefe miteinander ungünstig reagieren, möglicherweise ist das Quatsch, aber ich will da kein Risiko eingehen. (Vielleicht weiß die werte Biologin mehr zu diesem Thema?).

In einem anderen kleinen Teil des lauwarmen Wassers (sagen wir 50 ml, so Pi mal Daumen,  wenn es etwas mehr oder weniger ist, ist das wurscht, Hauptsache, die Gesamtwassermenge stimmt)  löse ich das Salz, diese Salzlösung kommt so spät wie möglich zur Teigmasse, denn das weiß ich zumindest sicher: Hefe verträgt Salz nur sehr schlecht und da man Salz aber nun mal meistens benötigt, sollte man die Hefe-Salz-Berührungspunkte so kurz und schmerzlos wie möglich halten. Also die beiden so spät und so verdünnt wie möglich zusammenbringen.

Nun kippe ich das verbliebene lauwarme Wasser (das ohne Hefe und ohne Salz) in das Mehl und beginne, mit einer (selbstverständlich sauberen) Hand zu kneten. Dann kommt die Hefe hinzu, dann das Olivenöl, erst ganz zum Schluss das Salzwasser.

Jetzt ist ein Blick auf die Uhr angebracht: Von nun an wird zehn Minuten lang geknetet, was das Zeug hält. Ich mache das mit der Hand, mit der Küchenmaschine braucht man eventuell nicht so lang. Der Teig ist jedenfalls fertig, wenn er nicht mehr an Händen, Schüsseln oder Arbeitsflächen klebt, sondern elastisch und geschmeidig wirkt. Nebenbei ein gutes Training für Unterarme und Hände!

Der Klumpen kommt zurück in die Schüssel, ein sauberes Küchenhandtuch drüber und wird dann 20 Minuten an einen nicht zugigen Ort mit gewöhnlicher Zimmertemperatur gestellt, z.B. in den nicht eingeschalteten Backofen, in dem auch die Lampe nicht eingeschaltet ist.

Nach Ablauf der 20 Minuten teilt man den Teig in vier gleiche Teile, formt die zu Kugeln und verpackt sie in einen Behälter, in dem noch etwa doppelt so viel Platz zum Aufgehen ist. Im Rezept steht, man soll Haushaltsfolie nehmen, aber ich hab langsam die Nase voll von so viel Plastikverschwendung überall, darum habe ich es jetzt mal mit Butterbrotdosen probiert. Die sind zwar auch aus Plastik, aber spül- und wiederverwertbar. Außerdem lassen sie sich prima im Kühlschrank stapeln, wo der Teig nämlich jetzt für die nächsten 48 Stunden hineinkommt. Dort wird er sich dann auf mirakulöse Weise langsam, aber sicher vergrößern. Wenn ich alles richtig verstanden habe, kommt das so: Während des Gärvorgangs verdauen die Hefepilze mittels ihrer Enzyme die Kohlenhydrate und scheiden dabei Kohlendioxid aus (sie pupsen sozusagen), was den Teig aufgehen lässt. Durch die lange Gärzeit werden sehr viele Kohlenhydrate "vorverdaut", der Teig geht stabil auf und schmeckt nicht mehr so intensiv nach Hefe wie Teige mit kürzerer Gärzeit. Übrigens funktioniert es deshalb auch nicht, dass man die Teigkugeln vor dem Eindosen bemehlt, um ihn später besser aus dem Behälter zu bekommen (wie ich es mir hier vermeintlich listig ausgedacht habe, dabei aber leider auf dem Holzweg war: Das Mehl wird nämlich von den verfressenen Hefepilzen einfach aufgefuttert und ist hinterher schlicht und ergreifend weg.)

Teig mit deutlich sichtbarem Hefepups
Jedenfalls wird der Teig sensationell (und vermutlich noch viel sensationeller mit Pizzastein).
Doch der Teig ist bekanntlich nur die eine Seite der Pizzamedaille (Wie praktisch, da haben wir gleich meinen Beitrag zur Olympiade!) Die andere Medaillenseite ist der Belag. Nun ist in diesem Haushalt inzwischen eine Art Grundsatzdiskussion entbrannt, ob man viel oder wenig Belag auf eine Pizza packen sollte. Ich bin der Ansicht: Je besser der Teig, um so weniger sollte darauf gepackt werden, damit der Teig knusprig wird und voll zur Geltung kommen kann. J. ist bzw. war der Ansicht: Viel Belag ist besser.

Wir beide mögen allerdings Bruschetta – die italienische Vorspeise mit geröstetem Brot, Tomaten, Olivenöl, Basilikum und Knoblauch, die man aber auch mit weiteren Zutaten variieren kann. So bin ich auf die Idee gekommen, als Kompromiss eine Kreuzung aus Bruschetta und Pizza Margherita zu machen – eine Bruscherita (oder Margheretta). Selbstverständlich nur ein billiger psychologischer Trick: Es handelt sich natürlich immer noch um eine Pizza, aber durch die Umbenennung fällt der Anspruch weg, dass sie eine Pizza wie sonst gewohnt zu sein hat. So konnte ich die Sache mit der spärlicheren Belegung ohne größere Gegenwehr ausprobieren (nicht, dass J. das nicht durchschauen würde, er ist ja nicht doof, aber es funktioniert trotzdem, weil die Erwartung eine andere ist.)

Bei der Bruscherita beschränkt man sich auf wenige einfache und vorwiegend frische Zutaten, aber statt sie wie bei Bruschetta auf Brot zu servieren, backt man sie eben als Pizza. Das Wesentliche dabei ist, die Ingredienzien locker auf den Teig zu streuen und selbigen auf keinen Fall zu überladen. Wie gesagt. Auch der Käse wird nicht flächendeckend aufgetragen, sondern eher punktuell flockig. Das hat den Vorteil, dass der Pizzabelag ratz-fatz gemacht ist und man nicht Ewigkeiten in der Küche herumschnipselt.  J. hat außerdem ein wunderbares Pizzasaucen-Rezept bei Jamie Oliver gefunden und vor einigen Tagen nachgekocht (plus eine Extra-Knoblauchzehe und mit etwas mehr Salz). Die Sauce hält sich im Glas im Kühlschrank eine Woche, lässt sich aber garantiert auch einfrieren (dann natürlich nicht im Glas) – man braucht nämlich nur einen winzigen Teil davon. 


Hier die Komponenten für zwei sättigende Bruscheritas:

2 Klumpen unseres Luxuspizza-Teiges
Pizzasauce nach Oliverart,
modifiziert nach
Joakimart
1 bis 1,5 Kugeln Mozzarella (wer mag, nimmt meinethalben Büffelmozzarella)
1 Jalapeno-Schote, frisch (= nicht eingelegt)
ca. 15 Kirschtomaten 
2 Stangen Frühlingszwiebeln
2 Knoblauchzehen
ca. 1 Teelöffel italienische Kräutermischung (Ich nehme die von Alnatura. Sagte ich, dass ich Alnatura großartig finde? Und, nein, ich kriege immer noch keine Prozente) oder andere passende Kräuter wie z.B. Oregano
schwarzer Pfeffer aus der Mühle
grobes Salz
etwa drei Esslöffel von Jamie Olivers Pizzasauce
ein halber Bund frisches Basilikum

Ofen auf Maximaltemperatur vorheizen. Wer einen Pizzastein hat, diesen nach Anweisung vorheizen (kann ich leider nix zu sagen).

Die Tomaten waschen und vierteln, die Frühlingszwiebeln abspülen und in feine Ringe schneiden, beides mixen.

Die Jalapenoschote waschen und in feine Ringe schneiden.

Den Käse in Scheiben schneiden.

Den Knoblauch schälen und in feine Scheiben schneiden.

Basilikumblätter von den Stängeln abzupfen und grob hacken.

Statt Basilikum schmeckt auch Rucola.

Nun den unglaublich elastischen Pizzateig ausrollen (dabei gebührend bewundern). Vorher das Nudelholz bemehlen nicht vergessen (extra für Sie habe ich es bereits ohne Mehl ausprobiert und muss sagen: suboptimal).
Die Pizzen mit Hilfe einer Löffelrückseite ganz dezent mit der Pizzasauce bestreichen, der Pizzateig muss durch die Sauce hindurch sichtbar bleiben. Dabei ungefähr einen saucenfreien Zentimeter am Rand aussparen.
Am Rande des Backwahnsinns
Nun einen Pizzarand nach innen einschlagen und festdrücken.
Den Tomaten-Zwiebel-Mix locker auf den Pizzen verteilen.
Die Jalapenokringel in einigermaßen regelmäßigen Abständen auf die Pizzen legen.
Die Mozzarellascheiben auseinander zupfen und in Abständen auf die Pizzen streuseln.

Ab in den Ofen mit der ersten Pizza. Nach zehn Minuten den Knoblauch drauf streuen (Vorsicht, heiß!) Weitere drei bis vier Minuten backen. Pizza rausnehmen. Salzen, pfeffern, Basilikum drauf streuen. Fertig! 


Übrigens: Es ist zwar ökonomischer, beide Pizzen gleichzeitig zu machen, aber auch, wenn man die Pizza mehrfach wechselt, werden sie einfach lange nicht so gut wie einzeln gebacken. Alles bereits ausprobiert. Wer einen normalen Backofen hat, ist am besten damit beraten, immer schön eine Pizza nach der anderen zu machen und einfach jedes Mal unter allen Anwesenden auftzueilen, während die nächste Pizza im Ofen backt. 

Margheretta Bruscherita
Ich bin mir übrigens sicher, dass die Sache in der Vegan-Variante ganz ohne Käse auch hervorragend schmeckt. Das wäre sogar eine Version, die noch viel näher am Bruschetta-Original ist als die mit Käse. In diesem Fall würde ich allerdings nach dem Backen noch etwas Olivenöl über die heiße Pizza sprenkeln (kann man auch in der Käseversion machen, wird dann aber ein bisschen fett.)

Ladies and Gentlemen, das war mein Bruscherita-Rezept, Version 1.0. Während der ganzen Backerei ist mir aber eine Idee gekommen, wie man das Ganze noch weiter optimieren kann.  Das nächste Mal werde ich ausprobieren, erst mal den Pizzateig ganz ohne Belag im Ofen kross zu backen, dann einen "echten" Bruschetta-Belag darauf zu verteilen und nur zwei, drei Minuten zu überbacken. Von mir aus auch mit Büffelmozzarella, denn ich fürchte, nach diesem Eintrag muss ich dem Zeug noch mal eine Chance geben und am liebsten würde ich ihn natürlich in dem kleinen Laden im Kölner Pantaleonviertel kaufen. Ich hoffe, es gibt ihn noch.










Samstag, 21. Juli 2012

EINE ART KETTENBRIEF UND EINE MINI-SNEAK PREVIEW

Da schreibe ich gerade schon am nächsten Blog-Post, auf einmal flattert eine Aufgabe unserer – also J.s und meiner – geschätzten Lektorin Ann-Kathrin ins Haus. Es geht darum, sieben Sätze von Seite sieben des derzeit in Arbeit befindlichen Werkes auf Facebook oder im eigenen Blog zu posten – ich mach dann einfach mal beides.

Bitte nageln Sie mich hinterher nicht drauf fest, dass auf Seite sieben des späteren Buches etwas ganz anderes steht. Buchseiten und Manuskriptseiten – insbesondere eines ersten Manuskripts – sind nicht immer deckungsgleich, weil im Buch noch Einleitungen, Inhaltsverzeichnisse und andere Faktoren die Sache verzerren. Aber ich verbürge mich dafür, dass auf der siebten Seite des derzeitigen Manuskript ich – unter einigen anderen – folgende sieben Sätze finden:



Irgendwo zwischen Rhododendren, im Wind rauschenden alten Rotbuchen und Skulpturen von Miró und Henry Moore. So saßen wir erst mal nur da und ließen die Kunst nach- und das Urlaubspanorama auf uns wirken. Das größte Kunstwerk von allen. Und wie jedes Mal irgendwo am Meer begann ich, mir auszumalen, wie es wohl wäre, hier zu wohnen. Jeden Tag diese Weite sehen, Meerluft schnuppern... „Unglaublich, oder?“ sagte Julia plötzlich in meine Gedanken hinein, „Da drüben ist schon Schweden.“  Sie zeigte in die Ferne, wo weit draußen ein grüner Streifen den wolkenlosen Himmel vom tiefblauen Meer trennte. 


Dies ist nicht haargenau die gemeinte Aussicht. Aber fast.
Das war es dann auch schon. Nicht wirklich repräsentativ, aber irgendwie doch. Wem das jetzt zu rosamundepilcherig ist, der soll sich bei dem Typen beschweren, der das Drehbuch meines Lebens zu verantworten hat.


Wie es sich für einen ordentlichen Kettenbrief gehört, muss ich nun sieben Kollegen nennen, die nun nach Möglichkeit ebenfalls etwas aus dem derzeit entstehenden Opus posten möchten, wenn sie es denn möchten bzw. sofern sie möchten UND es gerade ein neues in der Mache befindliches Werk gibt. Meinethalben tut es auch das letzte veröffentlichte Buch oder eine Geschichte, ein Essay oder sonstiges Geschreibsel, aber das möge jeder selber entscheiden.

Und die Gewinner sind:

Harald Braun
Mascha Vassena
Katja Kullmann
Myk Jung
Claudia Thesenfitz
Monika von Ramin
Nora Hespers

Ich bin gespannt!


DAS SKANDINAVIENHOCH IST DA, HURRA! BITTE NICHT VERKRÜMELN!

Sonne, es ist die Sonne!
Ein Wunder, ein Wunder!
Dieses Blog zu schreiben ist irgendwie zum Luxus geworden in den vergangenen zwei Wochen. Ich möchte so gern, aber ich erlaube es mir nicht, weil noch so viele andere Dinge geschrieben und getan werden müssen. Aber jetzt, an einem Samstag mit wider Erwarten blauem Himmel, Sonne und einer Temperatur, die zumindest keinen Polar-Fleecepulli erfordert, kann man das mal machen (Ist es endlich das berühmte Skandinavienhoch? Oder ein meteorologisches Versehen? Gibt es übrigens Meteorologen unter den Lesern? Wenn ja, dann würde ich mich über eine Erklärung, wie so ein Skandinavien-Hoch zustande kommt, freuen. Wie ein Hoch grundsätzlich entsteht, ist mir einigermaßen klar, aber warum das Skandinavienhoch so äußerst stabil ist, wenn es sich einmal eingenistet hat, das wüsste ich gern.) 

Sauerteigbrot Nummer acht – oder ist es gar bereits neun? – brutzelt im Ofen. Ich habe exorbitant mies geschlafen, aber unsere neue schicke doppelwandige French Press Kaffeebereiter der Firma Bodum – in manchen Dingen bin ich einfach Markenfetischist, ich gebe es zu – hilft mir in Kooperation mit dem leckeren Alnatura 100% Arabica-Fairtrade-Kaffee, die Müdigkeit zu überwinden (nein, ich werde nicht für Werbung bezahlt, aber Top-Produkte kann man schon mal lobend erwähnen). Jemand anders als ich könnte diesen dicken und undurchsichtigen Kaffee wohl kaum trinken, aber für mich ist nichts schlimmer, als wen man die Blümchen in der Kaffeetasse sehen kann.  Also, hätte sie denn Blümchen (vielleicht ist ja dem ein oder anderen der hervorragende Begriff "Blümchenkaffee" bekannt?). Das Blogschreiben ist also Luxus, weil so viel anderes zu tun ist. Ich hatte es ja schon mal angedeutet, J. und ich schreiben derzeit an einem Buch, über das ich bezeiten Näheres verlauten lassen werde. Fakt ist, dass es im kommenden Jahr das Licht der Welt erblicken wird und ich freue mich darauf bereits jetzt. Auch das Schreiben macht enormen Spaß und ich habe ein sehr gutes Gefühl. Es geht um Schweden. Grob gesagt.

Lebenselixier. Faitrade. Bio.
100% Arabica
Doch wo fange ich mit diesem Posting also an? Gut, angefangen habe ich ja schon. Aber wo fange ich, äh, weiter? Die hier angerissenen und angekündigten Schweden-Reportagen habe ich übrigens nicht vergessen, aber ich möchte warten, bis ich einen neuerlichen Ausflug unternehme, was durchaus in Kürze passieren kann, z.B. morgen.  Im Moment bin ich aber erst mal wieder wieder dem Backwahn erlegen (und entspreche mit der Berichterstattung damit dem Wunsch von Frau Fischer, Christiane). Dabei hatte ich einige Probleme zu überwinden. Für unsere Abwesenheit  hatte ich den Sauerteigansatz "gesichert", in dem ich ihn "verkrümelt" habe, eine Aufbewahrung des Ansatzes "so wie er da steht" (um eine Floskel aus der Autoverkäufer-Branche aufzugreifen) im Kühlschrank wird nur über maximal eine Woche empfohlen. Zum "Verkrümeln" fügt man soviel Mehl hinzu, dass der ganze Ansatz quasi trocken gelegt wird und eine Art Streusel entstehen. Angeblich sollte man dann nach der Rückkehr an den heimischen Küchenarbeitsplatz nur lauwarmes Wasser hinzufügen, um die Kühlschrankbrösel wieder zum Leben zu erwecken und mehr oder weniger "sofort" backen zu können.Da kann ich jetzt nur sagen: Haha!  Eine blumige Untertreibung von Superbackmann Pöt. (Wobei das keine Beschwerde sein soll, die Anleitungen sind spitze und ich bin "dem Pöt" da sehr dankbar!)

Von diesem Tatort hatte sich das runde Aroma
zwischenzeitlich klammheimlich
verkrümelt
Irgendwie muss ich übrigens  bei "dem Pöt" die ganze Zeit an "den Köbes" denken, den (ebenfalls immer zwingend in Verbindung mit dem bestimmten Artikel genannten) traditionellen Bierkellner in Brauhäusern. Und zwar in Brauhäusern in – wie ich gerade selber gelernt habe – Köln, Bonn, Düsseldorf und Krefeld. Das ist insofern erstaunlich, als dass es quasi exakt meiner niederrheinische bzw. rheinische Heimatbasis geographisch umreißt. Darauf hätte bereits die in dieser Gegend beliebte Endung -es hätte hindeuten können. Viele Namen dieser Region enden auch auf -es, weil das früher an den Familiennamen angehängt wurde: "Backes", zum Beispiel. Die Scherzkekse Tünnes un Schäl kennen Freunde des Kölner Karnevals und wer in erwähnter Gegend Unsinn quatscht, bekommt schon mal zu hören "Red nicht so'n Kokolores".

Wo war ich? Ach ja, beim Sauerteig. Die ganze Mischung roch jedenfalls nicht mehr so wunderbar obstig aromatisch und blumig dezent wie zuvor, sondern eher säuerlich. Gut, es heißt ja auch Sauerteig, aber die Säure sollte dabei schon von anderen Aromen ergänzt werden – wie bei einem guten Wein. Oder auch einem guten Kaffee. Vermutlich lag das Problem bei mir, dem unerfahrenen Brotback-Greenhorn (meine Familie kennt sich ja traditionell eher nur mit dem Konditorei-Waren aus, wie hier nachzulesen). Vielleicht hatte ich zu wenig Mehl hinzugefügt und der Ansatz hatte, ganz im Geheimen, mit dem bisschen verbliebener Feuchtigkeit weiter vor sich hingewerkelt, gefressen und gepupst und solche Sachen, sozusagen (Manche Dinge sollte man sich vielleicht nicht so im Detail vorstellen oder haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was Sie mit einem kühlen Bier eigentlich trinken oder wie so ein Käse zustande kommt?)

So viel habe ich inzwischen gelernt: Wenig Wasser + geringe Temperatur = Essigsäurenproduktion. HefePILZE und Milchsäureorganismen machen Päuschen, wenn's zu kalt ist. Tja. Um die Sache wieder aromatisch rund zu kriegen, habe ich dann "gefüttert", was das Zeug hielt – also immer wieder eine Handvoll Mehl und ein bisschen lauwarmes Wasser hinzugefügt – und den Ansatz mal hierhin, mal dahin gestellt, bei für Hefe und Milchsäure freundlichen Temperaturen, also zwischen 20 und 30 ° Celsius – selbstverständlich musste ich hier angesichts der Wetterlage zu Tricks greifen. Und es hat geklappt! Das nächste Brot gelang ganz wundersam und ging sensationell auf. Ich spare mir hier ein weiteres Brot-Foto, die sehen ja dann doch eher immer gleich aus. Trotzdem werde ich beim nächsten Mal den Sauerteig lieber trocknen, das erscheint mir aromasicherer als das "Verkrümeln". Im Augenblick bin ich gerade dabei, einen Weizenmehlsauerteig zu züchten und für die nächsten Tage plane ich meine erste Sauerteigpizza! (Das erinnert mich dran, ich brauche dringend einen Pizzastein. Und ein Gärkörbchen. Und einen Brotbackstein. Und eine Küchenmaschine. Und die wunderbaren Stiefeletten von Diane von Fürstenberg )

Das an dieser Stelle geplante köstlichste und ausführliche Bruscerita-Rezept – ein weiteres gelungenes und gar wundervolles Backwahnexperiment – verschiebe ich angesichts des auszunutzenden Wetters nun auf den nächsten Post. Aber ich bin zuversichtlich, dass Sie diesmal nicht so lange warten müssen.



Mittwoch, 11. Juli 2012

VON AUSGESETZTEN LAUGENBREZELN, SCHWEDISCHER POLIZEIARBEIT UND HEIMTÜCKISCHEM VANDALISMUS

(1) Phantombild eines
Attentäters,
mit sehr gut getroffenem
Gesichtsausdruck
Dass mein Baltrum-Blogeintrag nicht mein letzter war, haben Sie meinem unvergleichlichen Reaktionsvermögen zu verdanken. Es war knapp, am vergangenen Montag. Beinahe wäre ich im Schleswig-Holsteinischen plattgewalzt worden, inklusive meines armen Kfz. Sieben Dosen nachhaltig geangelten Thunfischs und zwei Packungen Bio-Laugenbrezel haben es dagegen leider nicht geschafft. Doch der Reihe nach.


(2) Beinahe wären diese
glücklichen Menschen
einem heimtückischen
Walzanschlag zum Opfer
gefallen...
Freunde werden sich erinnern, dass mein wunderbares Energiesparauto bereits im Mai 2011 Opfer eines hinterhältigen Anschlags wurde. Und zwar trotz der Tatsache, dass es sich friedlich und ordnungsgemäß geparkt am Straßenrand befand. Als ich von einem Spaziergang zurückkam, fiel mir bereits von Weitem der im Wind flatternde Zettel an der Windschutzscheibe auf. Für ein Knöllchen zu groß. Beruhigend, dachte ich. Dann las ich den vom Regen durchnässten Zettel. In einer abenteuerlichen Schrift, in der das Geschreibsel jeden durchschnittlichen Erstklässlers wie  fein ziselierte Kalligraphie wirkt, stand dort: "Bitte rufen Sie wegen des Schadens Nummer XY an." Mir wurde leicht blümerant. Bloß sah ich keinen Schaden. Vorsichtig inspizierte ich das Auto. Irgendwie erwartete ich vorn oder hinten eine kleine Delle. Bei größeren Geschichten hätte sich ja wohl die Polizei bei mir gemeldet! Ich vermutete, dass irgendjemand beim Einparken ein  bisschen zu schwungvoll gewesen war. Eine Delle im Nummernschild oder ein abgefallenes solches (das ist nämlich in der Nähe auch schon mal passiert). Aber da war nix.

(3) ...und hätten dann wohl das
berühmte Fenster
 am Ende des Tunnels
erblickt
Als ich ES dann an der der Straße zugewandten Seite entdeckte, musste mich erst mal am Auto festhalten, weil mir kurz schwarz vor Augen wurde: Die komplette Fahrerseite war kaum wiederzuerkennen. Eingedötscht und abgeschrammt. Der Griff lag demoliert auf dem Asphalt, an Türöffnung war nicht zu denken... 
Ich kürze die unglaubliche Geschichte an dieser Stelle etwas ab. Nach einem Telefonmarathon stellte sich raus, dass ein Angestellter der städtischen Müllabfuhr, Tobias N. aus Å., beim Abbiegen in eine Seitenstraße mit einem voluminösen Kfz der städtischen Müllabfuhr blöderweise vergessen hatte, was vermutlich in der ersten Stunde des LKW-Führerscheinkurses gelehrt wird  und was hinten auf fast allen LKW steht: Fahrzeug schwenkt aus. Das ist so lange kein Problem, so lange sich im Ausschwenkbereich nichts befindet. Falls doch, ist es eins. 


In den folgenden Wochen passierten verschiedene Dinge (Reihenfolge beliebig): Ich absolvierte eine Göteborg-Reise mit der Bahn, legte mir ein gebrauchtes Fahrrad mit Korb zu, stellte erstaunt fest, dass die Polizei in Schweden sehr entspannt mit dem Begriff der "Fahrerflucht" umzugehen scheint und Zettel am Auto bei Windstärke 4 und monsunartigen Regenfällen für ausreichende Hinweise nach einem Schadensfall hält und es auch sonst nicht für nötig befindet, sich die Sache mal anzugucken ("Fährt Ihr Auto noch?" "Ich glaube schon, aber ich muss auf der Beifahrerseite einsteigen." "Na bitte! Und Sie haben die Nummer des anderen Beteiligten?" "Ja, schon, aber..." "Na bitte. Für so was kommen wir nicht."), machte "Bekanntschaft" mit dem Phantom der Versicherungsmitarbeiterin Britt-Marie S. in Malmö, die sich bei Versuchen telefonischer Kontaktaufnahme immer entweder in Pause, in Urlaub, noch nicht am Platz, nicht mehr am Platz, im Meeting oder auf Geschäftsreise befand oder krank gemeldet war (zwischendurch schloss ich auch "verstorben" nicht aus). Und nach geschlagenen sechs Wochen, die sich mein Kfz in Rehabilitations-Behandlung befand, bekam ich dann endlich mein Auto wieder zurück. Wie neu, wie mir auch meine deutsche Werkstatt später zum Glück bescheinigte. 




(4) Dieses spektakuläre Dokument eines wunderbaren Tages am Meer
 hätten wiederum  Sie nicht gesehen
Und genau dieses Auto wurde nun auf der Raststätte "Hüttener Berge", Schleswig-Holstein, erneut Opfer eines Anschlages. Der diesmal vereitelt wurde. Knapp, aber immerhin. Wieder stand das Kfz friedlich und ordnungsgemäß auf einem Parkplatz (Anmerkung: Ich stand auf einem PKW-Parkplatz, neben dem alle weiteren Parkplätze frei waren.Wir hatten angehalten, um im Gepäck das Ladekabel für den iPod zu suchen. Im Zuge der Suche hatte J. einen flachen Karton mit eben jenen Dosen Thunfisch und den Bio-Brezeln neben den Wagen gestellt, um an "Knut" (siehe Bild 5) zu kommen,  einen hervorragenden wasserfesten Rucksack der Marke Vaude aus dem Ländle (die man übrigens nicht "Wohd" spricht, auch wenn das französisch schick klingt, sondern ganz simpel "Fau Deh". Das steht nämlich für v. D., die Initialen des Firmengründers Albrecht von Dewitz), der mir bereits auf der hier erwähnten Sauerland-Wanderung hervorragende Dienste geleistet hat. Also Knut, nicht Albrecht.




Plötzlich schickte sich ein gefühlt zehn Meter hoher LKW mit gefühlt mannshohen Rädern an, rückwärts einzuparken. Dummerweise peilte er dafür die Bucht an, in der wir standen. Erst dachte ich, er würde uns schon sehen, doch dann kam er immer näher und ich drückte erschrocken auf die Hupe. Kurz hielt das Fahrzeug inne, dann setzte es seinen Einpark-Vorgang fort, der Mensch am Lenker war sich ganz offensichtlich nicht bewusst darüber, was das Hupen aus fernen Tiefen bedeutet hatte. Nun geschahen diverse Dinge mehr oder weniger gleichzeitig: J. sprang in den Wagen, ich hupte erneut wild und fuhr in letzter Sekunde einige Meter vor, um aus der Gefahrenzone zu gelangen. Vor dem Fahrerhäuschen, in dem ein vermutlich eng mit Tobias N. aus Å. verwandter  LKW-Fahrer mit interessantem Gesichtsausdruck (siehe Bild 1) seinen Kopf reckte ("Hö? Hä? Wo kommt denn das Zwergenauto her?") blieb ich stehen. Dann ließ ich das Fenster herunter und einen erheblichen Anteil meines Schimpfwortschatzes nebst diverser Gesten heraus, von deren Besitz ich bisher gar nichts wusste. Aber es beschleunigte den Adrenalin-Abbau. 


Anschließend setzten wir unseren Weg fort. Leider ohne die Dosen und die Brezel, die allein und ausgesetzt am Parkplatz zurückblieben. Was wir allerdings erst im Laufe des nächsten Tages merkten und noch später rekonstruierten.


Heute schickte ich eine Mail an die Raststätte:


Guten Tag,
ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen: Falls Sie auf dem Parkplatz rechts hinter der Tankstelle einen flachen Karton mit sieben Dosen Thunfisch und zwei Packungen Bio-Brezeln finden oder gefunden haben: Das Zeug ist in Ordnung. (...) Die Sachen können Sie gern behalten, falls Sie sie finden und sie nicht der LKW-Rowdy mitgenommen hat.  Ich würde mich aber über eine Nachricht freuen.
Beste Grüße



Leider zu spät, wie folgende freundliche Antwort beweist:



Hallo Frau Bongertz - vielen Dank für die Info.
Leider kam Ihre Mail aber zu spät - wir haben alles in den Müll geworfen.
Es passiert leider sehr oft, daß Lebensmittel bei uns auf dem Parkplatz vergessen
oder auch entsorgt werden.
Wir werfen immer alles gleich in die Mülltonne, da wir ja eigentlich nie etwas
über die Herkunft wissen.
Trotzdem vielen herzlich Dank für Ihre Mail.
Viele Grüße aus den Hüttener Bergen


Tja. Da kann ich nur sagen: R.I.P., liebe Lebensmittel. Was lernen wir also daraus? Genau: Wenn man fast vom LKW mit einem offenbar von Blindheit geschlagenen Fahrer überrollt worden ist, am besten aussteigen und dem Typen eins auf die Mütze geben oder wahlweise die Leviten lesen und das Nummernschild fotografieren. Denn dabei fallen einem dann vermutlich vergessene Gegenstände auf.  Doch es hätte schlimmer kommen können: "Knut" ist immer noch bei uns. Und damit auch mein Computer. Glück gehabt!




(5) Das ist Knut. Wasserfest und
mit jeder Menge praktischen
Fächern und ausgetüftelten
 Gurtsystemen für bequemes
Tragen. Er hat überlebt   

Nachtrag: Es stellte sich übrigens mittlerweile heraus, dass wohl nicht nur Thunfisch und Laugenbrezel, sondern auch hervorragender Weißwein und Bio-Apfelsaft an der Raststätte "Hüttener Berge" verblieben sind. Ich selbst hätte übrigens unangebrochene, eindeutig unversehrt verpackte und qualitativ hochwertige Lebensmittel sicher nicht in den Müll geworfen. Und ich hoffe weiterhin, dass das auch nicht passiert ist und der "Fresskorb" jemanden erfreut hat. 

Donnerstag, 5. Juli 2012

DIE PHILOSOPHIE DES FERIENMACHENS

Eine Rose ist eine Rose. Und duftet.
Derzeit befinde ich mich nicht in Schweden. Auch nicht im Rheinland, im Ruhrgebiet oder Sauerland. Sondern auf einer meiner Lieblingsinseln, nämlich der kleinsten ostfriesischen Insel Baltrum (wie es zu meiner Liebe zu diesem autofreien Eiland kam, dazu ist Näheres hier nachzulesen.) Aus persönlichen Gründen war ich allerdings längere Zeit nicht hier. Durch meine Schwedenaufenthalte, die sich in erster Linie in pittoresken Szenerien in Meernähe abspiel(t)en, nahm ich außerdem an, dass mir schon nichts fehlen würde. Meer ist Meer, oder etwa nicht? Das dachte ich jedenfalls bis zu einem verlängerten Wochenende im vergangenen Jahr. Meine Mutter hatte sich eine Familienzusammenkunft gewünscht und ein paar Tage kamen wir zusammen, zwei Tage davon hat es geschüttet und gestürmt wie verrückt, nur einen war es einigermaßen okay. Ich habe nicht viel gesehen von der Insel, es ging hier in erster Linie um die Familie und vor die Tür konnte man eben auch kaum. Trotzdem ist in der kurzen Zeit etwas Rätselhaftes mit mir passiert. Und dieses rätselhafte Etwas hat dazu geführt, dass ich jetzt wieder hier bin und zum ersten Mal eine Reportage über diese Insel schreibe (zumindest seit ich elf war und meine eigene Zeitung hatte, wie ebenfalls hier nachzulesen. Außerdem gab es vor langer Zeit mal eine Glosse in der Allegra – aber eine Glosse ist ja nun mal keine Reportage.) Die Reportage ist im nächsten Jahr an einer bestimmten Stelle zu lesen, die ich dann noch nennen werde. Auf diese Andeutungen muss ich mich leider zu diesem Zeitpunkt beschränken.

Der frühe Hund fängt wahlweise die Wurst,
das Stöckchen oder den Blick
Das heißt natürlich nicht, dass ich jetzt nichts schreiben kann, nur eben nicht über ES. Schreiben kann ich zum Beispiel: Heute früh saßen J. und ich mit unseren Kaffeetassen in der Hand am zentralen "Marktplatz" (auf dem allerdings nie ein Markt stattfindet) hier auf Baltrum in der Sonne in einem der dort rundum aufgestellten Strandkörbe. Es war wirklich noch sehr früh, insbesondere für einen Ferienort wie diesen und kaum jemand war unterwegs. Außer uns, ein paar Hundebesitzern mit Hunden und der Sonne, die uns heraus gelockt hatte. Der Wind säuselte leise, das Meer ebenfalls, die wilden Rosen dufteten. Kurz: Eine wunderbare Atmosphäre. Und wie wir dort so saßen, radelte plötzlich ein Mädchen auf einem rosa Fahrrad vorbei, das eine rosa Schultasche auf dem Rücken hatte, so rosa wie die Wildrosen. Die Schule auf Baltrum hat aufgrund der niedrigen Einwohnerzahl nur eine einzige Klasse, in der von Stufe 1 bis 10 alle Kinder zusammengefasst sind. Und dieses Mädchen war ganz klar auf dem Weg dorthin. Darum sagte ich so was wie:


"Ah, auf dem Weg zur Schule." 
J. sagte: "Schule?" 
Ich: "Ja. Schule." 
J.: "Haben deutsche Kinder keine Ferien?" 
Ich: "Naja, nicht alle gleichzeitig. Das ist gestaffelt. Niedersachsens Ferien sind eben noch nicht angebrochen."
Er: "Wie lange sind die Ferien denn so?"
Ich: "Na, sechs Wochen." 
Er: "Sechs Wochen? Nur?" 
Ich: "Wieso nur?"
Er: "In Schweden dauern die Ferien von Mitte Juni bis Mitte September." 
Ich: "Was? Sooooo lange? Bist du sicher?"


Er war sich sicher. Trotzdem hat er der zusätzlichen Sicherheit halber noch mal geprüft, ob das heute auch noch so ist. Es ist. Und ich konnte mich nicht dagegen wehren, noch im Nachhinein neidisch zu werden. Zwölf Wochen Sommerferien! Ein Traum! Zumindest für Kinder und Jugendliche. Aber natürlich muss man gerade im Norden des riesigen Landes die wenigen Wochen Sonne richtig ausnutzen. Dunkel ist es dann noch lange genug. Und in Schweden geht man traditionell in Ganztagsschulen, bei uns ist ja täglich um eins schon Schluss. J. vermutete, dass deutsche Kinder so "wenig" Ferien haben, um bereits aufs Arbeitsleben vorbereitet zu werden. Auf Steigerung von Bruttosozialprodukten und die Sicherstellung allgemeinen Wohlstands. Meine Theorie ist, dass in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern zu viel Ferien einfach Chaos bedeuten. Insbesondere in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern UND dabei fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Wenn Millionen ehegattengesplittete Mütter deswegen nur halbtags arbeiten können, wenn überhaupt – wie sollen dann erst zwölf Wochen Ferien überbrückt werden, in denen der Nachwuchs freigesetzt ist? Man könnte in Deutschland ruhig mal ein bisschen intensiver drüber nachdenken, warum man in Schweden insgesamt die Familienpolitik so viel besser im Griff hat, generell entspannter ist und auch noch mehr Kinder bekommt UND es sich leisten kann, zwölf Wochen Urlaub zu machen. Mein Tipp: Seltsame Prämien für Heim und Herd sind nicht die Ursache. 


Und jetzt muss ich raus. Die Sonne genießen. Von zwölf Wochen Ferien kann ich nämlich nur träumen. Aber eine Woche ist auch schon mal gut.


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Nachtrag, extra für Katja K. (weil in den Kommentaren keine Links möglich sind):