Dienstag, 4. September 2012

KREBS, ASZENDENT AQUAVIT ODER: GEMETZEL UNTERM HÜTCHEN


Ich war am Samstag zum dritten Mal auf einer kräftskiva, und damit auf einer der berühmt-berüchtigten schwedischen Krebspartys, auf denen Binnenseekrebse, die aussehen wie Mini-Hummer, verzehrt werden. (Immerhin hat sich ein Irrtum inzwischen aufgeklärt: Die Krebse sind trotz hartnäckiger anders lautender Gerüchte doch nicht mit  anheimelnden Tierchen wie Spinnen und Skorpionen verwandt). Kräftskivor (= Plural) finden vornehmlich im August statt, aber hin und wieder auch noch Anfang September. Bei so einer Gelegenheit trägt man normalerweise alberne Papphütchen, passende Lätzchen und sitzt unter Girlanden, Luftschlangen und Lampions. Ein bisschen also wie eine Silvesterfeier bei Hoppenstedts. So in etwa:

(Bild: Björn Tesch)
Hier ging bereits der ein oder andere Ganze.
(Bild: Björn Tesch)
Entfernter Verwandter der
gemeinen Hausspinne? Nein.
Wichtig bei der Sache sind die Schnapslieder, denn bei einer kräftskiva wird neben Bier vor allem Schnaps konsumiert und zwar im Extremfall alle paar Minuten. Und jedes Mal wird gesungen. Das heißt, sofern man dazu noch in der Lage ist. Das bekannteste dieser Lieder ist Helan går, eine Multikfunktions-Weise, die bei allen schwedischen Festen, bei denen Schnaps getrunken wird, zum Einsatz kommt. Also eigentlich bei allen. Helan går bedeutet „Der Ganze geht (runter)“ bedeutet. Soll ausdrücken, dass der erste Schnaps für gewöhnlich ganz getrunken wird. In der nächsten Runde muss man dann eigentlich „Halvan går“ singen – der Halbe geht – und das Glas nur halb leer trinken. In jeder Schnaps-und-Trink-Runde soll dann eigentlich die Menge reduziert worden. Im Prinzip gibt es sogar siebzehn Abstufungen, bis hin zu ein paar Tropfen. Aber das kann sich sowieso kein Mensch merken, schon gar nicht im alkoholisierten Zustand und darum trinkt man eigentlich immer das ganze Glas. Oder das halbe. Ober eben so viel, wie man will. Dieser Logik kann man nach dem ersten Schnaps bereits gut folgen.
Der Legende nach war das schwedische Eishockeyteam übrigens nach seinem Sieg bei der Weltmeisterschaft in Moskau 1957 mit dem Text der schwedischen Nationalhymne überfordert und sang stattdessen Helan går. Skål!

(Foto: Björn Tesch)
Entfernte Verwandte der
gemeinen Hausspinne,
zubereitet
Angesichts des einsetzenden Gemetzels kann man auch ganz froh sein, wenn man nicht mehr allzu nüchtern ist.  Die Krebse sind ja schon tot, das ist wirklich ein Glück. Für alle Beteiligten.  
Die Angelegenheit ist eine äußerst brachiale Geschichte, mit Hilfe derer Medizinstudenten das Sezieren ohne Skalpell lernen könnten. Sie besteht, grob gesagt, aus Panzeraufbrechen mit bloßen Händen, aus Aussaugen, Herausschälen, Auslöffeln und Hereinbeißen. Dabei spritzt und tropft es ganz ordentlich und auf einmal ergibt sogar das Lätzchen einen Sinn. Messer und Gabel erweisen sich hingegen mehr oder weniger als Dekoration. Nur zum Aufhebeln eines widerspenstigen Krebsbeins kann ein Gabelzinken schon mal nützlich sein und das Messer kommt zum Einsatz, wenn die kräftsmör, die als Delikatesse geltende ,Krebsbutter‘, auf Brot geschmiert wird. Ich habe nachgeschaut: Es handelt sich um ein Kombiorgan des Krebses und entspricht Leber und Bauchspeicheldrüse. Äh, vielleicht will man das nicht so genau wissen... Das Zeug schmeckt, keine Frage. Aber, ehrlich gesagt, hätte ich auch nichts dagegen, wenn die Krebse aus Tofu wären. Oder aus Kartoffeln.  

Dazu isst man ausnahmsweise keinen Sill (Hering), wie sonst bei allen schwedischen Festen, sondern Västerbotten paj – eine fette Käsepie –, Brot und einen ganz köstlichen brännvinsost – Branntweinkäse. Da ist trotz des Namens kein Alkohol (mehr) drin, denn der Schnaps wird nur zur geschmacklichen Abrundung verwendet.Der Käse schmeckt jedenfalls mindestens so gut wie alter Gouda. 

(Mann, schon wieder so lang. Aber kürzer kann ich einfach nicht.)


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Kommentare :

  1. Tja, dass Du jetzt schon wieder schreiben kannst?
    Vom Wochenende bis heute ist doch garnicht so lange gewesen.:-) Ich finde es immerwieder schön lustig, wenn Kebse / Hummer etc auf die altertümliche weise (mit den Händen) gegessen wird. AUch die so bekannten Rittermahle sind doch recht lustig. Denn, wie von dir beschrieben, ist der Alkohol wohl ein muss! Dann ist der Rest immer sehr lustig. So ein Fest würde ich auch gerne mal erleben. Würde auch den Schnaps mitbringen. (Wir haben ja bei uns im Münsterland schon gut Brennereien). Also, auf eine weitere Asperin.

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    1. Das Fest am Samstag war etwas zivilisierter und nicht das im Bild, das ist im vergangenen Jahr auf der "Culinary Academy Sweden" in Sörmland südlich von Stockholm entstanden. Jetzt am Samstag waren ziemlich viele Eltern da, die am nächsten Tag früh raus und z.T. auch noch Auto fahren mussten. War also wirklich moderat. Nicht unbedingt schlecht.

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  2. Das ganze Gepudere muss das Hirn verstauben - die Intelligenz ist von Schminkpaletten unbeeindruckt und zieht sich ins Hinterkämmerchen zurück.
    So kann es doch nur sein...obwohl ich der Malerei, Mode und dem Weltluxusvergnügen - was den künstlerischen Aspekt betrifft - durchaus anhänglich bin, gar Modedesignerin werden würde.

    * * *

    Schreiben, schreiben, schreiben...so viel Text! Es freut mich, sie kennenzulernen, Mme Bongertz.

    Eine Autorin,...was ein Zufall!

    Gerade assistiere ich meinem Freund.
    Diese Idee hatte er schon seit Jahren, doch nun sitzt er stundenlang vor seiner Tastatur, tippt, überlegt und reimt sich da eine Geschichte Wort für Wort zusammen, die er schon längst in Gedanken bis zum Schluss gesponnen hat.
    Es ist interessant diesen Vorgang zu beobachten, da er bis vor Kurzem nur der Musik zugetan war und ich mehr die chaotische Künstlerin und Schreiberin im Hause verkörperte.
    Irgendwann werde auch ich eine Autorin sein! (lächel)

    /Gerade bringt er mir erwartungsvoll das 2. Kapitel vorbei! :D Durchlesen, korrigieren und kritisieren...Jawoll, das mach ich jetzt!

    Skandinavien gefällt mir übrigens sehr. Durch den Umzug eines Teils meiner Familie nach Norwegen, bin ich ab und zu auch im Norden unterwegs, genieße vor allem die frische Luft, sowie die herrlich weite Natur! Vielleicht ziehen wir auch eines Tages dorthin. Mal schauen, was die Zukunft für uns bereit hält.

    ♥Looona Lou

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    1. Und so ein langer Kommentar! Spannend, bei uns ist das ähnlich, mein Freund war auch Musiker, das heißt, er ist es natürlich noch, nur verdient er sein Geld nicht mehr damit, sondern konzentriert sich auch aufs Schreiben. Gerade schreiben wir ein Buch zusammen, darüber, wie ich in Schweden gelandet bin und bei ihm und wie das hier so ist, mit den Schweden und mir. In Norwegen war ich noch nie, aber da kommt noch. Oslo ist von hier ja "nur" 500 km entfernt, näher als Stockholm.
      Freue mich übrigens auch sehr! Ich hatte schon befürchtet, dass sich beim BlogZug tatsächlich nur Schminkschnittchen rumtreiben und bin sehr beruhigt, dass das nicht so ist.

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  3. echt gute Bilder und toller Blog :) interessant zu lesen :)und übrigens, wen du deinen lesern "antwortest" bekommen die das nicht mit, besser ist es auf deren blog zu kommentieren und dort die antwort zu schreiben :)

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    1. Danke für die Blumen! Freut mich sehr. :) Das stimmt, dass die Leser meine Antworten nicht mitkriegen, es sei denn, sie schauen immer mal wieder nach – wie mein treuer Leser Markus z.B.. Die meisten meiner bisherigen Leser haben nur kein Blog, in dem ich sie auf meine Antwort hinweisen könnte. Das ist wirklich doof bei Blogger, bei Wordpress kann man ja weitere Kommentare abonnieren – aber vielleicht kann man das hier ja auch irgendwo einstellen und ich hab's noch nicht gesehen. So, jetzt geh ich mal, wie gewünscht, auf Deinen Blog, damit Du meine Antwort mitbekommst. :)

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  4. Liebe Stella,

    ich freue mich schon sehr auf dein Schweden-Buch.
    Und mehr solcher Geschichten.

    Ein Montagmorgen-Halvan går! A.

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  5. Danke für Dein Lob!! Ja,ich bin halt eine treue Seele! :-)
    Deine Texte7Geschichten/Erfahrungen lassen sich aber auch immer toll lesen und verbeiten gute Laune!!!! Ich gehe natürlich auch davon aus, dass Du als Schreiberin auch geren Feedback haben möchtest!

    Deine Anmerkungen zu diesen sicherlich leckeren Essen helfen nicht gerade, es auch mal probieren zu wollen. :-( ..Kombiorgan...,..Verwandte der Hausspinne
    Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. :-) Veilleicht sollten wir mal Tüte (Baltrum) bitten, das ericht zu kochen. Die Getränke hat er ja zu genüge.
    Grüße

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  6. Hej! Ich hab das jetzt auch schon zweimal mitgemacht und kann das alles nur bestätigen. Aus irgendeinem Grund hat man bei uns auch ein dänisches Lied singen müssen (das einzige, das ich mir merken konnte): den lillen manen med der röder nesar (oder so ähnlich). Und es gab Unmassen gekochte Eier!
    Liebe Grüße aus Berlin, Andreas

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    1. Ja, genau, gekochte Eier. Mit Schnittlauch und Sauercreme (obwohl das in Schweden eher ein Mittsommer-Ding ist, aber die essen ja fast immer das gleiche hier im Norden). "Der kleine Mann mit der roten Nase", das sieht den Dänen ähnlich... ;) Danke füts Vorbeischauen! :)

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