Mittwoch, 11. Juli 2012

VON AUSGESETZTEN LAUGENBREZELN, SCHWEDISCHER POLIZEIARBEIT UND HEIMTÜCKISCHEM VANDALISMUS

(1) Phantombild eines
Attentäters,
mit sehr gut getroffenem
Gesichtsausdruck
Dass mein Baltrum-Blogeintrag nicht mein letzter war, haben Sie meinem unvergleichlichen Reaktionsvermögen zu verdanken. Es war knapp, am vergangenen Montag. Beinahe wäre ich im Schleswig-Holsteinischen plattgewalzt worden, inklusive meines armen Kfz. Sieben Dosen nachhaltig geangelten Thunfischs und zwei Packungen Bio-Laugenbrezel haben es dagegen leider nicht geschafft. Doch der Reihe nach.


(2) Beinahe wären diese
glücklichen Menschen
einem heimtückischen
Walzanschlag zum Opfer
gefallen...
Freunde werden sich erinnern, dass mein wunderbares Energiesparauto bereits im Mai 2011 Opfer eines hinterhältigen Anschlags wurde. Und zwar trotz der Tatsache, dass es sich friedlich und ordnungsgemäß geparkt am Straßenrand befand. Als ich von einem Spaziergang zurückkam, fiel mir bereits von Weitem der im Wind flatternde Zettel an der Windschutzscheibe auf. Für ein Knöllchen zu groß. Beruhigend, dachte ich. Dann las ich den vom Regen durchnässten Zettel. In einer abenteuerlichen Schrift, in der das Geschreibsel jeden durchschnittlichen Erstklässlers wie  fein ziselierte Kalligraphie wirkt, stand dort: "Bitte rufen Sie wegen des Schadens Nummer XY an." Mir wurde leicht blümerant. Bloß sah ich keinen Schaden. Vorsichtig inspizierte ich das Auto. Irgendwie erwartete ich vorn oder hinten eine kleine Delle. Bei größeren Geschichten hätte sich ja wohl die Polizei bei mir gemeldet! Ich vermutete, dass irgendjemand beim Einparken ein  bisschen zu schwungvoll gewesen war. Eine Delle im Nummernschild oder ein abgefallenes solches (das ist nämlich in der Nähe auch schon mal passiert). Aber da war nix.

(3) ...und hätten dann wohl das
berühmte Fenster
 am Ende des Tunnels
erblickt
Als ich ES dann an der der Straße zugewandten Seite entdeckte, musste mich erst mal am Auto festhalten, weil mir kurz schwarz vor Augen wurde: Die komplette Fahrerseite war kaum wiederzuerkennen. Eingedötscht und abgeschrammt. Der Griff lag demoliert auf dem Asphalt, an Türöffnung war nicht zu denken... 
Ich kürze die unglaubliche Geschichte an dieser Stelle etwas ab. Nach einem Telefonmarathon stellte sich raus, dass ein Angestellter der städtischen Müllabfuhr, Tobias N. aus Å., beim Abbiegen in eine Seitenstraße mit einem voluminösen Kfz der städtischen Müllabfuhr blöderweise vergessen hatte, was vermutlich in der ersten Stunde des LKW-Führerscheinkurses gelehrt wird  und was hinten auf fast allen LKW steht: Fahrzeug schwenkt aus. Das ist so lange kein Problem, so lange sich im Ausschwenkbereich nichts befindet. Falls doch, ist es eins. 


In den folgenden Wochen passierten verschiedene Dinge (Reihenfolge beliebig): Ich absolvierte eine Göteborg-Reise mit der Bahn, legte mir ein gebrauchtes Fahrrad mit Korb zu, stellte erstaunt fest, dass die Polizei in Schweden sehr entspannt mit dem Begriff der "Fahrerflucht" umzugehen scheint und Zettel am Auto bei Windstärke 4 und monsunartigen Regenfällen für ausreichende Hinweise nach einem Schadensfall hält und es auch sonst nicht für nötig befindet, sich die Sache mal anzugucken ("Fährt Ihr Auto noch?" "Ich glaube schon, aber ich muss auf der Beifahrerseite einsteigen." "Na bitte! Und Sie haben die Nummer des anderen Beteiligten?" "Ja, schon, aber..." "Na bitte. Für so was kommen wir nicht."), machte "Bekanntschaft" mit dem Phantom der Versicherungsmitarbeiterin Britt-Marie S. in Malmö, die sich bei Versuchen telefonischer Kontaktaufnahme immer entweder in Pause, in Urlaub, noch nicht am Platz, nicht mehr am Platz, im Meeting oder auf Geschäftsreise befand oder krank gemeldet war (zwischendurch schloss ich auch "verstorben" nicht aus). Und nach geschlagenen sechs Wochen, die sich mein Kfz in Rehabilitations-Behandlung befand, bekam ich dann endlich mein Auto wieder zurück. Wie neu, wie mir auch meine deutsche Werkstatt später zum Glück bescheinigte. 




(4) Dieses spektakuläre Dokument eines wunderbaren Tages am Meer
 hätten wiederum  Sie nicht gesehen
Und genau dieses Auto wurde nun auf der Raststätte "Hüttener Berge", Schleswig-Holstein, erneut Opfer eines Anschlages. Der diesmal vereitelt wurde. Knapp, aber immerhin. Wieder stand das Kfz friedlich und ordnungsgemäß auf einem Parkplatz (Anmerkung: Ich stand auf einem PKW-Parkplatz, neben dem alle weiteren Parkplätze frei waren.Wir hatten angehalten, um im Gepäck das Ladekabel für den iPod zu suchen. Im Zuge der Suche hatte J. einen flachen Karton mit eben jenen Dosen Thunfisch und den Bio-Brezeln neben den Wagen gestellt, um an "Knut" (siehe Bild 5) zu kommen,  einen hervorragenden wasserfesten Rucksack der Marke Vaude aus dem Ländle (die man übrigens nicht "Wohd" spricht, auch wenn das französisch schick klingt, sondern ganz simpel "Fau Deh". Das steht nämlich für v. D., die Initialen des Firmengründers Albrecht von Dewitz), der mir bereits auf der hier erwähnten Sauerland-Wanderung hervorragende Dienste geleistet hat. Also Knut, nicht Albrecht.




Plötzlich schickte sich ein gefühlt zehn Meter hoher LKW mit gefühlt mannshohen Rädern an, rückwärts einzuparken. Dummerweise peilte er dafür die Bucht an, in der wir standen. Erst dachte ich, er würde uns schon sehen, doch dann kam er immer näher und ich drückte erschrocken auf die Hupe. Kurz hielt das Fahrzeug inne, dann setzte es seinen Einpark-Vorgang fort, der Mensch am Lenker war sich ganz offensichtlich nicht bewusst darüber, was das Hupen aus fernen Tiefen bedeutet hatte. Nun geschahen diverse Dinge mehr oder weniger gleichzeitig: J. sprang in den Wagen, ich hupte erneut wild und fuhr in letzter Sekunde einige Meter vor, um aus der Gefahrenzone zu gelangen. Vor dem Fahrerhäuschen, in dem ein vermutlich eng mit Tobias N. aus Å. verwandter  LKW-Fahrer mit interessantem Gesichtsausdruck (siehe Bild 1) seinen Kopf reckte ("Hö? Hä? Wo kommt denn das Zwergenauto her?") blieb ich stehen. Dann ließ ich das Fenster herunter und einen erheblichen Anteil meines Schimpfwortschatzes nebst diverser Gesten heraus, von deren Besitz ich bisher gar nichts wusste. Aber es beschleunigte den Adrenalin-Abbau. 


Anschließend setzten wir unseren Weg fort. Leider ohne die Dosen und die Brezel, die allein und ausgesetzt am Parkplatz zurückblieben. Was wir allerdings erst im Laufe des nächsten Tages merkten und noch später rekonstruierten.


Heute schickte ich eine Mail an die Raststätte:


Guten Tag,
ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen: Falls Sie auf dem Parkplatz rechts hinter der Tankstelle einen flachen Karton mit sieben Dosen Thunfisch und zwei Packungen Bio-Brezeln finden oder gefunden haben: Das Zeug ist in Ordnung. (...) Die Sachen können Sie gern behalten, falls Sie sie finden und sie nicht der LKW-Rowdy mitgenommen hat.  Ich würde mich aber über eine Nachricht freuen.
Beste Grüße



Leider zu spät, wie folgende freundliche Antwort beweist:



Hallo Frau Bongertz - vielen Dank für die Info.
Leider kam Ihre Mail aber zu spät - wir haben alles in den Müll geworfen.
Es passiert leider sehr oft, daß Lebensmittel bei uns auf dem Parkplatz vergessen
oder auch entsorgt werden.
Wir werfen immer alles gleich in die Mülltonne, da wir ja eigentlich nie etwas
über die Herkunft wissen.
Trotzdem vielen herzlich Dank für Ihre Mail.
Viele Grüße aus den Hüttener Bergen


Tja. Da kann ich nur sagen: R.I.P., liebe Lebensmittel. Was lernen wir also daraus? Genau: Wenn man fast vom LKW mit einem offenbar von Blindheit geschlagenen Fahrer überrollt worden ist, am besten aussteigen und dem Typen eins auf die Mütze geben oder wahlweise die Leviten lesen und das Nummernschild fotografieren. Denn dabei fallen einem dann vermutlich vergessene Gegenstände auf.  Doch es hätte schlimmer kommen können: "Knut" ist immer noch bei uns. Und damit auch mein Computer. Glück gehabt!




(5) Das ist Knut. Wasserfest und
mit jeder Menge praktischen
Fächern und ausgetüftelten
 Gurtsystemen für bequemes
Tragen. Er hat überlebt   

Nachtrag: Es stellte sich übrigens mittlerweile heraus, dass wohl nicht nur Thunfisch und Laugenbrezel, sondern auch hervorragender Weißwein und Bio-Apfelsaft an der Raststätte "Hüttener Berge" verblieben sind. Ich selbst hätte übrigens unangebrochene, eindeutig unversehrt verpackte und qualitativ hochwertige Lebensmittel sicher nicht in den Müll geworfen. Und ich hoffe weiterhin, dass das auch nicht passiert ist und der "Fresskorb" jemanden erfreut hat. 

Kommentare :

  1. Hey
    Die Raststätte kenn ich.
    Man sollte auch nicht auf den LKW-Plätzen parken.
    Mache Fahrer werden dann echt komisch und machen solche Dinge.
    Bei mir hat schon mal einer bis auf 5mm hinter mit geparkt und als ich dann einstieg (Hatte nur kurz für Königskinder und einen frischen Kaffee) hat er mal kurze sein Hupe für eine Minute laufen lassen. :-( Leider war der Fahrer auch ein Schrank (2X2 Meter mit 200kg), sodass ich lieber meine Klappe hielt. Hoffe Baltrum war gut und ihr seit an sonsten sicher wieder in der Heimat. Ach ja und ich hoffe, das ich nie einen Unfall in Schweden haben werde mit Mietwagen oder Firmenwagen. (Da ist eigentlich Polizei pflicht!!!)
    Grüße

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    1. Falsch! Der Witz war: Ich stand NICHT auf einem LKW-Parkplatz. Neben mir war nur alles frei.

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    2. OK, hatte es wohl falsch verstanden.
      Wichtig ist nur, dass Ihr heile wieder in der Heimat seit!!! :-)

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    3. Nein, nein, ich hatte nicht geschrieben, ob ich auf einem LKW-Parkplatz stand oder nicht, die Erklärung hab ich erst hinterher eingefügt. Ich stand allerdings quer über drei PKW-Parkplätze, einfach, weil so unglaublich viel Platz war und ich nur eben ganz kurz anhalten wollte. Dadurch hat mich der Typ vermutlich nicht gesehen. Aber ein LKW hatte dort wirklich nix zu suchen.

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  2. Wieder was gelernt (fast immer erfährt mein Wissen beim Lesen Deines Blogs signifikante Auswölbungen): Fau Deh. Danke!

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