Samstag, 16. Juni 2012

HAMLET ODER HANLET, DAS IST HIER DIE FRAGE!



Jude Law was here: Schloss Kronborg/Elsinor.
Links im Bild: Die Fähre nach Helsingborg
(Foto: Ted Fahn, Quelle: VisitDenmark)
Die Schweden sind ja jetzt leider raus. Aus der Fußball-EM natürlich nur. In allem anderen sind sie noch drin. Zum Beispiel in meinem Herzen und der EU. Auch wenn sie so tun, als ob sie nicht drin wären, also in der EU, mit der Extrawurst der Schwedischen Krone und so. Doch über so was will ich gar nicht reden, das gibt am Ende nur Ärger. Vielmehr möchte ich sagen: Das Gute an multinationalen Haushalten ist ja, dass man eine Mannschaft in Reserve hat, der man die Daumen drücken kann.

Am Sonntag spielt nun meines Wissens die restliche uns zur Verfügung stehende Mannschaft, nämlich Deutschland. Und zwar gegen Dänemark (auch in der EU, obwohl das einigen Leuten dort, glaube ich, gar nicht so passt). Nun befindet sich Dänemark zufällig direkt gegenüber von Helsingborg, genauer gesagt ist der dortige Außenposten des Landes das pittoreske Örtchen Helsingør (sprich: Helsingör, das entspricht übrigens auch der schwedischen Schreibweise) an der schmalsten Stelle der Meerenge Öresund, die zur Ostsee gehört, bevor sie, die Ostsee, Kattegatt genannt wird. Es gibt eine Fährverbindung der Scandlines zwischen Helsingborg und Helsingør, man legt tagsüber alle 15 Minuten ab, das gilt für beide Richtungen, abends und nachts etwas seltener. Die Überfahrt dauert 20 Minuten. An Bord gibt es einen Duty Free-Shop für Süßes und Alkoholisches – letzteres nur auf der dänischen Hälfte des Öresunds, also entweder in den ersten oder letzten zehn Minuten – und in der Snackbar diverse Erfrischungsgetränke und gerolltes Polarbröd mit Elchfleisch, was dann auch vermutlich das Exotischste im Angebot ist.

Vom Prinzen versetzt!
(Foto: Lennard Nielsen,
Quelle: VisitDenmark)
Falls dem ein oder anderen nun beim Namen Helsingør die Ohren klingeln: Dort, im Schloss Kronborg (das man übrigens sieht, wenn man von hier aus in die nächste Straße einbiegt, bei Gelegenheit mach ich mal ein Foto, wenn gewünscht) hat Shakespeare den unglücklichen Dänenprinzen Hamlet einquartiert (im Stück und im Englischen heißt das Schloss Elsinore). In Kronborg/Elsinore hat er sich dann über staatliche Fäulnisprozesse und Seinsfragen Gedanken gemacht, wie allgemein bekannt sein dürfte. De facto gab es keinen echten Prinzen namens Hamlet, denn die Handlung beruht auf einer überlieferten und selbstverständlich fürchterlich traurigen Sage. Aber man muss ja nicht zu kleinlich sein. Immerhin führte Shakespeares Stück z.B. dazu, dass ich in den Neunzigerjahren auf einer Exkursion des Faches Kunstwissenschaft einen Abstecher nach Helsingør machen durfte (weil das Ganze nicht allzu weit vom Louisiana-Museum für Moderne Kunst entfernt liegt) und dass Jude Law 2009 den Hamlet in Kronborg spielte. Leider war ich zu letzterem Zeitpunkt nicht anwesend, aber vielleicht kommt er ja noch mal vorbei. Möglicherweise fragt man aber auch nächstes Mal Mads Mikkelsen, schließlich ist der ein dänischer Superstar.

Hans Christian Andersen ist – oder war – ja auch so eine Art dänischer Superstar (man beachte die geschickte Überleitung). Auf ihn oder besser sein selbstverständlich fürchterlich trauriges Märchen "Die kleine Meerjungfrau" geht ja die Meerjungfrau-Skulptur in Kopenhagen zurück.  Über deren Größe  – oder besser: Kleine – sich z.B. Anders Trentemøller gewundert hat, als er sie das erste Mal sah, wie hier nachzulesen. Allerdings ist ja andererseits auch nicht zu erwarten, dass eine kleine Meerjungfrau besonders groß dargestellt wird. Finde ich. Sie zu finden ist jedenfalls trotzdem sehr einfach, man muss in Kopenhagen nur immer der japanischen Touristengruppe folgen, dahinter ist sie dann schon.

HANlet
(Foto: Anders Sune Bang
Quelle: VisitDenmark)
Damit die kleine Meerjungfrau nun nicht für immer grämt, weil der doofe Prinz (der vielleicht ja Hamlet war, auszuschließen wäre es nicht, immerhin gibt es da gewisse Handlungsparallelen) sich in die Falsche verliebt hat, hat man ihr nun, offenbar nach Vorlage des jungen Mick Jagger, einen Gefährten gebaut. Um es der Meerjungfrau nicht allzu einfach zu machen – ihr Märchen ist schließlich immer noch ein fürchterlich trauriges – hat man ihn aber nicht in Kopenhagen auf einen Stein gesetzt, sondern, Sie ahnen es: in Helsingør. Verantwortlich für die Skulptur sind die Künstler Elmgreen & Dragset, die auch schon am Trafalgar Square in London rumgebaut haben. Ein englischer Prinz also – offenbar soll Dänemark von England aus über Helsingør erobert werden: Hamlet, Han, Jude Law, die Indizien sind erdrückend. (Deswegen aber auf eine dänisch-englische Finalbegegnung zu schließen, das wäre voreilig. Davor haben die Götter Gomez gesetzt. So!)

Da hockt nun also HAN (das heißt "er") rum und wartet, genauso wie HON (das heißt "sie"),  die unglückliche Meerjungfrau circa sechzig Kilometer weiter südlich. Im Gegensatz zu ihr kann er aber wenigstens mal blinzeln, nämlich einmal die Stunde mittels eines hydraulischen Mechanismus. Vermutlich, damit die japanischen Touristen nicht nur anreisen, knipsen und abreisen, sondern auch die Wirtschaft in Helsingør ankurbeln und zwischendurch ein leckeres dänisches Eis schlecken, bis der Bursche wieder mit den Wimpern klimpert. Um jetzt die kulturelle Verwirrungsstrategie zur Vollendung zu bringen bzw. mit Hängen und Würgen wieder zum Thema Dänemark vs. Deutschland und einem  gewissen Haushalt zurückzukommen, in dem diese Begegnung per Livestream verfolgt werden wird (ein Glück, dass ich hier schreiben kann, was ich will, meine gewagten Gedankensprünge würde kein Redakteur mitmachen)  fällt mir die im deutschen Sprachraum verbreitete Ballade "Es waren zwei Königskinder" ein, die auf eine von Ovid und dem griechischen Dichter Musaios überlieferte und selbstverständlich ebenfalls fürchterlich traurige Sage zurückgeht. Dort heißt es:

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief

Es wäre also besser gewesen, man hätte die Meerjungfrau nach Helsingør verpflanzt und den Meerjungmann nach Helsingborg und damit ganz von Kopenhagen Abstand genommen, dann hätten die beiden einfach die Fähre nehmen können. Aber Schweden ist ja raus, wie gesagt...
Äh, Moment, wo war ich? Ach ja: Die "Königskinder" Deutschland und Dänemark können jedenfalls nicht zusammen kommen, denn es kann nur einen geben. Sieger und Highscorer und natürlich Highlander, aber bevor ich jetzt auch noch nach Schottland und Umgebung abschweife und mich in Artus-Sagen oder ähnlichen Klimbim verstricke, sage ich lieber: Tschüss und möge der Bessere gewinnen, der allerdings am liebsten Deutschland sein soll. Jetzt gleich backe ich übrigens wieder. Mehr demnächst in diesem Theater.

Kommentare :

  1. Man Stella, dise gedanklichen Sprünge sind ja echt gut!!! Ich dachte, dass du nicht so tief im Fußball bist, aber da habe ich mich wohl geirrt! Was wirst Du denn zu den weiteren Spielen schreiben? Ach ja, vieln Erfolg beim Backen.
    Markus

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    1. Freut mich ja, dass Du die Gedankensprüne gut findest! Ich habe mich anstecken lassen mit dem Fußballvirus. Zumindest ein bisschen. Und vielen Dankfür die Erfolgswünsche! :)

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