Sonntag, 9. Dezember 2012

MATGLÄDJE* BEI MIKI IN BILLEBERGA – UND WAS DIE VORRATSKAMMER VON ONKEL ELOF DAMIT ZU TUN HAT

Klettersanta 
Billeberga. Das klingt wie Lönneberga, der Ort, in dem Astrid Lindgrens Michel lebt (der in der schwedischen Originalversion übrigens Emil heißt). Und Billeberga erinnert wirklich an das Lindgren-Lönneberga, wenn man mal davon absieht, dass die Häuser, wie oft hier in Skåne, nicht aus ochsenblutrot gestrichenem Holz bestehen, sondern aus Stein (die roten Holzhäuser gibt es in Skåne auch, aber lang nicht so viele wie weiter nördlich). Ein winzig kleines Örtchen, das so idyllisch ist, dass es schon fast weh tut. Ganz besonders, wenn es geschneit hat. Und es hatte geschneit am Donnerstag. Auf allen Häuschen und der Kirche lag eine dekorative Puderzuckerschicht Schnee, in den Fenstern sah man Kerzen und Lichter und Weihnachtssterne und als wir die paar Hundert Meter von der winzigen Eisenbahnstation zu Farbror Elofs Skafferi (Skafferi = Vorratskammer) spazierten, einem Restaurant, das sogar im berühmten Restaurantführer White Guide aufgeführt ist, kam ich mir vor wie in einem dieser Dörfer aus den Weihnachtsmärchen, die ich als Kind gelesen habe und von denen ich immer dachte, dass es sie gar nicht gibt.

Flohmarktsachen auf unserem Tisch
Doch als wir dann das Tor zum Gutshof bei Farbror Elof – Onkel Elof** – durchschritten, ging das Märchen gleich weiter. Ein zauberhafter Innenhof, kopfsteingepflastert, bäumchenbewachsen und schneebepudert lag geradeaus, gerade so, als würde gleich Aschenputtel oder Tinkerbell (oder von mir aus auch der Shrek) aus einer der Türen im Fachwerk ringsum treten. Doch nur durch die mintgrün gestrichene Tür vorn rechts ging es geradewegs ins Paradies. Ins Gaumenparadies.


Gemütlichkeit!
Vor einigen Jahren war ich schon mal hier, das war allerdings in einem Juni, einem schicksalhaften solchen (warum der so schicksalhaft war, werden Leser dieses Buches im nächsten Jahr erfahren). Schon damals war ich schwer beeindruckt. Jetzt war (ist!) es also statt kurz vor Mittsommer kurz vor Mittwinter, naja, fast, und wir hatten einen Tisch fürs Julbord gebucht, das klassische schwedische Weihnachtsbuffet. Für ein richtiges Julbord fährt man aufs Land, hatte J. gesagt und J. weiß Bescheid, er kommt schließlich aus Schweden, unter anderem darum war unsere Wahl auf den Onkel gefallen. Und natürlich, weil das Julbord hier als eins der besten in Skåne gilt. Wir bekamen einen Tisch direkt hinter dem Eingangstresen zugeteilt, mit Blick über das ganze entzückende Lokal, mit seinen alten Balken und den Flohmarktsachen auf allen Tischen und Theken und Regalen und an den Wänden. All das versprühte einen Charme, wie es kein Design je vermögen würde. Nippes, wie der Kölner sagt. Aber was für einer.

Die Inuit haben tausend Sorten Schnee,
die Schweden tausend Sorten Sill.
Also ungefähr.
Zur Begrüßung wurde uns ein Glögg in die Hand gedrückt, der schwedische Glühwein mit Rosinen und Mandeln. Und dann ginges auch schon los. Traditionell, sagt J., beginnt man das Julbord mit Sill, eingelegtem Hering. Wenn es sonst, sagen wir, fünf Sorten gibt, so gab bei Onkel Elof mindestens zwanzig. Branteviksill mit Pfeffer, Dill und Zwiebeln. Havtornsill mit Sanddorn. Nyponsill mit Hagebutten. Senapssill mit Senf. Vodkasill. Skärgårdssill (skärgård = Schären). Kräftsill mit Krebsen. Und so weiter. Ich habe nicht alle probieren können, aber alles, was ich probiert habe, schmolz auf der Zunge. Ich habe ja inzwischen schon viel Sill gegessen, in Schweden kommt man nicht drum herum, aber der  Sill hier bei Farbror Elof, das war echter Sterne-Sill. Zum Sill trinkt man einen Schnaps. Hallands Fläder mit Holunder- und Zimtgeschmack war es in diesem meinem Fall, ein klassischer schwedischer Festtagsschnaps. Der war nicht nur sehr lecker, sondern ich bekam – wen wundert's – direkt noch bessere Laune. Schnaps ist in Schweden übrigens kein Säufergetränk, sondern ein wichtiger kulinarischer Bestandteil jedes Festtagsessens.
Knifflig!

Weiter ging es mit mehr Fisch und Meeresfrüchten. Muscheln zum Beispiel und Bücklingpastete, Makrele und Lachs in verschiedenen Ausführungen. Alles serviert mit unterschiedlichen Soßen und Dipps. Eine Besonderheit an diesem Buffet war der Grövad Lax. Das ist, so erklärte uns die nette Dame vom Service, normaler Gravad/Graved Lachs (früher wurde der Lachs zur Fermentierung tatsächlich vergraben, heute gibt es andere Verfahren), der anschließend noch geräuchert wurde.
   Nach der ganzen Fischigkeit mussten wir dann erst mal eine Pause einlegen und vertrieben uns die Zeit mit Yatzy (Kniffel), das neben anderem Flohmarktkram (wie einer Siebziger-Sonnenbrille, einer Schneekugel aus Malta und aus rätselhaften Gründen auch einem Döschen Mundwassergel...) auf unserem Tisch herumlag. Und während wir so spielten, wurden wir zu unserer Überraschung plötzlich freudig vom Koch begrüßt: Miki stellte sich als Nachbar aus unserer (nicht unbedingt langen) Straße heraus – und er hatte uns sofort erkannt! Kleine Welt! Da wohnt ein paar Häuser weiter so ein Küchengenie und wir wissen von nichts!

Das ist nur eine Seite des im wahrsten Sinne
vielseitigen Buffets
Der nächste Gang eines Julbords ist gewissermaßen der Hauptgang und da sind fleischige Gerichte wie Schweinebauch, Würstchen und Köttbullar (die bekannten Fleischklößchen) die vorwiegenden Bestandteile. Da ich es in den meisten Fällen vermeide, Fleisch zu essen, sofern es sich nicht um Wild – da 100% Öko und artgerecht aufgewachsen – oder nachhaltig gefangenen Fisch handelt oder ab und zu mal um ein Bjäre-Huhn (Veggies mögen mich für inkonsequent halten, aber ich mache mir schon eine Menge Gedanken und esse insgesamt nicht besonders viel Fleisch), habe ich mich an Janssons Frestelse gehalten, was übersetzt "Janssons Versuchung" bedeutet, ein Kartoffelgratin mit Anchovis und einer Million Kalorien. Dazu gab es Brunkål, Grönkål und Rödkål (Braun-, Grün- und Rotkohl) und damit war ich dank unglaublicher weihnachtlicher Gewürzexplosionen auf den Geschmacksknospen schon sehr glücklich...

Zeitmaschine aus den Siebzigern
die Zaubersonnenbrille macht's möglich!
Ich kürze das hier jetzt etwas ab, sonst komme ich nie zum Schluss: Im nächsten Gang gab es weitere Pasteten (auch Wild!), diverse Schinken, unter anderem den traditionellen Julskinka (Weihnachtsschinken) und ich habe hier und da ein winziges Stückchen probiert – die Neugier! –  und auch in diesen Fällen war der Geschmack überragend. Anschließend konnte man sich, wenn man wollte, an mediterranen Köstlichkeiten erfreuen (Oliven, Auberginenpaste, Chorizo, Salami, etc.), was ich allerdings übersprungen habe, weil ich unbedingt den Süßkram probieren wollte.

Frau B., im matgladen Zustand
Das war zum Beispiel traditioneller Ostkaka – Käsekuchen – mit Sanddorn. Oder Crema Catalana (okay, nicht direkt schwedisch). Schokolierte Nüsse und Früchte. Milchreis mit Sylt (Marmelade). Ich schreibe "oder", abe eigentlich müsste es "und" heißen, denn ich habe tatsächlich von allem probiert. Beim Käse musste ich dann leider passen, denn der passte definitiv nicht mehr rein.... Nächstes Jahr!
   Als wir schließlich den Zehn-Uhr-Zug von Billeberga zurück nach Helsingborg nahmen, waren J. und ich jedenfalls beide gewaltig matglad, so lautet ein wunderschönes schwedisches Wort, das so viel bedeutet wie essensglücklich. Und so fuhren wir nach einem gelungenen Abend durch die verschneite Nacht gen Norden... (Hätten wir allerdings nicht gemusst, denn bei Farbror Elof kann man auch übernachten!)


Hier noch ein paar Eindrücke (wie immer gibt es die Bilder auch in groß, wenn man drauf klickt):
Kronleuchter im Buffetsaal


Stil(l)leben über unserem Tisch

Sup-Experimente (sup = Schnaps)  der Küche,
noch nicht zum
Trinken zugelassen
Flohmarkt – auch an der Wand
Liebe (kärlek) geht durch den Magen!

Leider war die Batterie der "guten" Kamera
am Ende, als wir ein Außenfoto machen wollten,
also musste J.s Xperia ran.




Adresse und Infos
 Ein Extradank geht an Monica vom Helsingborgs Turistbyrå, Sara von Visit Skåne und Sabine von Visit Sweden

* Matglädje ist ein besonderes schwedisches Wort und bedeutet so viel wie "Essensglück" oder "Glück durch Essen"
** Farbror ist der Onkel väterlicherseits, mütterlicherseits hieße der Onkel morbror, also Mutterbruder, farbror heißt – der detektivisch begabte Leser hat es sich bereits gedacht –  wörtlich übersetzt Vaterbruder

Kommentare :

  1. wow, weihnachten in schweden muss der hammer sein. oder eben genauso wie in weihnachtsfilmen. mir wird bei den bildern ganz warm um's herz.
    was das fleischessen angeht: ich esse in gewissen fällen auch fleisch (wenn's omas hühner sind oder ich zu gast bin z.b.). ich hab manchmal das gefühl, dass man sich vor vegetarieren für seinen halb-vegetarismus mehr rechtfertigen muss (müsste), als überzeugte fleischesser. sinnlos.

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    1. Ja, Du hast Recht. Aber wenn man erklärt, warum man so isst, wie man isst, gibt das ja vielleicht auch Denkanstöße. Wildschweine und Elche müssen z.B. hier geschossen werden, weil sie keine natürlichen Feinde (mehr) haben und dann kann man die auch essen, finde ich. Jagen und gejagt zu werden ist ja auch Natur, von wem auch immer. Was das schwdische Weihnachten betrifft: Ich habe einen Auftrag für ein Magazin, über Weihnachten hier in der Gegend zu schreiben, aber eher zusammenfassend und das erscheint auch erst im nächsten Jahr. Aber darum muss ich mich dieses Jahr richtig drauf einlassen und die Langberichte gibt's dann eben hier. Tut mir mal ganz gut, so bewusst Ausflüge zu machen, das gönn ich mir viel zu selten. In Deutschland könnte man das sicher auch, es gibt so viele tolle Weihnachtsmärkte.

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  2. Christiane Fischer10. Dezember 2012 12:57

    Wieder ein wunderschön geschriebener Artikel. Der mir Hunger macht und gleichzeitig die Aussicht auf olles Käsebrot vermiest ;-)

    Eine Vokabelfrage stellt sich mir jetzt allerdings:
    Farbror und Morbror, alles klar. Aber was ist mit meinem Onkel, der der Mann von Mamas Schwester ist? Auf deutsch sind ja auch angeheiratete "Geschwister" einfach Onkel und Tante. Aber der Mann von Mamas Schwester, kann er Mutterbruder sein oder gibt es da NOCH weitere Wortschöpfungen?

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    1. Ach, komm, ein Käsebrot ist doch immer gut! Was die Verwandtschaftswörter betrifft, muss ich nachher mal fragen (Mann gerade zur Tür raus). Ich glaube, das ist dann nur die Frau des Onkels oder so, aber ich bin mir nicht sicher.

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    2. Christiane Fischer12. Dezember 2012 11:56

      Und, gibt es schon Neuigkeiten an der Verwandtschaftsfront?

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    3. Gut, dass Du mich erinnerst. Ich hab gestern gefragt und der angeheiratete Onkel/die angeheiratete Tante wird dann sprachlich dem Elternteil zugeschlagen, dessen Geschwist (?) den Familienneuzugang an Land gezogen hart. Also:

      angeheirateter Onkel der Schwester des Vaters: farbror (eigentlich svärfarbror, das sagt aber wohl niemand)
      angeheiratete Tante des Bruders des Vaters: faster (von "far" und "syster")
      angeheirateter Onkel der Schwester der Mutter: morbror
      angeheiratete Tante des Bruders der Mutter: moster (von "mor" und "syster")

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  3. Hi Stella,
    also wir könnten schon ein paar Tage dranhängen, allerdings müssten wir dann die Rückfahrt selbst bezahlen. Danke auf jeden Fall für die Tipps :)

    LG
    Anett

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    1. Nicht unbedingt, die buchen das doch auch und denen wird es ja egal sein, an welchem Tag Ihr zurückfahrt, wenn sie dadurch keine Mehrkosten haben. Ich würd versuchen, das mit denen abzustimmen. Die zusätzlichen Übernachtungen müsstest Ihr natürlich logischerweise selbst bezahlen.

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    2. Mal sehen ob es klappt. Müssen auch schauen wie mein Freund frei bekommt und an welchen Tagen die es überhaupt anbieten (wir müssen uns ein Datum aussuchen, die die vorgeben). Am Ende kommt es wohl auch darauf an, was auf dem Zugticket steht (also ob mit Datum oder nicht).

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  4. Erstaunlich, was überhaupt alles hineingepasst hat...
    Eine Million Kalorien...haha...
    Je mehr ich Ihre Geschichtchen lese, um so mehr verstehe ich meinen Bruder, der immer in Schweden leben wollte.
    Ich hätte wahrscheinlich alle Sorten Sill probiert...
    Wieder ein schönes Stück Schweden gelesen.

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  5. Der Bruder lebt immer noch in Hamburg... Sein Sohn war schon 2 Jahre in Schweden auf der Schule... der ist ein guter Handballer.

    (Sorry für die späte Meldung...bin auf Geschäftreise ...und außerdem lese ich gerade ein interessantes e-Book ;-)

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