Sonntag, 17. Juni 2012

DER SCHWEDENKÖNIG DER BROTE: CHRONIK EINER KATASTROPHE UND EIN FÜNKCHEN HOFFNUNG

Eigentlich wollte ich noch gar keinen neuen Blog-Eintrag schreiben, weil der gestrige ja heute brandaktuell ist. Aber die Ereignisse haben sich mal wieder überschlagen...

Im Auge des Nichts
Große Katastrophen gehen meistens auf einen kleinen Fehler, eine winzige Unachtsamkeit zurück. Die Titanic wäre noch in Betrieb, zumindest als Museumsschiff, hätte man sich mit der Entwicklung des Schiffsradars etwas mehr beeilt. Carmen Thomas würde für immer das Sportstudio moderieren, hätte sie nicht "Schalke 05" gesagt und dieses Glas ist leer, weil, ja, lesen Sie selbst:

Auch zu der Katastrophe, die in der Ihnen inzwischen wohl bekannten Küche geschah (wobei – für die neu zugestiegenen Leser – alles hier seinen Ausgangspunkt hat) führte ein winziger Fehler. Zunächst ging alles den gewohnten Gang: Ich entschloss mich im Laufe des Samstagnachmittags ein weiteres Sauerteigbrot zu backen, (wie Sie hier hier nachlesen können). Ich nahm das Anstellgut – die inzwischen gut funktionierende Sauerteigkultur – aus dem Kühlschrank, damit es sich auf Zimmertemperatur aufwärmen konnte. Gegen 20:30 Uhr fügte ich 100 g Mehl und 100 g lauwarmes Wasser hinzu und stellte diesen "Anfrischsauer" ins Fach über dem Kühlschrank, wo die ideale Temperatur zur Vermehrung der Hefepilze herrscht.  Gegen 00:30 Uhr fügte ich weiteres Wasser und Mehl hinzu und stellte diesen "Grundsauer" in den Backofen bei nur eingeschalteter Lampe, mit einer etwa einen Millimeter geöffneten Klappe. Dabei herrscht eine Temperatur von ca. 29° Grad, ideal für Milchsäureorganismen, die das Brot mild machen.  Dann legte ich mich schlafen.

Ich hatte seltsame Träume. In einem Traum lebte ich in einer WG, die offenbar einem Restaurant angeschlossen war. In der Küche herrschte reges Treiben. Darum machte ich mir Sorgen um meinen Sauerteig und ging ihn suchen. Ich fand eine leere Teigschüssel und erschrak bis ins Mark: Hatte man den Sauerteig weggeworfen? Dann entdeckte ich ihn, im Backofen. Aber: Die Temperatur war viel zu gering. Der Backofen hatte ein Loch!

In dem Moment klingelte der Wecker. Um 6:38 Uhr (ich stelle meinen Wecker immer auf krumme Uhrzeiten). Es war Zeit, weiteres Mehl und Wasser zur Herstellung des "Vollsauers" hinzuzufügen. Der Backofen hatte kein Loch, der Grundsauer war da, wo er sein  sollte, die Temperatur war okay. Ich war beruhigt und legte mich wieder schlafen.

Würde ich auf Borg-Größe
schrumpfen?
Wieder träumte ich. Ich  stand ich in meiner Küche und war auf einmal klein wie ein Kind. Ich wollte backen, aber war das möglich? Würde ich noch weiter schrumpfen? Vielleicht sogar auf Größe eines Hefeborgs?

Als der Wecker erneut klingelte, fühlte ich mich ahnungsvoll. Unheilvoll? Ich hörte ein leises Brummen: Der Kater schien nichts zu bemerken und schnurrte wie üblich wie ein Motor vor sich hin. Das beruhigte mich etwas. Auch schien ich noch normal groß zu sein. Jetzt war es Zeit, den richtigen Brotteig zu machen. Der Sauer war gut aufgegangen. Ich wog Mehl ab und mischte Salz und Brotgewürze darunter. Maß lauwarmes Wasser ab. Spülte zwei Gläser noch einmal gründlich aus, um sämtliche Spülmittelreste zu entfernen – für den Anfrischsauer fürs nächste Backen. Ich wusch mir die Hände.

Dann nahm ich den Vollsauer, kippte die Mehlmischung drüber und das Wasser, machte meine Hand nass und begann zu kneten. In diesem Moment überfiel mich die Erkenntnis wie ein Donnerkeil. Das Schicksal, es hatte tatsächlich zugeschlagen, die Träume waren böse Omen gewesen, die Tauben waren tief geflogen, Teutates hatte den Himmel gelockert, der Uhu hatte sich drei Mal um seine Achse gedreht und "Hey, Makarena!" gerufen:

Ich hatte vergessen, vor dem Mischen das Anstellgut abzunehmen!

Das Glas war leer geblieben. Das bedeutete mehrere Dinge: Ich würde kein weiteres Brot backen können. Meine Sauerteigkultur war verloren. Für immer! Dieses Brot würde das nachkommenlose letzte eines erfolgreichen Geschlechts sein. Wie der schwedische König, Karl XIII., der keine Nachkommen hatte und darum einen französischen General adoptierte, nämlich Jean-Baptiste Bernadotte, genannt Karl Johann, der dann den Schweden unter anderem den berühmten Karl Johann-Pilz als schmackhafte Mahlzeit empfahl (woanders als in Schweden als Steinpilz bekannt), als ihnen das  – ha ha – Brot ausgegangen war.

Würde ich in Zukunft ein Baguette adoptieren müssen?
Oder nur noch Pilze essen müssen?

Hier geht sie dahin,
die Sauerteigkultur:
Karl XIII. der Brote
Und würde das Brot überhaupt noch zu einem nachkommenlosen Karl XIII. werden? Denn jetzt stimmten natürlich alle Mischungsverhältnisse nicht mehr. Verzweifelt fügte ich ein bisschen mehr Mehl und Wasser hinzu, was mit teigklebrigen Händen – Vollsauer klebt wie Pattex und hier war viel davon drin – nicht so einfach ist. Der Teig wurde viel zu feucht, aber die aktuelle Roggenmehlpackung war aufgebraucht und die nächste stand unerreichbar verschlossen im Schrank: Ich war ausnahmsweise allein zu Haus, wenn man mal von einem mich interessiert beobachtenden orangen Kater absieht, der sicher gern geholfen hätte – doch ihm fehlt der Daumen.

Im Augenblick geht das Brot im Backofen.
Was daraus wird: Ungewiss!

Meine Arche?
In der Zwischenzeit habe ich jedoch Hoffnung geschöpft. Ich habe ein Glas mit einer winzigen Menge des alten Anstellguts entdeckt, zwischen dem Honig und den roten Zwiebeln auf dem Sideboard in der Küche. Vor ein paar Tagen hatte ich es abgezweigt, mit etwas Mehl gefüttert, um eine zweite Kultur zu züchten. Dann hatte ich es vergessen. Nun schraubte ich unter Aufbietung größerer Kräfte das völlig verklebte Glas auf (Anstellgut klebt wie Pattex, aber das sagte ich ja bereits) und stellte fest: Es scheint noch zu leben. Blasen waren sichtbar und auch der Geruch stimmte. Ein feiner Duft nach süßem Obstessig. Ich fügte Mehl und Wasser hinzu und stellte das Ganze auf die Fensterbank.
Die spannende Frage lautet nun: Wird dieser kleine Sauerteigrest meine Arche? Der Retter einer erfolgreichen Hochkultur von Hefepilzen, Milchsäureorganismen und Essigbakterien? Wir werden es sehen. Bleiben Sie dran, wenn es wieder heißt: Autoren im Backwahn.

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