Samstag, 21. Juli 2012

DAS SKANDINAVIENHOCH IST DA, HURRA! BITTE NICHT VERKRÜMELN!

Sonne, es ist die Sonne!
Ein Wunder, ein Wunder!
Dieses Blog zu schreiben ist irgendwie zum Luxus geworden in den vergangenen zwei Wochen. Ich möchte so gern, aber ich erlaube es mir nicht, weil noch so viele andere Dinge geschrieben und getan werden müssen. Aber jetzt, an einem Samstag mit wider Erwarten blauem Himmel, Sonne und einer Temperatur, die zumindest keinen Polar-Fleecepulli erfordert, kann man das mal machen (Ist es endlich das berühmte Skandinavienhoch? Oder ein meteorologisches Versehen? Gibt es übrigens Meteorologen unter den Lesern? Wenn ja, dann würde ich mich über eine Erklärung, wie so ein Skandinavien-Hoch zustande kommt, freuen. Wie ein Hoch grundsätzlich entsteht, ist mir einigermaßen klar, aber warum das Skandinavienhoch so äußerst stabil ist, wenn es sich einmal eingenistet hat, das wüsste ich gern.) 

Sauerteigbrot Nummer acht – oder ist es gar bereits neun? – brutzelt im Ofen. Ich habe exorbitant mies geschlafen, aber unsere neue schicke doppelwandige French Press Kaffeebereiter der Firma Bodum – in manchen Dingen bin ich einfach Markenfetischist, ich gebe es zu – hilft mir in Kooperation mit dem leckeren Alnatura 100% Arabica-Fairtrade-Kaffee, die Müdigkeit zu überwinden (nein, ich werde nicht für Werbung bezahlt, aber Top-Produkte kann man schon mal lobend erwähnen). Jemand anders als ich könnte diesen dicken und undurchsichtigen Kaffee wohl kaum trinken, aber für mich ist nichts schlimmer, als wen man die Blümchen in der Kaffeetasse sehen kann.  Also, hätte sie denn Blümchen (vielleicht ist ja dem ein oder anderen der hervorragende Begriff "Blümchenkaffee" bekannt?). Das Blogschreiben ist also Luxus, weil so viel anderes zu tun ist. Ich hatte es ja schon mal angedeutet, J. und ich schreiben derzeit an einem Buch, über das ich bezeiten Näheres verlauten lassen werde. Fakt ist, dass es im kommenden Jahr das Licht der Welt erblicken wird und ich freue mich darauf bereits jetzt. Auch das Schreiben macht enormen Spaß und ich habe ein sehr gutes Gefühl. Es geht um Schweden. Grob gesagt.

Lebenselixier. Faitrade. Bio.
100% Arabica
Doch wo fange ich mit diesem Posting also an? Gut, angefangen habe ich ja schon. Aber wo fange ich, äh, weiter? Die hier angerissenen und angekündigten Schweden-Reportagen habe ich übrigens nicht vergessen, aber ich möchte warten, bis ich einen neuerlichen Ausflug unternehme, was durchaus in Kürze passieren kann, z.B. morgen.  Im Moment bin ich aber erst mal wieder wieder dem Backwahn erlegen (und entspreche mit der Berichterstattung damit dem Wunsch von Frau Fischer, Christiane). Dabei hatte ich einige Probleme zu überwinden. Für unsere Abwesenheit  hatte ich den Sauerteigansatz "gesichert", in dem ich ihn "verkrümelt" habe, eine Aufbewahrung des Ansatzes "so wie er da steht" (um eine Floskel aus der Autoverkäufer-Branche aufzugreifen) im Kühlschrank wird nur über maximal eine Woche empfohlen. Zum "Verkrümeln" fügt man soviel Mehl hinzu, dass der ganze Ansatz quasi trocken gelegt wird und eine Art Streusel entstehen. Angeblich sollte man dann nach der Rückkehr an den heimischen Küchenarbeitsplatz nur lauwarmes Wasser hinzufügen, um die Kühlschrankbrösel wieder zum Leben zu erwecken und mehr oder weniger "sofort" backen zu können.Da kann ich jetzt nur sagen: Haha!  Eine blumige Untertreibung von Superbackmann Pöt. (Wobei das keine Beschwerde sein soll, die Anleitungen sind spitze und ich bin "dem Pöt" da sehr dankbar!)

Von diesem Tatort hatte sich das runde Aroma
zwischenzeitlich klammheimlich
verkrümelt
Irgendwie muss ich übrigens  bei "dem Pöt" die ganze Zeit an "den Köbes" denken, den (ebenfalls immer zwingend in Verbindung mit dem bestimmten Artikel genannten) traditionellen Bierkellner in Brauhäusern. Und zwar in Brauhäusern in – wie ich gerade selber gelernt habe – Köln, Bonn, Düsseldorf und Krefeld. Das ist insofern erstaunlich, als dass es quasi exakt meiner niederrheinische bzw. rheinische Heimatbasis geographisch umreißt. Darauf hätte bereits die in dieser Gegend beliebte Endung -es hätte hindeuten können. Viele Namen dieser Region enden auch auf -es, weil das früher an den Familiennamen angehängt wurde: "Backes", zum Beispiel. Die Scherzkekse Tünnes un Schäl kennen Freunde des Kölner Karnevals und wer in erwähnter Gegend Unsinn quatscht, bekommt schon mal zu hören "Red nicht so'n Kokolores".

Wo war ich? Ach ja, beim Sauerteig. Die ganze Mischung roch jedenfalls nicht mehr so wunderbar obstig aromatisch und blumig dezent wie zuvor, sondern eher säuerlich. Gut, es heißt ja auch Sauerteig, aber die Säure sollte dabei schon von anderen Aromen ergänzt werden – wie bei einem guten Wein. Oder auch einem guten Kaffee. Vermutlich lag das Problem bei mir, dem unerfahrenen Brotback-Greenhorn (meine Familie kennt sich ja traditionell eher nur mit dem Konditorei-Waren aus, wie hier nachzulesen). Vielleicht hatte ich zu wenig Mehl hinzugefügt und der Ansatz hatte, ganz im Geheimen, mit dem bisschen verbliebener Feuchtigkeit weiter vor sich hingewerkelt, gefressen und gepupst und solche Sachen, sozusagen (Manche Dinge sollte man sich vielleicht nicht so im Detail vorstellen oder haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was Sie mit einem kühlen Bier eigentlich trinken oder wie so ein Käse zustande kommt?)

So viel habe ich inzwischen gelernt: Wenig Wasser + geringe Temperatur = Essigsäurenproduktion. HefePILZE und Milchsäureorganismen machen Päuschen, wenn's zu kalt ist. Tja. Um die Sache wieder aromatisch rund zu kriegen, habe ich dann "gefüttert", was das Zeug hielt – also immer wieder eine Handvoll Mehl und ein bisschen lauwarmes Wasser hinzugefügt – und den Ansatz mal hierhin, mal dahin gestellt, bei für Hefe und Milchsäure freundlichen Temperaturen, also zwischen 20 und 30 ° Celsius – selbstverständlich musste ich hier angesichts der Wetterlage zu Tricks greifen. Und es hat geklappt! Das nächste Brot gelang ganz wundersam und ging sensationell auf. Ich spare mir hier ein weiteres Brot-Foto, die sehen ja dann doch eher immer gleich aus. Trotzdem werde ich beim nächsten Mal den Sauerteig lieber trocknen, das erscheint mir aromasicherer als das "Verkrümeln". Im Augenblick bin ich gerade dabei, einen Weizenmehlsauerteig zu züchten und für die nächsten Tage plane ich meine erste Sauerteigpizza! (Das erinnert mich dran, ich brauche dringend einen Pizzastein. Und ein Gärkörbchen. Und einen Brotbackstein. Und eine Küchenmaschine. Und die wunderbaren Stiefeletten von Diane von Fürstenberg )

Das an dieser Stelle geplante köstlichste und ausführliche Bruscerita-Rezept – ein weiteres gelungenes und gar wundervolles Backwahnexperiment – verschiebe ich angesichts des auszunutzenden Wetters nun auf den nächsten Post. Aber ich bin zuversichtlich, dass Sie diesmal nicht so lange warten müssen.



Kommentare :

  1. Der Köbes steht ja für die rheinische Art, Spitz- aus Vornamen zu bilden. Und zwar merkwürdigerweise aus der zweiten Silbe unter Beifügung von "es".
    Also ist der Köbes ein Jakob, der Neres ist ein Werner, der Manes ein Hermann, der Tünnes ein Anton und der Döres ein Theodor.
    In Düsseldorf-Hamm gibbet die Familie Dietze, die dort zwei Wirtschaften betrieb: "Dietze Döres" und "Dietze Mamm" (also kwasi dem Theordor sin Mutter...).

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    1. Vielen lieben Dank für die Erhellung. :) Allerdings wirft das einige Fragen auf. Mein Vater hieß zum Beispiel Ulrich, mein Opa Konrad, auf der anderen Seite hieß man Hugo. Alle aus Krefeld. Was macht man da draus? Rikes, Rades und Goes? Was wird aus Wolfgang? Der Ganges?
      Und wieso heißt meine Familie mütterlicherseits Steynes? Und Backes kommt ja vermutlich auch eher von der Berufsbezeichnung, oder? Kennst Du Dich da aus?

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    2. Ich hätte schreiben sollen "Wird gern ... gebildet". Neben den von mir genannten Spitznamen gibt es noch, aber seltener den Helmes und den Bertes. Funktioniert natürlich nur bei zwei Silben und Konsonant am Ende - warum das nur bei bestimmten Männernamen gemacht wird, weiß ich nicht. Hinzu kommen noch die "klassischen" rheinischen Spitznamen: dä Pitter un dä Schäng.
      "Backes" ist tatsächlich rheinisch für "Bäcker". Kommt votr in dem Idiom "noch nicht an Schmitz Backes vorbei sein" - siehe hier: http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/detailansicht.php?Artikel=Schmitz%20Backes&Eintrag1=989

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  2. Christiane Fischer21. Juli 2012 um 23:38

    Sauerteig verkrümeln, wenn man sich mal verkrümeln will/muss. Herrlich! Frau Fischer ist äußerst erfreut und zufrieden und bedankt sich ob der prompten Wunscherfüllung.
    Bei Kokolores fällt mir außerdem noch “Dönekes “ ein. Ist das so ein familieninterner Begriff oder kennt man den sonst auch?

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    1. Die beste Quelle für Erklärungen solcher Begriffe ist die Website der Gesellschaft für deutsche Sprache: http://www.gfds.de/sprachberatung/fragen-und-antworten/uebersichtsseite/kokolores/

      "Dönekes" kenn ich auch, ist aber anscheinend Ruhrgebietsdeutsch: http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/doeneken.html

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    2. Sehr schöner Link, vielen Dank dafür. Dönekes kenne ich auch, hab das Wort aber tatsächlich erst im Ruhrgebiet kennengelernt.

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