Donnerstag, 5. Juli 2012

DIE PHILOSOPHIE DES FERIENMACHENS

Eine Rose ist eine Rose. Und duftet.
Derzeit befinde ich mich nicht in Schweden. Auch nicht im Rheinland, im Ruhrgebiet oder Sauerland. Sondern auf einer meiner Lieblingsinseln, nämlich der kleinsten ostfriesischen Insel Baltrum (wie es zu meiner Liebe zu diesem autofreien Eiland kam, dazu ist Näheres hier nachzulesen.) Aus persönlichen Gründen war ich allerdings längere Zeit nicht hier. Durch meine Schwedenaufenthalte, die sich in erster Linie in pittoresken Szenerien in Meernähe abspiel(t)en, nahm ich außerdem an, dass mir schon nichts fehlen würde. Meer ist Meer, oder etwa nicht? Das dachte ich jedenfalls bis zu einem verlängerten Wochenende im vergangenen Jahr. Meine Mutter hatte sich eine Familienzusammenkunft gewünscht und ein paar Tage kamen wir zusammen, zwei Tage davon hat es geschüttet und gestürmt wie verrückt, nur einen war es einigermaßen okay. Ich habe nicht viel gesehen von der Insel, es ging hier in erster Linie um die Familie und vor die Tür konnte man eben auch kaum. Trotzdem ist in der kurzen Zeit etwas Rätselhaftes mit mir passiert. Und dieses rätselhafte Etwas hat dazu geführt, dass ich jetzt wieder hier bin und zum ersten Mal eine Reportage über diese Insel schreibe (zumindest seit ich elf war und meine eigene Zeitung hatte, wie ebenfalls hier nachzulesen. Außerdem gab es vor langer Zeit mal eine Glosse in der Allegra – aber eine Glosse ist ja nun mal keine Reportage.) Die Reportage ist im nächsten Jahr an einer bestimmten Stelle zu lesen, die ich dann noch nennen werde. Auf diese Andeutungen muss ich mich leider zu diesem Zeitpunkt beschränken.

Der frühe Hund fängt wahlweise die Wurst,
das Stöckchen oder den Blick
Das heißt natürlich nicht, dass ich jetzt nichts schreiben kann, nur eben nicht über ES. Schreiben kann ich zum Beispiel: Heute früh saßen J. und ich mit unseren Kaffeetassen in der Hand am zentralen "Marktplatz" (auf dem allerdings nie ein Markt stattfindet) hier auf Baltrum in der Sonne in einem der dort rundum aufgestellten Strandkörbe. Es war wirklich noch sehr früh, insbesondere für einen Ferienort wie diesen und kaum jemand war unterwegs. Außer uns, ein paar Hundebesitzern mit Hunden und der Sonne, die uns heraus gelockt hatte. Der Wind säuselte leise, das Meer ebenfalls, die wilden Rosen dufteten. Kurz: Eine wunderbare Atmosphäre. Und wie wir dort so saßen, radelte plötzlich ein Mädchen auf einem rosa Fahrrad vorbei, das eine rosa Schultasche auf dem Rücken hatte, so rosa wie die Wildrosen. Die Schule auf Baltrum hat aufgrund der niedrigen Einwohnerzahl nur eine einzige Klasse, in der von Stufe 1 bis 10 alle Kinder zusammengefasst sind. Und dieses Mädchen war ganz klar auf dem Weg dorthin. Darum sagte ich so was wie:


"Ah, auf dem Weg zur Schule." 
J. sagte: "Schule?" 
Ich: "Ja. Schule." 
J.: "Haben deutsche Kinder keine Ferien?" 
Ich: "Naja, nicht alle gleichzeitig. Das ist gestaffelt. Niedersachsens Ferien sind eben noch nicht angebrochen."
Er: "Wie lange sind die Ferien denn so?"
Ich: "Na, sechs Wochen." 
Er: "Sechs Wochen? Nur?" 
Ich: "Wieso nur?"
Er: "In Schweden dauern die Ferien von Mitte Juni bis Mitte September." 
Ich: "Was? Sooooo lange? Bist du sicher?"


Er war sich sicher. Trotzdem hat er der zusätzlichen Sicherheit halber noch mal geprüft, ob das heute auch noch so ist. Es ist. Und ich konnte mich nicht dagegen wehren, noch im Nachhinein neidisch zu werden. Zwölf Wochen Sommerferien! Ein Traum! Zumindest für Kinder und Jugendliche. Aber natürlich muss man gerade im Norden des riesigen Landes die wenigen Wochen Sonne richtig ausnutzen. Dunkel ist es dann noch lange genug. Und in Schweden geht man traditionell in Ganztagsschulen, bei uns ist ja täglich um eins schon Schluss. J. vermutete, dass deutsche Kinder so "wenig" Ferien haben, um bereits aufs Arbeitsleben vorbereitet zu werden. Auf Steigerung von Bruttosozialprodukten und die Sicherstellung allgemeinen Wohlstands. Meine Theorie ist, dass in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern zu viel Ferien einfach Chaos bedeuten. Insbesondere in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern UND dabei fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Wenn Millionen ehegattengesplittete Mütter deswegen nur halbtags arbeiten können, wenn überhaupt – wie sollen dann erst zwölf Wochen Ferien überbrückt werden, in denen der Nachwuchs freigesetzt ist? Man könnte in Deutschland ruhig mal ein bisschen intensiver drüber nachdenken, warum man in Schweden insgesamt die Familienpolitik so viel besser im Griff hat, generell entspannter ist und auch noch mehr Kinder bekommt UND es sich leisten kann, zwölf Wochen Urlaub zu machen. Mein Tipp: Seltsame Prämien für Heim und Herd sind nicht die Ursache. 


Und jetzt muss ich raus. Die Sonne genießen. Von zwölf Wochen Ferien kann ich nämlich nur träumen. Aber eine Woche ist auch schon mal gut.


****




Nachtrag, extra für Katja K. (weil in den Kommentaren keine Links möglich sind): 


Kommentare :

  1. Man, Baltrum!! Ich beneide dich!!!!
    Grüße Alle von mir!!!
    Hier noch aktuelle Entwicklung zur Schule.
    Wir arbeiten auch der Ganztagsschule leider oft mit schlechter Betreuung.
    Da haben wir das größte Problem. ich finde aber 12 Wochen Urlaub am Stück zu viel. In Schwden macht es sicherlich, wie du schreibst, Sinn. Bei uns aber sicher nicht. freue mich, ween nächstes Jahr mehr über Baltrum kommt. Da musst du mir eine Info geben!!!!
    LG Markus

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    1. Ich finde zwölf Wochen Urlaub praktisch unvorstellbar und könnte mir vorstellen, dass das als Elternteil auch ziemlich nervig ist, insbesondere, wenn die Kinder noch kleiner sind. Zu Baltrum: Hier sind im Moment nicht viele zum Grüßen, um nicht zu sagen gar keiner. Aber wir gehen auch nicht raus, nach Tagen an der frischen Luft fallen wir abends wie Steine ins Bett.

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  2. Man, ihr werdet langsam aber alt. :-)
    Zum oberen Teil: Ja, dass kann sehr nervig und stressig werden!!
    Soweit ich das aber aus Finnland kennen, werden dann die Kinder gerne zu den Omas und Opas "abgeschoben", da ja leider auch gearbeitet werden muss. Früher war es einfacher, da ja nur einer verdient hat.
    Nun kommen die Probleme der Betreuung auch nach Skandinavien.
    Schönen Urlaub noch.

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    1. Naja, das Nightlife auf Baltrum ist doch sehr eingeschränkt, wenn man nicht damit glücklich ist, sich einsam einen hinter die Binde zu kippen. ;)
      In Skandinavien gibt es zumindest zu Nichtferienzeiten sehr gute Betreuung, man hat also zumindest dann keine Probleme. Optimal ist das mit den Megaferien offenbar auch alles nicht. J. sagt, dass es in Schweden auch so ist, dass die Kinder meistens eine Weile zu den Großeltern geschickt werden. Und es gibt Aktivitäten von den Gemeinden und Sommercamps und so was. Immerhin haben kleine Kinder von 18 Monaten bis zum Schulalter immer Anspruch auf Ganztagesbetreuung, wenn die Eltern arbeiten müssen.

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    2. Wieso einsam?? Ihr seit zu zweit!!! Dann noch der eine oder andere Insulaner und eine Palette Bier am Starnd. :-) Schon hat man seinen Spass. :-) War wohl zu kalt, oder???
      Was macht denn Cafe Kluntje und die Cobi-Golf-Bahn? Ihr ahbt doch gespielt, oder????????
      --Wir versuchen uns ja erst einmal mit dem Kindergartenplatzanspruch ab 3 Jahre. Das ist schon sehr schwer, aber jetzt sollen ja die Arbeitslosen zu Erzieher umgeschult werden (kein Scherz!!!!). Da stellt sich die Frage, ob Erziehung durch eine kurze Umschulung nach 2 Jahren ohne Job, genau das richtige ist????? Wir warten ab!!

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    3. Niemand hat gesagt, dass wir keinen Spaß hatten. ;) Und zu kalt war es erst recht nicht, im Gegenteil. Vergangene Woche war es die meiste Zeit sogar ziemlich heiß und sehr sonnig, kein Schnack. Ganz besonders heiß und sonnig war es am Freitag, dem Tag, an dem es laut Wetterbericht angeblich den ganzen Tag regnen sollte. Es gab gegen Spätnachmittag ein Gewitter mit sehr warmem Schauer (in den wir auch prompt geraten sind, da am Strand im Osten unterwegs.) Das Kluntje war nur bis 18 Uhr geöffnet (und da waren wir natürlich diverse Male). Aber Cobigolf? Nö.
      Die interessanten Familienpolitik-Entwicklungen in Deutschland – inklusive des Vorschlags von Frau Pothmer, Hartz IV-Empfänger umzuschulen – verfolge ich seit längerer Zeit mit Erstaunen. Das ist reine Verzweiflung, denn der Witz am Kindergartenplatzanspruch ab drei Jahren ist, dass es gerade mal für ein Drittel der Kinder Kapazitäten gibt. Nicht mal das klappt. Deutschland ist und bleibt ein Entwicklungsland in Sachen Familienpolitik. Dabei hatte es da im Osten bereits sehr gute Ansätze gegeben. Aber die positiven Sachen im Osten wurden leider mit der Wende gleich mit plattgewalzt.

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    4. Da gebe ich dir völlig recht!!! Unser Grundgedanke war ja immer: Alle anderen sind schlecht, nur wir haben die besten Ideen!! Gut dass ich da nun raus bin.

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  3. Thomas Bandion9. Juli 2012 um 22:38

    Ich wünsch mir immer noch einen Flattr-Button. Am besten unter jedem Eintrag.

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    1. Da musste ich jetzt erst mal nachgucken, was das ist und freu mich jetzt total. Danke, ich nehm das als Kompliment. Ansonsten ist die Sache möglicherweise zu fortgeschritten für Menschen wie mich, da nicht in Blogger präkonfiguriert. Pinterest fehlt ja auch. Aber ich schau mal. :)

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  4. Ich hab's tatsächlich hinbekommen, so einen Button einzubauen. :)

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    1. Sehr cool. Ich probier gleich mal. Aber für Qualitätsinhalte will ich meinen spärlichen Cent beitragen, damit das nämlich auch weiterhin so bleibt.

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  5. Antworten
    1. Hab oben noch was eingefügt. Ging im Kommentar nicht.

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