Samstag, 8. September 2012

SIND SCHWEDEN MIT DER MÜTZE GEPOCHT? (UNNÜTZES WISSEN BEI STELLAMAT)

Wenn man so ein Blog hat, bekommt man auch immer Statistiken über die aktuellen Suchanfragen, die dazu geführt haben, dass Menschen auf dem Blog gelandet sind. Das sind oft ziemlich spezielle Wortkombinationen, etwa "Katja" "Meerjungfrau" oder "Hefe" "Rüdiger". Ab und zu handelt es sich aber auch um richtige Fragen. Zum Beispiel habe ich in meinem allerersten Posting den vielleicht nicht überall so geläufigen Ausdruck "mit der Mütze gepocht" benutzt. So kam es, dass gleich mehrere Suchanfragen, die auf mein Blog führten, sich mit dieser Frage beschäftigten: Was bedeutet eigentlich ,Mit der Mütze gepocht'? Nun weiß ich natürlich, wie ich den Ausdruck benutze. Wenn ich sage "Wenn ich nicht ganz mit der Mütze gepocht bin", dann heißt das "Wenn ich nicht völlig auf den Kopf gefallen bin". Wieso, weshalb, warum es zu diesem doch eher ungewöhnlichen Spruch kam, entzieht sich hingegen meiner Kenntnis. Schließlich ist eine Mütze ein eher weicher Gegenstand und wenn man damit gegen einen Schädel klopft – oder pocht – wird das schwerlich einen größeren Effekt auf die Gehirnleistung haben. So lässt sich die Sache also nicht erklären, Zum Glück weiß ich aber noch, woher ich den Ausdruck kenne. Nämlich von diesem Mann:

 Myk Jung ohne Mütze, aber mit vorbildlich gepflegten Zahnreihen
hinter der Hamburger "Markthalle", ungefähr anno 1993
(Foto: Rascal Hüppe)

Es handelt sich um Myk Jung, den Sänger der legendären Ruhrpottband The Fair Sex aus Essen (wo ich, wie einige wissen, studiert und gelebt habe) und inzwischen Autor von wichtigen Werken der Weltliteratur wie "Der Herr der Ohrringe" oder "Der Hobbknick". Er war es, von dem ich zum allerersten Mal die Worte "Mit der Mütze gepocht" vernahm. Was liegt also näher, als eben jenen Myk zu fragen, was es damit auf sich hat? Das habe ich dann einfach mal gemacht – und damit gibt es in diesem Blog auch eine Premiere: Das allererste Interview!

Stella: Hallo Myk, was bedeutet eigentlich ,Mit der Mütze gepocht?'

Myk: Ich denke, dies ist ein längst überkommener Begriff für 'bescheuert', 'dämlich' oder 'bekloppt' sein - oder abgemildert: 'begriffsstutzig'. Ich benutze diesen Ausdruck seit Jahren schlichtweg aus dem Verdacht heraus, dass diese Deutung wohl auch stimmen mag.


Stella: Woher kennst du diesen Ausdruck?


Myk: Ich fand ihn, schätzungsweise um 1982 herum, in einem meiner All-time-Lieblingsbücher: Krabat. Im Kapitel 'Der mit der Hahnenfeder' ruft Krabat: "Ich bin ja nicht blind und nicht taub - und vor allem nicht mit der Mütze gepocht, das schon gar nicht!" Obwohl ich das Buch schon zuvor mehrere Male gelesen hatte, habe diesen Ausdruck erst dann bewusst wahrgenommen. Ich finde, der Sinn erschließt sich sofort - obgleich man sich keinerlei Eselsbrücken bauen kann! Vielleicht war ich genau deswegen total begeistert. Ich weiß noch, dass ich mich fragte: "Wäre es nicht verständlicher, wenn es hieße: 'GEGEN die Mütze gepocht'?" In einer solchen Variante wäre dann die Mütze als Synonym für 'Kopf' zu deuten. Jedoch fand ich es gerade cool und abgefahren (weil für mich irgendwie unerklärlich), dass es 'mit der Mütze' heißt. Wundersam surreal.


Stella: Wann benutzt du den Ausdruck am liebsten?

Myk: Dieser Ausruf ist mir so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich ihn wahrscheinlich fast tagtäglich benutze. Ich hab ihn sogar in mein Buch Der Herr der Ohrringe eingebaut - was mir bis vor kurzem gar nicht mehr bewusst war. Es steht da: "Das Tor sprang wie mit der Mütze gepocht auf." Komisch, dass der Lektor es mir nicht korrigiert hat. Als ich es wieder las, hab ich mich gefragt, ob das eigentlich verständlich ist. Dann dachte ich sowas wie: "Womöglich nicht. Aber macht ja nix! Vielleicht kommt es irgendjemandem genauso surreal und außergewöhnlich vor wie mir, als ich es bei 'Krabat' las. Und das wär doch was!"
Ich glaube übrigens nicht, dass mir dieser Begriff außer bei 'Krabat' und meinem alltäglichen Genuschel jemals wiederbegegnet ist. Eigentlich ist das seltsam - so wunderbar wie auch populär 'Krabat' doch eigentlich ist! Nach Deiner Interview-Anfrage war ich versucht, im Netz nachzugucken - hab's aber wegen Myk-typischer Lethargie sein lassen.


***

So, nun wisst Ihr Bescheid! "Krabat" war übrigens auch eins meiner Lieblingsbücher als etwa Elfjährige, ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Ich habe nun allerdings noch ein paar Ergänzungen zu Myks Ausführungen – und kann sogar einen Bogen zu Schweden schlagen. J. hat mir nämlich erzählt, das krabat heute noch ein schwedischer Ausdruck ist. Er geht auf einen im fünfzehnten Jahrhundert gebräuchlichen deutschen Ausdruck zurück und bezeichnete ursprünglich einen Kroaten. Überliefert ist eine briefliche Äußerung eines schwedischen Generals namens Axel Oxenstierna, der im Dreißigjährigen Krieg eine Division kroatischer Soldaten als krabaterna  – die Krabats – bezeichnet hat. Weil sich diese Soldaten als äußerst wehrhaft entpuppten, entwickelte sich möglicherweise die heutige schwedische Bedeutung: Ein Krabat ist ein furchtloses und wildes Männchen. Der Ausdruck wird zum Beispiel gern für kleine unerschrockene Jungs verwendet. Und diese Krabats sind ganz bestimmt nicht mit der Mütze gepocht.


Außerdem habe ich herausgefunden, dass der Autor von "Krabat", Otfried Preußler, geb. 1918, noch lebt, zumindest wenn man Wikipedia glauben darf. Das bedeutet, der nächste Schritt ist es, zu versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen und ihn nach dem Ursprung von "Mit der Mütze gepocht" zu fragen. 

Stay tuned!



Links im Bild: Myk Jung. Rechts im Bild: mein jüngeres Ich.
Das Bild entstand in Berlin, ebenfalls um
1993
(Foto: Rascal Hüppe)

Kommentare :

  1. "Mit der Mütze gepocht" ist völlig okay. Bei uns heißt das "Mit dem Klammerbeutel gepudert" ;-).

    LG: Holger

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wer hat denn gesagt, dass das nicht okay ist? Eine zerebrale Demolierung nach Puderung mit dem (Wäsche?-)Klammerbeutel erscheint mir allerdings einleuchtender als ein Schädigung nach dem Pochen mit einer Mütze.

      Löschen

Kommentare müssen erst frei geschaltet werden