Mittwoch, 3. Oktober 2012

WILDER WESTEN AUF SCHWEDISCH: INSIDER-TIPPS VON CARIN HJULSTRÖM (GÖTEBORG, TEIL II)

Also, wo war ich? Genau: Das Hotel Avalon in Göteborg ist ein Designhotel der gelungenen Sorte, eins von diesen Hotels, wo Popstars untergebracht werden, wenn sie in der Stadt sind, um Interviews zu geben. Zum Beispiel in der Swimmingpool-Suite auf dem Dach, wobei der Pool bis nachmittags allen Hotelgästen zur Verfügung steht. Wir haben uns das Schmuckstück auch einmal kurz angeschaut, allerdings handelt es sich dabei weniger um ein unter sportlichen Aspekten interessantes Objekt, als um eine etwas größere Badewanne mit Top-Aussicht. Schön in jedem Fall! (Den besten Dach-Swimmingpool, den ich bisher erleben durfte – es waren bislang allerdings nur zwei – gibt es übrigens im Adelphi Hotel in Melbourne, einen Pool den ich morgens um fünf unter dem unfassbaren australischen Sternenhimmel beschwamm, weil ich um sieben zum Flughafen musste, aber mir den Pool auf keinen Fall entgehen lassen wollte.)

Wilder Westen auf Schwedisch:
Göteborg gilt als der ungeschliffene
Gegenpol zu Stockholm
Aber wir waren ja nicht zum Schwimmen da! Als erstes stand ein Treffen mit dem Journalisten Sebastian auf dem Programm, der kurz vor seinem Umzug nach Stockholm stand, weil er in der Hauptstadt einen Job bei der Tageszeitung Aftonbladet bekommen hatte. Zum Zeitpunkt unserer Reise befand er sich aber noch in Göteborg und war als Autor für das kostenlose und in den Städten Göteborg, Stockholm und Malmö erhältliche Veranstaltungsmagazin Nöjesguiden – dem "Vergnügungsführer“ – ein erklärter Experte der Sze...

HALT! STOPP! SO GEHT DAS NICHT!

Ich bin schon wieder zu schnell! Denn noch bevor wir uns aufmachten, um Sebastian am Platz Järntorget zu treffen – wo übrigens J.s Großvater früher mal gewohnt hat (Hej Olle, jag vet att du läser detta och det gör mig jätteglad!), überflog ich erst noch mal das Interview, das ich zu Recherche-Zwecken  im Vorfeld mit einer anderen Journalistin geführt hatte, der in Schweden vor allem aus dem Fernsehen sehr bekannten Carin Hjulström. Carin ist übrigens die Autorin des auch auf Deutsch erschienen Romans
Wo der Elch begraben liegt. Der Originaltitel lautet Finns inte på kartan!, was so viel heißt wie "Nicht auf der Karte verzeichnet!" Gemeint ist der Ort Bryseryd in Småland, in dem die Protagonistin des Romans, die Publizistikstudentin Frida, während eines Praktikums landet. Hier ist es – also das Interview, nicht das Buch – und zwar in der deutschen Übersetzung und zur Erleichterung für die schwedischen Mitleser auch auf Schwedisch:


1.) Stella: Carin, Du bist in Göteborg aufgewachsen und wohnst auch weiterhin im Vorort Mölndal. Aber als Journalistin bist du vermutlich oft in Stockholm gewesen. Was ist der größte Unterschied zwischen Göteborg und Stockholm?

Carin: Ich bin in Göteborg geboren und aufgewachsen und habe hier mein ganzes Leben verbracht, genau genommen wohne ich in der Nachbargemeinde Mölndal in einem alten Laden an einem See. Aber ich bin lange Zeit nach Stockholm gependelt. Manchmal habe ich dort auch monatsweise gewohnt. Der allergrößte Unterschied ist, dass die Göteborger mehr miteinander reden, sogar mit fremden Leuten! Man ergreift die Chance, etwas zu demjenigen zu sagen, der mit einem im Aufzug steht oder am Parkautomaten, man reißt einen Witz in der Warteschlange am Ticketschalter oder wenn man dicht gedrängt in der Straßenbahn steht. Ein Göteborger versucht immer, etwas zu finden, worüber er oder sie einen Witz machen kann. Man wechselt ein paar Worte, gibt eine schlagfertige Erwiderung, die zu einem erlösenden gemeinsamen Lachen führt. Die Bewohner Stockholms sind ernster und schweigsamer, man spricht nur mit Leuten, die man kennt und ist mehr auf Prestige bedacht. Man scherzt und ulkt nicht auf die gleiche Weise wie in Göteborg und auch nicht so oft.


Stella: Carin, du är uppväxt i Göteborg och du bor fortfarande där, men som journalist har du säkerligen varit många gånger i huvudstaden. Vad tycker du är den största skillnaden mellan Göteborg och Stockholm? Och varför?
 
Carin: Jag är född och uppvuxen i Göteborg och har bott här i hela mitt liv (eller egentligen bor jag i grannkommunen Mölndal, i en gammal affär vid en sjö) men under långa perioder pendlat till Stockholm. Ibland har jag bott där månadsvis. 
Den i särklass största skillnaden är att göteborgare pratar mycket mer med varandra, även med främmande människor! Man tar chansen att säga något till den som står intill i hissen, eller vid parkeringsautomaten, man drar gärna ett skämt i kön vid biljettkassan eller om det är trångt på spårvagnen. En göteborgare försöker alltid hitta något att skoja om. Man byter några ord, en rapp replik som leder till ett förlösande gemensamt skratt. I Stockholm är invånarna allvarligare och tystare, man pratar bara med folk man känner. Allt är mer prestigefyllt. Man skämtar och skojar inte alls på samma sätt och lika ofta. 

2.) Stella: Stimmt es, was man sagt? Dass Göteborg ein bisschen wilder ist und dass die Göteborger mehr offen sind für alles, was anders ist? Und wenn das so ist, was glaubst du, woran das liegt?

Carin: Ich denke, das stimmt. Göteborg war immer die zweite Stadt Schwedens. Die Macht – die Könige, der Reichstag und die Regierung – befand sich immer in Stockholm. Das hat in Göteborg eine Underdog-Perspektive erzeugt und ein Gefühl, eine eigene, alternative Kultur schaffen zu wollen, die sich nicht an dem Feinen, Versnobbten und der Prestigeeinstellung Stockholms misst.  Weil wir uns nicht um die höchsten Ämter schlagen können  – sofern wir nicht umziehen oder pendeln wollen – haben wir stattdessen einen Sinn dafür entwickelt, zusammenzuarbeiten und zusammenzuhalten. Dass Göteborg die größte Hafenstadt Skandinaviens ist, spielt natürlich auch eine Rolle. Wir sind es gewohnt, dass sowohl Güter als auch Menschen anderer Kulturen herkommen. Es war lebensnotwendig für uns, offen zu sein. Dass wir in den vergangenen hundert Jahren eine ausgeprägte Industriestadt geworden sind, allem voran mit einer starken Autoindustrie, das hat sicher das starke Wir-Gefühl noch verstärkt. Ich kann jedenfalls nur beipflichten, dass Göteborg ein bisschen wärmer, ein bisschen dreckiger und viel glücklicher ist als Stockholm.


Stella: Är det rätt som man säger, att Göteborg är lite vildare och att invånarna är lite mer öppna för allt som är annorlunda? Och i så fall, varför är det så tror du?
 
Die Älvsborgsbrücke über den Älv,
so eine Art Golden Gate
Göteborgs
Carin: Jag tycker det. Göteborg har alltid varit en andrastad. Makten - kungar, riksdag och regering - har alltid funnits i Stockholm vilket har skapat ett underifrånperspektiv och en känsla av att vilja odla en egen, alternativ kultur som inte tävlar med det fina, snobbiga och prestigeinriktade. Eftersom vi inte kan slåss om de högsta ämbetena (såvida vi inte flyttar eller pendlar) har vi utvecklat en anda där vi istället jobbar tillsammans och håller ihop. Att Göteborg är Skandinaviens största hamnstad har förstås också spelat in. Vi är vana vid att både gods och människor från andra kulturer kommer hit, och det har varit livsnödvändigt för oss att vara öppna. Att vi de senaste hundra åren blivit en utpräglad industristad, framför allt med en stark bilindustri, har säkret spätt på den starka vi-känslan. Så visst kan jag hålla med om att Göteborg är lite varmare, lite skitigare och mycket gladare än Stockholm.

3.) Stella: Welchen Ort in Göteborg magst du am liebsten und warum?

Carin: Ich fühle mich am allerwohlsten im Viertel um Lorensberg, in der Nähe des Södra Vägen und des Götaplatsen. Ganz oben auf der Kungsportsavenyen mit der Stadtbibliothek, dem Kunstmuseum und dem Konzerthaus, da liegt immer eine besondere Stimmung in der Luft, die bewirkt, dass ich mich zuhause fühle. Ich mag es, in Parks Veranda oder auf der Außenterrasse von Evas Paleys zu sitzen und einfach die Leute anzuschauen. Das Viertel an der Markthalle rund um den Platz Kungstorget oder die Kungspassage sind auch wunderbar. Und der Stadtteil Haga, der Platz Järntorget und die Straße Linnégatan. Die ganze Stadt ist heimelig!

Stella: Vilket ställe tycker du om bäst i Göteborg och varför?
 
Carin: Jag trivs allra bäst i kvarteren runt Lorensberg, nära Södra vägen och Götaplatsen. Högt upp på Kungsportsavenyen, med Stadsbiblioteket, Stadsteatern, Konstmuseet och Konserthuset, finns en särskild stämning som får mig att känna mig hemma. Jag tycker om att sitta på Parks veranda eller på uteserveringen på Evas Paleys och bara titta på folk. Kvarteren vid Saluhallen, runt Kungstorget och Kungspassagen är också härliga. Och Haga, Järntorget och Linnégatan. Hela stan är mysig! 


4.) Stella: Welcher Ort repräsentiert für dich das „echteste“ Göteborg?

Carin: Das ist ohne Zweifel die Feskekyrka, die große schöne Fischverkaufshalle in der Nähe des Hafens. Bald wird das ganze nördliche Älvufer (Anm. Älv ist der Fluss, an dem Göteborg liegt) ein neues Profil bekommen. Man hat einen Autotunnel entlang des Hafens gebaut, um den Autoverkehr zu verlagern. Nun ist der Weg frei für einen neuen attraktiven Stadtteil obendrauf! Die ganze Stadt wartet!

Stella: Vilket ställe representerar det mest äkta Göteborg?
 
Carin: Det måste vara Feskekyrka, den stora vackra fiskhallen nära hamnen. Snart kommer hela Norra Älvstranden att få en ny profil. Man har ju byggt en biltunnel längs med hamnen för att få bort biltrafiken. Nu ska man skapa en ny attraktiv stadsdel ovanpå. Hela stan väntar!

5.) Stella: Was zeigst du deinen Gästen, die noch nie in Göteborg gewesen sind? Was sollte man unbedingt machen?

Carin: Natürlich den Freizeitpark Liseberg. Ein Besuch dort macht Spaß, es ist wunderschön und es herrscht eine tolle Stimmung. Ich empfehle, tagsüber hinzugehen, bevor die Jugendlichen den Park  für sich erobern. Wenn es regnet, machen wir einen Schlenker ins Wissenschaftsmuseum Universeum direkt daneben und werfen einen Blick auf den Regenwald. Bei schönem Wetter drehen wir eine Runde im Botanischen Garten. Dort kann man stundenlang zwischen fantastischen Blumen herumwandern. Ein persönlicher Favorit liegt in Göteborgs Nachbarkommune Mölndal, wo ich wohne. Dort hat man das alte Schloss (Anm. Das „Schloss“ Gunnebo ist eigentlich kein richtiges Schloss im königlichen Sinne, denn im schwedischen Sprachgebrauch bezeichnet man auch gern alte prächtige Herrenhäuser als „Schloss“) aus dem 18. Jahrhundert, hat die Parks instand gesetzt, man zieht eigenes Gemüse und serviert Essen in Bioqualität in einer wunderbaren Umgebung. Wenn die Sonne richtig scheint und es warm ist,  kann man auch einen Trip zum Yachthafen in Yachthafen in Långedrag machen, das Restaurant Långedrags Värdshus ist einfach wunderbar. Wenn man einen ganzen Tag Zeit hat und sich danach sehnt, ein bisschen mehr vom Meer zu haben, dann ist ein  Nachmittag auf der kleinen Insel Marstrand ein paar Dutzend (Anm. eine schwedische Meile – en mil – sind zehn Kilometer) Kilometer nördlich der Stadt ein charmantes und pittoreskes Erlebnis. Mit Bus und Fähre dauert die Anreise gerade mal eine Stunde. 

Stella: Vad visar du för gäster som har aldrig varit i staden? Vad är bäst att göra?
 
Carin: Liseberg förstås! Roligt, fantastiskt vackert och en underbar stämning. Gå på dagtid, innan ungdomarna tar över parken. Om det regnar tar vi kanske också en sväng in på Universeum som ligger intill och tar en titt på regnskogen. Är det fint väder går vi nog och fikar på Trädgårdföreningens vackra Rosencafé, eller tar en tur bort till Botaniska trädgården. Där kan man vandra i timmar bland fantastiska blommor. En personlig favorit ligger i Göteborgs grannkommun, Mölndal, där jag bor. Där har man restaurerat det gamla 1700-talsslottet(Anm. In Schweden bedeutet „1700-tal“ das, was wir in Deutschland als 18. Jahrhundert bezeichnen, also alle Jahre, die mit 17... anfangen), satt parkerna i skick, odlar lokalt och serverar ekologisk mat i underbar miljö. Skiner solen riktigt varm kan en tripp till småbåtshamnarna i Långedrag och värdshuset där vara alldeles underbart. Har man en hel dag att spendera och vill komma ut till havet mer ordentligt är en eftermiddag på lilla ön Marstrand ett par mil norr om stan en charmig och pittoresk upplevelse. Tar bara en timme med buss och några minuter med färja. 

Auf das Treffen mit Sebastian müsst Ihr jetzt noch ein bisschen warten. Sieht aus, als werde das hier eine längere Serie...

(Fortsetzung hier)







Kommentare :

  1. Mycket intressant!Det är som att läsa en härlig tidning. Göteborg är en ljuvlig stad. Du ska ha ett fint veckoslut Stella stjärnan!

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  2. wow, du liegst FAST richtig! das foto hab ich auf langeoog gemacht :-)
    nach schweden möchte ich auch noch unbedingt!
    lieben gruß

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    1. Auf Langeoog war ich nur mal für einen Tagesausflug vor ca. 100 Jahren. Reizt mich auch, allerdings sähe ich dann immer Baltrum gegenüber und ich weiß nicht, ob ich das könnte (albern eigentlich, aber is so).

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  3. Das ist sehr interessant! Wir waren dieses Jahr einen Tag in Malmö. Um ein Haar wären wir weiter nach Göteborg gefahren. Hätte mich auch sehr interessiert!
    Alles liebe
    Yvonne

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    1. Über Malmö schreib ich sicher auch noch mal was. Das ist von hier aus sogar noch viel näher. Hab auch gleich mal Dein Blog abonniert, da finde ich sicher die ein oder andere Anregung – und Du hast ja so schöne Bilder!

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  4. aww, ich bin auch verliebt in Schweden. Obwohl ich noch nie dort war, verrückt, nicht wahr? :)
    Nächstes Jahr wird sich mein Traum aber endlich erfüllen und ich werde im Sommer mit meiner Familie nach Schweden reisen! :))))

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    1. Na, dann wünsche ich Euch jetzt schon mal tolle Wetter, daran haperte es leider dieses Jahr, zumindest bis Mitte Juli.

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  5. Die Aussage von Carin, daß in Göteborg "normaler" Umgang mit Fremden möglich ist, überrascht mich positiv!!
    Das klingt ja fast wie im Rheinland!

    Detailliert kenne ich nur das Leben in Stockholm, wo in der Tat jeder Kontakt vermieden wird.

    Was ich auch 2011 ausgiebig bequengelte... ;-)

    Ich nahm an, dieses Verhalten zöge sich durch alle größere Städte Schwedens. Schön, daß dies offenbar nicht so ist!

    Sollte ich vielleicht doch nochmal ein Auge auf Göteborg werfen? ;-)

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    1. Ein Auge auf Göteborg zu werfen, lohnt sich in jedem Fall, finde ich. Oder, noch viiiiiieeeeeel besser, auf Helsingborg. ;o) Oder Malmö.

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