Montag, 8. Oktober 2012

DIE LINNÉSTAD, DAS ST.PAULI SCHWEDENS – GÖTEBORG, TEIL III

Die Butik Kubik in der Linnéstad
unter dem Restaurant Stearin
 hat ausgefallenste Mode-Unikate.
 Freitags verwandelt sie sich
in Club oder Konzertvenue

Kommen wir also zu Teil III meiner "Göteborg-Saga". Alle wollen ja immer nach Stockholm und lustigerweise denken unheimlich viele Leute, denen ich erzähle, dass ich jetzt in Schweden bin, ganz automatisch, dass ich dann wohl in Stockholm sein muss. Erst vor Kurzem schrieb M., der Mann meiner Freundin S. aus D., zu meinem Geburtstag: "Ich habe geträumt, dass S. und ich dich in Stockholm besucht haben." Helsingborg sagt den meisten erst mal gar nichts (wenn sie nicht gerade Covenant-Fans sind), dabei hat die Stadt den Beinamen "Perle des Öresunds" und ist wirklich ein besonderer Flecken – doch dazu ein andermal mehr. Worauf ich hinaus will: Selbst die bedeutend größere Stadt Göteborg, Schwedens zweitgrößte, haben viele nicht auf dem Schirm, wenn es um Schweden geht. Dabei hat Göteborg (mindestens) genauso viel zu bieten wie Stockholm. Beide Städte haben zum Beispiel jeweils fünf Sterne-Restaurants, Göteborg allerdings bei nur einem Drittel der Einwohner. Beide Städte haben Schären vor der Tür, malerische Kanäle, Prachtstraßen, je einen Vergnügungspark...

Stichwort "Vergnügen": Nöjesguiden bedeutet übersetzt "Vergnügungsführer" und zu dem Zeitpunkt, als wir Sebastian in Göteborg treffen, ist er noch Mitarbeiter der lokalen Göteborger Redaktion des Blattes (allerdings packt er schon seine Umzugskartons für Stockholm, wo er einen Job bei einer der größten Tageszeitungen des Landes bekommen hat, dem Aftonbladet). Den Nöjesguiden gibt es sowohl in Stockholm, als auch in Göteborg und Malmö. Schon auf meinem verregneten Göteborg-Trip nach dem Abi hatte ich die kostenlose Zeitung, die in einem Café herumlag, mitgenommen, obwohl ich natürlich kein Wort verstanden habe. Aber sie sah einfach so unheimlich hip aus. Viele Jahre war die Wand über meinem Viersener (Viersen, noch eine andere Geschichte...) Jugendzimmerbett mit langsam vergilbenden Doppelseiten aus dem Göteborger Nöjesguiden verziert.  Wenn ich damals schon gewusst hätte, was mir in sehr viel späterer Zukunft alles so passiert – möglicherweise hätte ich einen Schwedischkurs an der Volkshochschule belegt. Aber man kann ja – zum Glück – nicht in die Zukunft schauen, sonst würde man am Ende noch alles vermasseln.

Erste Anlaufstelle für eine Tour
 durchs Göteborger
Nachtleben (oder auch einfach nur
 für eine Sightseeing-Pause):
 die Café-Bar "Kino" unter
dem Programmkino
 Hagabio 
Sebastian trägt Mod-Anzug und liebenswürdiges Lächeln, als wir ihn am Järntorget – übersetzt: Eisenplatz – treffen. Von hier aus ist es nicht weit bis zu einer Café-Bar mit dem deutschen Namen KinoDer Name erklärt sich durch den Standort, denn das Lokal befindet sich im Erdgeschoss des alten Programmkinos Hagabio (Falls Ihr Euch fragt, warum auf der Website "Hagabion" steht: Das bedeutet "das Hagabio", da die Schweden den bestimmten Artikel anhängen). "Bio" hat nichts mit "biologisch" zu tun, sondern ist die schwedische Kurzform von biograf und das heißt schlicht und ergreifend "Kino". Sebastian wartet vor dem Ziegelbau – einer früheren Schule, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts – auf dem Kiesplatz, der als Außenterrasse dient, während ich drinnen unsere Cappuccino-Bestellung aufgebe. Mit dem Betreten der Bar macht man eine kleine Zeitreise. Schon die Theke aus poliertem Holz versprüht den Charme vergangener Tage und neben dem Eingang steht ein Klavier, das gerade leider nicht bespielt wird. Aber man kann sich lebhaft vorstellen, wie ein Musiker im James Dean-Look daran später am Abend in die Tasten haut. Aber dafür ist es dann vermutlich zu eng, denn wir haben es hier mit einem der Hotspots des Göteborger Nachtlebens zu tun. „In die paar Quadratmeter quetschen sich abends die jungen Hipster Göteborgs.“ erklärt Sebastian einige Minuten später. „Wenn es unten zu voll ist, gehe ich meistens in den ersten Stock." Dort befindet sich das vegetarische Restaurant, dort ist Platz und es gibt Veggie-Gerichte zu Studentenpreisen. Außerdem ist das Publikum einen Hauch älter.

Ein bisschen Rotlicht gibt es immer noch
Früher war die Linnéstad, so heißt das Viertel hier, vor allem für Pornokinos und Strip-Clubs bekannt (weiterführende Angebote gab es nicht, zumindest nicht offiziell, denn Prostitution war und ist in Schweden verboten). Heute hat sich hier das kreative Leben ausgebreitet, mit Künstler-Ateliers, Vinyl-Plattenläden, Vintage-Boutiquen, Läden junger Designer, die aus alten Kleidern Klimaneutrales schneidern, Galerien und Bars, sämtlich untergebracht in charmant schrammeligen Altbauten. Wer den Hamburger Stadtteil St. Pauli kennt, darf sich die Linnéstad getrost so ähnlich vorstellen. Schlagader des Viertels ist die Andra Långgatan, die wir bald drauf entlang schlendern. Irgendwo spielt jemand Gitarre, es riecht nach frischem Kaffee und Erdbeeren. An der Ecke zur Nordhemsgatan betreibt Magnus Winström seine Galerie, die als eine Art moderner Salon fungiert. „Da treffen sich Schriftsteller, Musiker und Künstler.“ sagt Sebastian. 

 (Fortsetzung folgt)

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