Dienstag, 15. April 2014

VON PIMMELBONZEN, FOTZENSCHWÄRMEN – UND VOM TEUFEL IM DETAIL

Wo geht's lang?
Alle Leser sind eingeladen,
beim nächsten Spaziergang mal darauf zu achten,
wie das dem schwedischen Spazierweg-Schild
entsprechende Äquivalent in Deutschland aussieht
Seit ich in Schweden bin, fällt mir auf, wie – sagen wir es neutral – anders manche Dinge noch in Deutschland sind. In Sachen Gleichstellung (ich sage absichtlich nicht "Gleichberechtigung", denn die gleichen Rechte haben Männer und Frauen nun zum Glück doch schon seit geraumer Zeit) läuft noch vieles in alten Bahnen. Gerade dann, wenn aus einem Paar eine Familie wird. Forscher sprechen vom "Traditionalisierungseffekt", der um sich greift, sobald ein Paar ein Kind bekommt. Plötzlich brechen alte Rollenmuster durch. Diese Muster werden meist keineswegs absichtlich von den "Betroffenen" aus der Schublade gekramt, weil sie sie so toll finden. Nein, sie ergeben sich aus den Umständen. Ich habe das beobachtet: Molekularbiologinnen legen ihre viel versprechende Karriere lange über die Stillzeit hinaus auf Eis (mit dem Gebären und Stillen haben Männer ja zugegebenermaßen noch ihre Schwierigkeiten). Und warum? Weil sie weniger verdienen als ihre Gatten! Ein guter Steuerberater rät in dieser Situation ganz wahrheitsgemäß, mit dem Ehegattensplitting stehe die Familie sich auf diese Weise steuerlich deutlich günstiger. Und wer hat als frisch gebackene Familie schon Geld zu verschenken?

Die Molekularbiologin schrubbt also fortan jahrelang Mikroorganismen aus der Dusche statt sie unterm Mikroskop zu untersuchen und während sie den beruflichen Anschluss (und manchmal auch das Selbstbewusstsein) verliert, weilt sie zuhause. Dort ist der Gatte hingegen kaum noch – der schuftet nämlich jetzt extra viel, Haus und Kombi müssen abbezahlt werden und ob die Frau wieder in den Job einsteigen kann, ist fraglich: Der verpasste Anschluss und so. Die Lebenswelten entfernen sich voneinander. Die paar gesparten Kröten haben Folgen. Für die Beziehung zum Beispiel – sich auseinander gelebt zu haben steht ganz oben auf der Trennungs-Hitliste –, aber ebenso für die Arbeitswelt: Arbeitgeber stellen Frauen immer noch weniger gern ein, weil die ja viel schneller ausfallen könnten – auch darum verdienen Frauen weniger. Weil Frauen aber weniger verdienen, haben sie später nicht nur weniger Rente, sondern sie bleiben auch eher zu Hause – siehe oben.

Ein Teufelskreis!

Manche sehen in einer Frauenquote eine Maßnahme, die hier Abhilfe schafft. Ich finde allerdings, dass man Ungleichheit nicht mit Ungleichheit bekämpfen kann. Auch nicht ausnahms- und übergangsweise. Es ist falsch, wenn jemand bevorzugt wird, weil er ein bestimmtes Geschlecht hat (oder irgendwas anderes, für das er nix kann, z.B. seine Hautfarbe). Immer. Überall. Aus Prinzip. Da wäre ich als Mann auch sauer. Denn was hab ich davon, dass sich "mein Geschlecht", so insgesamt gesehen, gesellschaftlich immer noch besser da steht, wenn ich gerade meinen Traumjob an eine Konkurrentin verloren habe, nicht weil die besser, sondern weil sie eine Frau war? Nüscht! Wenn ich Königin von Deutschland wäre, würde ich darum die Dominosteine woanders anstoßen. Neben (u.a.) dem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung erst mal das Ungleichheit verstärkende Ehegattensplitting abschaffen und die Möglichkeit, Pensionspunkte an den Partner abzugeben – ich prophezeie, es würden Wunder geschehen.

Nun lebe ich aber inzwischen in Schweden und das hat ja schon eine deutsche Königin. Mein Prinz ist außerdem gänzlich unroyal. In unserer nächsten Nachbarschaft (= fünf Minuten zu Fuß) sind aber auch schon ohne jegliches königliche Einwirken allein sechs (!) Kitas/Kindergärten und etwa so viele Spielplätze, auf denen ich mindestens so viele entspannte (!) Väter und Kinder in Elternzeit sehe wie entspannte (!) Mütter. Das freut mich besonders, denn ab Ende August steht auch in meinem/unserem Leben eine kleine (etwa einen halben Meter lange) Veränderung an, die intern bereits vorbereitet wird (um was es sich handelt, ist streng geheim!)

Die Quadratur des Kreises? Nein!
Einfach nur ein Mensch mit einem Kind.
Mann oder Frau?
Möglich. 
Doch Kitas hin, Elternzeit-Papis her, auch in Schweden laufen in der Mann-Frau-Chose noch nicht alle Dinge ganz selbstverständlich rund. Der psychologische Teufel liegt im Detail. In der Zeitung Sydsvenskan – "die Südschwedische – las ich vor ein paar Tagen einen wunderbaren Artikel. Der stammte vom Helsingborger Dichter und Schriftsteller Bob Hansson (von dem man sich hier ein Bild machen kann). Der war nicht nur zufällig früher auf der gleichen Schule wie J., sondern ist zufällig auch kürzlich Vater geworden. Er hat in diesem Zusammenhang eine interessante Beobachtung gemacht, die mich in meiner Haltung bestärkt: Wenn man will, dass Frauen und Männer wirklich gleiche Möglichkeiten haben, dann gilt das für alle. A-L-L-E. Ja, es mag überraschen, aber das heißt dann: auch für die Männer. Aber lest selbst, ich habe den Artikel mit Bobs Erlaubnis extra für euch übersetzt:

ANDERTHALB ELTERNTEILE SIND NICHT GENUG

Text: Bob Hansson

Der Blick einer Hebamme ist alles, was es braucht, um eine Ungleichheit zwischen den Elternteilen zu erzeugen. Bob Hansson auf der Suche nach dem ultimativen Bonus der Gleichstellung.

Bei keinem anderen Tier als dem Mensch gibt es einen so großen Unterschied zwischen dem Weiß des Auges und der Pupille. Kein anderes Tier ist sich so bewusst darüber, wenn ein Blick auf es gerichtet wird – oder auf jemand anderen. Ein Blick ist hierarchisch. Je höher dein Status, umso mehr Pupillenzeit bekommst du.

Gleichstellung dreht sich zum Teil um Blicke. Darum, wer im Fokus steht. Und warum.

"Glaubst du, dass Frauen keine Feuerwehrleute sein können?"

Derjenige, der darauf "ja" antwortet, heißt möglicherweise Ulf Brunnberg. (Anm. d. Übers. Ulf Brunnberg ist ein schwedischer Schauspieler, der für seine konservativen politischen Äußerungen bekannt ist.)

"Bist du der Ansicht, dass Mütter besser darin sind, sich um ihre Kinder zu kümmern als deren Väter?"

Diejenigen, die darauf mit "ja" antworten, arbeiten möglicherweise im Pflege- und Gesundheitssystem.

65% aller befragten Hebammen und Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege sind nämlich der Ansicht, dass Mütter besser darin sind, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen als es die Väter sind. (Anm. Alle Angaben in diesem Text beziehen sich auf Schweden)

Mit anderen Worten sind sie der Ansicht, dass Elternschaft auch heute weiterhin eher Frauensache ist.

Dieser Tage läuft das Projekt "Ein Elternteil entsteht". Ein Projekt, das sich damit befasst, wie frisch gebackenen Vätern im Gesundheits- und Pflegesystem begegnet wird. Es erstreckt sich nicht über das ganze Land (Anm. Schweden ist gemeint), aber immerhin über die Provinz Västra Götaland. Es ist ein Projekt, das einen gewissen Widerstand weckt: "Sollen wir Männern denn jetzt NOCH mehr Platz einräumen? Es sind doch nun mal Frauen, die wir betreuen! Bekommen Männer nicht schon genügend Raum?"

Ein vollkommen verständliche Kritik. Über peinlich viele Generationen hinweg sind wir davon geprägt worden, dass es die Mama ist, die die Windeln wechselt, während der Papa zur Arbeit geht, um für die Windeln zu bezahlen.

Das macht uns alle unnötig einsam.

Überkommene Geschlechterrollen schwappen in unseren Körpern herum. Drücken uns nieder. Lassen uns unbeholfen werden. Am meinem ersten Tag als Vater auf dieser Erde stehe ich in unserem Zimmer auf der Wöchnerinnenstation, als die Krankenschwester hereinkommt. Unser Sohn liegt in einem Spezialzimmer und wartet darauf, Blut abgenommen zu bekommen.

Wir sind alle besorgt.
Die Krankenschwester fragt:

"Wo ist die Mutter?"
"In der Kantine."

Darauf erwidert sie nichts, sondern geht. Ich gehe hinterher. In der Kantine höre ich die Krankenschwester dasjenige sagen, was sie nicht zu mir gesagt hat: "Ihr Sohn ist jetzt fertig für die Blutabnahme."

Ein Vater ist auf der Wöchnerinnenstation nicht als Vater registriert, sondern als Angehöriger der Mutter. Ein anderer frisch gebackener Vater sieht mich an und seufzt: "Wenn es ums Kinderkriegen geht, ist es so, als sei es die wichtigste Funktion des Papas, das Auto zu fahren."

Einige Wochen später stelle ich in der Zentrale für Kinderpflege* eine Frage, um dann zu sehen, wie sich die Krankenschwester automatisch mit ihrer Antwort an die Mutter wendet.

Auf die Bedeutung genau dieses Blickes werde ich noch zurückkommen.

Als ich aufwuchs, gab es keine Männer weit und breit. Nicht zuhause. Nicht in der Kita. Nicht in der Schule. Kinder waren Frauensache. Sobald ein Paar zu Eltern wurde, war es Tradition, dass der Vater – anstelle weniger zu arbeiten und sich mit seinen Kindern zu befassen – noch mehr arbeitete. Heute nehmen Väter ein Viertel der Elternzeit. Mit Spitzen im Sommer und während der Elchjagd. Dem kürzlich veröffentlichten Bericht der Regierung "Männer und Gleichstellung" (SOU 2014:6) zufolge haben bis zum zweiten Geburtstag des Kindes jedoch 25 % der Männer nicht einen einzigen Tag Elternzeit genommen. Also nicht einmal während der Elchjagd.

Zusammengenommen wird all das trotzdem Fortschritt genannt.
Und es ist einer.

Ich bin nicht der einzige, der sich wünscht, seinen Vater besser gekannt zu haben. Als das Statistische Zentralbüro (SCB) untersuchte, mit wem Kinder am liebsten sprechen, wenn sie Unterstützung brauchen, gaben Mädchen und Jungen in allen Altersgruppen die gleiche Antwort: Mama. Als der Kamratposten (Anm. eine schwedische Zeitung für Kinder zwischen 8 und 14 Jahren) dieselbe Frage stellte, zeigte es sich außerdem, dass Kinder lieber mit einem Freund sprechen als mit ihrem Papa. Der Papa lag nicht mal auf dem dritten Platz, denn auf den nächsten Plätzen folgten "jemand anders" und "keiner".

Wir leben also in einer Zeit, in der Kinder lieber mit "keinem" sprechen als mit ihrem Papa, wenn die Tränen in der Nase zischen und sich ihre Nöte im Griff der Scham vor der Außenwelt verschließen.

Das macht uns alle unnötig einsam.

Nun sind wir wieder bei der Krankenschwester in der Kinderpflegezentrale und dort ist nichts einfach. Denn wenn die Krankenschwester dem Vater Aufmerksamkeit schenkt, muss sie im gleichen Augenblick den Blick von einer Mutter wenden, die oft alle Unterstützung braucht, die sie nur kriegen kann. Wir wissen nicht, ob der Blick der Gleichstellung eigentlich ein schielender ist, aber wir wissen, dass die althergebrachte Norm, nach der die Mutter der erste, der wichtigste Elternteil ist, ihr kaum etwas nützt. Weil es damit zusammenhängt, dass sie das zweite Geschlecht besitzt.

Belinda Olssons fragte sich in ihrer Dokumentation "Fittstim* - min kamp" (Anm. in etwa: "Fotzenschwarm - mein Kampf", siehe Erläuterung unten)  im staatlichen schwedischen Fernsehen SVT, ob der moderne lattepappa (Anm. In Schweden werden Väter, die Elternzeit nehmen, häufig als lattepappa bezeichnet, weil sie gern mit ihren Kindern im Café beim Latte Macchiato gesehen werden, in etwa analog zu den "Latte-Müttern" in Deutschland – wer den wichtigen Unterschied merkt, bekommt einen Gummipunkt) Ausdruck einer bedrohten Männlichkeit sei. Zum Glück gibt es verschiedene Arten von Männlichkeit und alle sind sie in Bewegung. Die Männlichkeit, die Lattepapis vermutlich haben, wird in der Männerforschung "pluralistische Maskulinität" genannt. Eine Männlichkeit, die, ohne vollständig die alten Erwartungen loszulassen, das Neue begrüßen kann. Es handelt sich um eine Männlichkeit, die der Forschung zufolge am besten dazu geeignet ist, die disparaten Anforderungen zu meistern, die sich einem Geschlecht angesichts einer beginnenden Gleichstellung stellen.

Es ist möglich, dass der Mann bedroht ist, aber vermutlich nicht davon, dass er sich mit seinen Kindern beschäftigt. In einem Hospiz in der Schweiz fragte man die männlichen Patienten, die im Begriff waren zu sterben, ob sie möglicherweise etwas bereuten – und das taten sie. Am gewöhnlichsten war das Bedauern darüber, dass sie zu wenig Zeit mit ihren Kindern und ihrer Familie verbracht hatten. Fakt ist, dass einhundert Prozent aller Männer genau dies bedauerten. Man kann übers Sterbebett sagen, was man will, aber es ist kaum der geeignete Ort, seine Elternzeit zu nehmen.

Der rote Faden des Bedauerns war (für beide Geschlechter), dass sie mehr nach den Wünschen der Gesellschaft gelebt hatten als nach den eigenen. Man darf also annehmen, dass der Grund, dass die Väter weniger Zeit als gewünscht mit ihren Kindern verbracht hatten, in den Erwartungen der Umgebung lag.

Erwartungen erschaffen etwas. So wie die Erwartung der Hebamme daran, welcher Elternteil der primäre ist. Der Blick der Hebamme ist damit ein Blick, der sich weit über den Raum hinaus erstreckt, in welchem er geschieht.

Es ist ein Blick mit einer gewissen Macht.
Ein Blick, den Västra Götaländs Landesgericht nun ändern will.

"Wir dachten, wir seien bereit für die Zukunft, aber dann entdeckten wir, dass sie bereits da war." Diese Worte stammen von einer im Projekt engagierten Hebamme – der Trend in größeren Teilen der Welt ist deutlich. Anstatt eine Extraschicht im Job einzulegen, ziehen es Männer immer häufiger vor, ihr Kind in die Arme zu nehmen und an ihrem Po zu schnuppern. Ein anderer Trend ist es, dass Väter sich vor, während und nach der Entbindung als ausgeschlossen erleben. Der erste Blick, der die neue Familie trifft, ist allzu oft ein halbblinder. Natürlich ist es nicht die Priorität einer Hebamme, einen Vater zu entbinden, sondern ein Baby. Aber der erste Blick, der eine gerade gewordene Familie trifft, darf nicht einer sein, der von einer Norm ausgeht, von der die Gegenwart sagt, dass sie sie hinter sich lassen möchte.

Die Forschung fand heraus, dass ein Mann umso mehr Elternzeit nimmt, je mehr er bei der Entbindung integriert wird. Weitere Forschung zeigt, dass ein anwesender Vater sowohl das Stillen erleichtert als auch die kognitive Entwicklung des Kindes verbessert.

Vor nur einem Jahr und acht Monaten schaffte die Frauenklinik in Malmö das Recht der Väter ab, mit auf der Wöchnerinnenstation zu übernachten. Ein Beschluss, der nicht nur die erwähnte Forschung ignoriert, sondern auch eine Norm festigt, von der der Rest unserer Gesellschaft sich fortbewegt. Frauen können Feuerwehrautos fahren und Männer können auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen. Man höre und staune. Kinder sind keine Frauensache. Die Zukunft ist schon hier. Auf alle Fälle in Västra Götaland.

Im gleichen Augenblick, in dem die Hebamme den Blick von der Mutter wendet und den Vater einbezieht, ermöglicht sie also der Frau den Zugang zu einer Welt, in der jene nicht länger darauf reduziert wird, der wichtigste Elternteil zu sein. Der äußerste Pluspunkt der Gleichstellung ist es, dass sie nicht nur einen Elternteil fördert, sondern mindestens zwei. Gleichstellung ist trotz allem kein Krieg der Geschlechter, sondern dessen Ende.

* In Schweden entsprechen so genannte "vårdcentraler" in etwa deutschen Hausärzten. Diese Zentralen sind die ersten Anlaufstellen, wenn man krank ist oder medizinische Fragen hat, dort sind immer mehrere Ärzte und Krankenschwestern beschäftigt, jeder Wohnbezirk hat eine solche Zentrale. Krankenschwestern haben in Schweden größere Befugnisse als in Deutschland, sie bestimmen auch, ob man so ernst krank ist, dass man zum Arzt vorgelassen wird. Statt eines Kinderarztes gibt es die barnvårdscentralen, wörtlich übersetzt: die Kinderpflegezentralen.

* Der Begriff "fittstim" – übersetzt bedeutet das so viel wie "Fotzenschwarm" – ist ein nicht ganz salonfähiger Ausdruck, der in Schweden eine gewisse Berühmtheit erlangte, nachdem der schwedische sozialdemokratische Politiker Stig Malm zu Beginn der Neunzigerjahre zufällig im Vorbeifahren die damalige Vorsitzende des sozialdemokratischen Frauenverbundes, Margareta Winberg, inmitten einer Gruppe von Frauen auf dem Gehweg erspäht und die Damen kurzerhand mit nämlichem Ausdruck bedachte hatte. Er hatte jedoch nicht mit seinem Chauffeur gerechnet, der die verbale Entgleisung seines Chefs an die Presse ausplauderte. Das brachte Malm den Spitznamen "pittpamp"  – ungefähr "Pimmelbonze" – ein. 

Übersetzung und Anmerkungen: Christiane Stella Bongertz

Montag, 24. März 2014

GEFÜHLTE HUNDERT JAHRE PAUSE SIND VORBEI – DARAUF EINEN HUNDERTJÄHRIGEN! ODER AUCH ZWEI. ODER DREI (MIT GEWINNSPIEL!)

Juhu! Zur Feier des Endes der langen Blogpause (es gab dafür gute Gründe, von denen Ihr auch noch erfahren werdet), gibt es auf VERLIEBT IN SCHWEDEN etwas sehr Schickes zu gewinnen!

Hurra, hurra, hurra, hurra?** 
Nix da! Födelsedagsbarnet (Geburtstagskind)
Allan Karlsson
 flieht genervt aus dem Seniorenheim.*
Der Durchbruch für mein Schwedisch – von Gestammel zu (einigermaßen) flüssiger Sprache – kam damit, dass ich mich gezwungen habe, Romane auf Schwedisch zu lesen. Eine Maßnahme, die ich nur jedem Fremdsprachenlerner empfehlen kann! Eins der Bücher, die mich bei diesem selbst verordneten Crashkurs völlig mitgerissen haben, war Hundråringen som klev ut genom fönstret och försvann  – "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand".

Autor ist der schwedische Journalist und Medienberater Jonas Jonasson. Der hat sich in einer persönlichen Krise in ein Häuschen am Luganer See zurückgezogen (das mit dem Häuschen am Wasser kommt mir durchaus bekannt vor!) und sein Debüt dort geschrieben. Die wunderbare Geschichte um den Sprengstoffexperten Allan erinnert mich an Forrest Gump und ich habe mir gleich gesagt: Das muss doch BITTE jemand verfilmen! Und als sei dem Universum (oder wer auch immer da verantwortlich ist) mein Wunsch ein Befehl gewesen – so geschah es. Der Film mit dem in Schweden wohl bekanntesten Komiker Robert Gustafsson in der Hauptrolle (und dem Autoren selbst in einem Cameo-Auftritt) ist an Weihnachten mit großem Erfolg hier in Schweden angelaufen.

Das Hörbuch zum deutschen
Filmstart – hier 3 x zu gewinnen!*
Seit vergangenen Donnerstag ist er auch in Deutschland zu sehen. Zur Feier des deutschen Kinostarts könnt Ihr hier drei Mal das Hörbuch aus dem Hörverlag zum Hundertjährigen gewinnen – gelesen vom großartigen Otto Sander! Wenn Ihr mir unter diesem Posting mitteilt, welches schwedische Buch – egal welches, von Selma Lagerlöf über Henning Mankell bis Stieg Larsson – Euch am besten gefallen hat und natürlich vor allem warum, könnt Ihr gewinnen! Die Hörbücher werden unter allen verlost, die bis zum 16. April mit einem Buchtipp kommentieren.

Die Story des "Hundertjährigen" beginnt damit, dass der frühere Sprengstoffexperte Allan aus dem Seniorenwohnheim flieht, Verzeihung, schlurft (er trägt seine kisstofflor, die "Pippi-Pantoffeln", die so heißen, weil im überreifen Alter gern mal was daneben geht), um der Feier zu seinem 100sten Geburtstag zu entgehen. Erstens, weil er das Aufhebens um seine Person absurd findet, zweitens, weil er keine Lust darauf hat, dass das Ganze gesund - will sagen: alkoholfrei und mit Schonkost – vonstatten gehen soll. Ein gelegentlicher sup (Schnaps) und gutes Essen sind für ihn Essenzen des Lebens. Auf seiner doch sehr speziellen Flucht quer durch Schweden kommt er zufällig an einen Koffer mit brisantem Inhalt. Fortan wir Allan von einem Gangsterclübchen verfolgt – was den Gangstern deutlich weniger gut bekommt als Allan. Der macht indes neue Freunde, darunter einen Elefanten, einen Melonenfälscher und einen Imbissbudenbesitzer und erlebt schier unglaubliche Abenteuer. Eine würdige Fortsetzung seines bewegten Lebens:

Allan und Herbert Einstein im Arbeitslager.
Es gibt keinen Schnaps. Da hilft nur die Flucht.
Ungünstig für Wladivostok,
dass der Flüchtling sich mit Sprengstoff
auskennt ...
Immer auf der Suche nach einem guten Essen, einem hübschen Schnaps (ein Glas Wein oder Tequila tun es auch, allerdings keinesfalls Bananenlikör) und etwas Schönem zu sprengen, hat Allan nämlich in seinen 100 Jahren immer ganz aus Versehen am Rad der Weltgeschichte gedreht oder war zumindest live und in Farbe dabei. Er speiste und trank sowohl mit Harry Truman als auch mit Stalin, landete im unerfreulich schnapsfreien Arbeitslager, freundete sich mit Albert Einsteins versehentlich von den Russen statt des berühmten Physikers entführten (und nicht ganz so smarten) Bruder Herbert Einstein an, servierte in Los Alamos Kaffee und entscheidende Tipps, überquerte den Himalaya, rettete Churchill das Leben – und erlebte noch etliche Abenteuer mehr ...

Was soll ich sagen? Anschauen! Mitspielen!

Allan lässt es gerne krachen

Ja, må du leva, ja, må du leva,
ja, må du leva uti hundrade år,
ja, visst ska du leva, ja, visst ska du leva,
ja, visst ska du leva uti hundrade år! 
Hurra, hurra, hurra, hurra!**
** Ja, du sollst leben, ja, du sollst leben/ ja, du sollst leben bis ins hundertste Jahr/ ja, klar wirst du leben/ ja, klar wirst du leben/ ja, klar wirst du leben bis ins hundertste Jahr!/ Hurra, hurra, hurra, hurra! (verbreitete schwedische Geburtstagsweise)
* Alle Bilder und der Gewinn wurden uns freundlicherweise von der S&L Medianetwork GmbH zur Verfügung gestellt

Freitag, 31. Januar 2014

BOTSCHAFT AUS DEM ALL (VERLIEBT IN SCHWEDEN, DIRECTOR'S CUT – TEIL II)

Skandal! Über ein Monat ist vergangen seit dem letzten Posting. Dafür bitte ich die treuen Leser dieses Blogs um Verzeihung. Aus diversen Gründen, die sowohl den Job als auch das Private betreffen, geht es einfach nicht häufiger im Moment (mal wieder, aber diesmal ganz besonders). Bis ich wieder etwas mehr Zeit habe, um so richtig frische Einträge zu schreiben, kommt hier darum noch einmal ein Outtake aus Verliebt in Schweden. Zum Hintergrund: Da unser Buch-Manuskript zu lang war, wurden vom Lektorat diverse Stellen auserkoren, die der Streichung zum Opfer fielen. Das folgende Kapitel hier wird den Lesern unseres Buches in Teilstücken bekannt vorkommen. Aber ihr werdet schnell merken, dass sich der Kern des Textes um etwas dreht, was ihr so im Buch nicht vorgefunden habt ... Weil das Kapitel lang ist, werde ich es in mehreren Teilen posten. Viel Spaß also heute beim ersten Teil. (Ich bitte übrigens, besonderes Augenmerk auf die wunderbaren Fotos zu legen, die uns von Thomas Johansson / TOJ Photography zur Verfügung gestellt wurden):

Ein Space-Pilz? So ähnlich.
Zum Verzehr allerdings nicht geeignet. Ganz
schlecht für die Zähne!
(Bild: Thomas Johansson, TOJ Photography)
Stella: In diesen ersten Wochen in Schweden fressen der Schwedischkurs und die Reise nach Lund die meiste
meiner Zeit. Darum komme ich nur abends zum Schreiben an der Diven-Biographie. Also arbeite ich am Wochenende mindestens einen ganzen Tag daran – meistens am Samstag, an dem ich auch für die ganze kommende Woche einkaufen gehe. Aber an einem Nachmittag am Wochenende mache ich auch einen Ausflug oder langen Spaziergang. 
   An dem freien Sonntagnachmittag vor der letzten Kurswoche spaziere ich mit Madde und Lila, dem Idefix-Hund, durch den Ängelholmer Wald, der gleich hinter dem Campingplatz beginnt und der Kronoskogen heißt, das bedeutet so viel wie „Wald der Krone“, also ein Forst, der früher dem König gehörte und heute dem Staat. Ich bin total begeistert, denn der Kronoskogen ist der reinste Märchenwald. Birken und Buchen, über die Eichhörnchen hüpfen, kleine Moore voller Farn und bemooste Baumstücke. In einem Wassergraben habe ich gerade eben sogar eine Ringelnatter gesehen! Und all das, obwohl schon ein paar Meter weiter die Dünen anfangen und dahinter der Strand. 

   „Wer war eigentlich der nette junge Mann, der dich kürzlich besucht hat?“, fragt Madde auf einmal ohne Vorwarnung und ich stolpere fast über eine Wurzel, die sich quer über den bemoosten Pfad zieht. 
   „Welcher Mann?“
   Eigentlich erübrigt sich die Frage, mein Herrenbesuch hält sich in bescheidenen Grenzen, aber man muss ja nicht gleich so bedürftig rüberkommen. 
   „Na, der dunkelhaarige Gutaussehende, der sein Fahrrad an der Garage abgestellt hat.“
   Der Montag, an dem Joakim bei mir war, war jetzt schon eine ganze Weile her. Möglicherweise hatte Madde also wochenlang über der Frage gebrütet. Oder es war ihr einfach gerade wieder eingefallen.
   „Oh, das war ein alter Freund.“
   „Ein alter Freund? Hier in Skåne?“
   „Ja, wir kennen uns aber aus Deutschland.“
   „Jaha?!?
   Jaha spricht man etwa „joha“ aus und zwar in einem Tonfall, in dem man auch „Ach! Sieh an! Sieh an!“ sagen würde. So etwas in der Art bedeutet das auch. Madde sieht jedenfalls ungefähr so skeptisch aus wie Coira. Und mindestens so neugierig.

Kommt hier gleich "Der Blaue Klaus" raus?
(Bild: Thomas Johansson, TOJ Photography)
   Doch bevor ich dazu komme, mir eine Antwort auszudenken, stehen wir plötzlich vor einem Ufo. Ein ziemlich kleines Ufo zwar, aber auch wenn es nur gut einen Meter hoch ist, ist das Ding da vor uns auf der Lichtung ganz eindeutig eine fliegende Untertasse. Also, wenn man mal davon absieht, dass sie gerade nicht fliegt und das möglicherweise auch nie getan hat. Sie sieht aus, wie ich mir ein Ufo mit ungefähr acht vorgestellt habe: Linsenförmig und mit drei Beinen. Dass ich mir ein Ufo als Kind so vorgestellt habe, liegt unter anderem an Loriots Zeichentrickmännchen „Der Blaue Klaus“, der in meiner Kindheit in der Donnerstagabend-Quiz-Show „Der Große Preis“ hin und wieder in einem eingespielten Filmchen auftauchte. Und dieses Ufo hier sieht fast exakt aussieht wie das von Klaus.
Lila, der Idefix-Hund, schießt auf das Ding zu, bellt es aufmunternd an und umrundet es ein paar Mal hüpfend und wedelnd. Offenbar überlegt sie, wie sie es am besten zum Spiel animieren kann.

   Fassen wir also zusammen: Ich stehe auf einer Lichtung in Schweden, starre auf ein Ufo in Kindergröße, denke an den „Großen Preis“, an den „Blauen Klaus“ und daran, was eigentlich aus dem Showmaster Wim Toelke geworden sein mag. Und dann denke ich daran, dass das ja schon mal wieder alles eigentlich nicht wahr sein kann, aber ungeachtet dessen ganz offensichtlich wahr ist.  
   Ich werfe einen Blick auf Madde. Die strahlt übers ganze Gesicht und sieht gerade ziemlich stolz aus  – offenbar wollte sie mich überraschen. Das ist ihr gelungen.
   „Warst du noch nicht hier?“, fragt sie überflüssigerweise. Sie formuliert das auf Schwedisch. Sehr langsam, sehr deutlich und eine Spur zu laut, als hätte ich einen Hörschaden. Seit ich den Schwedischkurs besuche, sieht sie es als ihre mütterliche Pflicht an, mir die Möglichkeit zur Übung zu geben. Auf unserem ganzen Spaziergang hat sie darauf bestanden, dass ich es zumindest immer zunächst auf Schwedisch versuche. Das ist auch nach drei Wochen Intensivkurs nicht unbedingt ein reibungsloses Unterfangen. Immerhin, einfache Sätze verstehe ich bereits oder ahne im entsprechenden Kontext zumindest ihre Bedeutung. Das Antworten ist da manchmal schon komplizierter, wenn auch nicht in diesem Fall. Hier muss ich ja einfach den Kopf schütteln. 
   Taina hatte mir an einem Abend auf der Pressereise von der Sache mit dem Ufo erzählt. Ich war überzeugt, das sie entweder zwei Wein zu viel getrunken hatte oder mich einfach veräppeln wollte. Doch sie hatte die Wahrheit gesprochen. Hier stand Beweis! 

   „Das ist kein echtes Ufo“, erklärt Madde jetzt und ich frage mich, für wie bekloppt sie mich eigentlich hält. 
   „Das ist ein Denkmal“, fährt sie fort. „Aber diese Betonmarkierungen sind in die Original-Landespuren gegossen worden.“
   Jetzt frage ich mich, für wie bekloppt ich Madde eigentlich halten soll. Doch dann fügt sie hinzu – mittlerweile ist sie ins Englische gewechselt, sie begreift wohl, dass das Thema langsam zu komplex für mein Vokabular wird: 
   „Das mit den Landespuren behauptet jedenfalls der Mann, der hier angeblich den Außerirdischen begegnet ist… Es gibt Leute, die davon überzeugt sind, dass er die Wahrheit sagt. Oder sagte, er ist kürzlich gestorben.“
   Und dann erzählt sie die Geschichte des Ängelholmer Bürgers Gösta Carlsson, der angeblich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hier einem Ufo begegnet ist. Die Außerirdischen mussten auf der Erde zwangsnotlanden, um ein totes Besatzungsmitglied zu begraben. Und zwar geschah das, als der zufällig gerade hier über diese Lichtung spazierte, wie man das natürlich mitten in der Nacht immer so macht. Die Fremden trugen uniformartige Gewänder, es gab Männer und Frauen mit flotten Haarschnitten, pulsierendes Licht und solche Sachen.

(Kleiner Einschub: Alle, die des Schwedischen mächtig sind, können die Originalstory übrigens HIER nachlesen. Um es mit Spock zu sagen: "Faszinierend!")

   An dieser Stelle macht Madde eine Pause und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung Wald. „Komm!“, sagt sie und setzt sich in Bewegung. Ich folge ihr. Ein paar Meter abseits des behaupteten Landeplatzes bleibt sie  an einer unscheinbaren Senke voll mit altem Laub stehen, die von Lila sofort schnüffelnd inspiziert wird. 
   „Tja, und hier ist es“, sagt Madde.
   „Hier ist was?“, frage ich.
   „Das Grab“, erklärt Madde und zeigt auf den Haufen Blätter vor uns, in               
   die Lila gerade völlig unbeeindruckt hineinpinkelt. 
   „Hier soll der Außerirdische begraben worden sein. Hat man aber nie gefunden.“
   „Was du nicht sagst“, sage ich.
   Und dann erzählt sie den Rest der Geschichte. Dass Gösta Carlsson die Öffentlichkeit erst Jahre später von seiner Begegnung der Dritten Art unterrichtet hat. Da könne ja bereits alles mögliche mit der Außerirdischen-Leiche passiert sein. Carlsson, der ursprünglich bei der Schwedischen Eisenbahn angestellt gewesen war und eigenen Angaben zufolge nie in seinem Leben auch nur einen Tropfen Alkohol angerührt hat, rückte jedenfalls zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt mit der Sprache raus. Nämlich ziemlich genau zu dem Zeitpunkt in den Fünfzigerjahren, als er eine Naturarznei aus Birkenpollen auf den Markt brachte, auf deren Rezeptur er nach eigenen Angaben ausgerechnet am Tag nach der Begegnung mit den Außerirdischen gekommen war. Vielleicht ein telepathisches Geschenk der Freunde aus dem All! In diesem Fall hätten die Besucher allerdings nicht nur Blütenpollen in ihrem Quadranten des Universums, sondern auch Probleme mit dem Wasserlassen, denn genau dagegen hilft das Zeug. 
    Auf alle Fälle hat Space-Gösta mit seiner alternativen Pipi-Medizin Millionen gemacht.
  „Er hatte den Spitznamen ,Pollenkönig‘“, erklärt Madde.
   Von seinen Millionen hat er dann unter anderem den ziemlich erfolgreichen Ängelholmer Eishockeyclub gesponsert und eine Eishockeyhalle gebaut. Und eben das Ufo-Denkmal, das Ängelholm um eine Touri-Attraktion reicher machte. Liverpool hat die Beatles, Tötensen Dieter Bohlen und Ängelholm hat Gösta Carlsson. Logisch, dass man da lieber nicht offen am Seemannsgarn – oder besser: Universumsgarn – von Gönner Gösta zweifelt. 
  Das sagt Madde jetzt zwar nicht so direkt. Aber sie denkt es. Setze ich jetzt einfach mal so voraus.

   Woran sie jedenfalls gerade nicht mehr denkt, als wir uns in dem rasanten Tempo, dass Madde und Lila an den Tag legen und dem ich mich notgedrungen anpasse, wieder in Richtung Zivilisation begeben, ist der dunkelhaarige Mann, der mich besucht hat.  Der gut aussehende dunkelhaarige Mann, nach dem mich alle fragen, die ihn gesehen haben. Der gut aussehende dunkelhaarige Mann, an den ich jetzt denke. Ich würde von Joakim nämlich gern wissen, was er von dieser Geschichte hält. Ganz besonders würde mich interessieren, wie er das Verhalten der Schweden zu der Ufo-Geschichte erklärt. Taina hatte mir die Story mit der Ufo-Landung etwas weniger ausführlich als Madde erzählt. Aber sie hatte es ohne Wertung getan und ohne erkennbare Ironie. Falls es da so etwas gegeben hatte, dann hatte Taina sie hinter einem undurchdringlichen Pokerface so gut versteckt, dass ich sie nicht ausmachen konnte. Madde hat sich im Vergleich dazu geradezu vehement von den Ereignissen distanziert, indem sie einmal „angeblich“ gesagt hat. Aber im Großen und Ganzen hat sie die Sache dennoch in einem neutralen „Kann sein, kann auch nicht sein“-Tonfall erzählt. 
    Nun kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass jemand bei auch nur halbwegs klarem Verstand Gösta Carlsson seine Story jemals ernsthaft abgenommen hat. Abgesehen vielleicht von diversen Ufo-Vereinen, Menschen unter zehn Jahren, Leuten, die auf einem fiesen LSD-Trip hängen geblieben sind und fanatischen Verschwörungstheoretikern. Es mag ja noch anderes Leben als das auf der Erde im Universum geben, das halte sogar ich für wahrscheinlich, wenn man sich allein die Dimensionen unserer Milchstraße ins Bewusstsein ruft. Aber dass sich dieses Leben ausgerechnet in bester Startrek-Manier in einer Blauer-Klaus-Untertasse in Ängelholm präsentiert? 
   Also ich weiß nicht.
   Da ich sowohl Taina als auch Madde für intelligent und zurechnungsfähig halte, muss es eine andere Erklärung geben. Ich frage mich also: Ist der schwedische Humor so staubtrocken, dass er nur für Eingeweihte verständlich ist? Ist es den Schweden schnurzpiepegal, ob man ihre Pointe kapiert? Einfach, weil sie sich so ins Fäustchen lachen, dass sie wieder einen Bekloppten an der Nase rumgeführt haben, ohne dass der das gemerkt hat?  Hat vielleicht am Ende sogar ein Kollektiv schwedischer Scherzkekse in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die berühmten mysteriösen Kornkreise in englische Felder getrampelt und jeden Morgen beim Aufwachen hüpfen sie seitdem kurz vor schelmischer Freude, weil ihnen noch immer niemand auf die Schliche gekommen ist? Ist Erich von Däniken gar kein Schweizer, sondern Schwede?

   Mitten in diesem Gedankengang fragt Madde plötzlich: „Machst du was an deinem Geburtstag?“
   Ich schaue sie völlig überrumpelt an. Ich kann mich nicht im geringsten daran erinnern, Madde von meinem deprimierenden „Ehrentag“ in zwei Wochen erzählt zu haben. Wieder ein Jahr älter. In einer Geschichte, die ich vor Jahren gelesen hatte, hatte die Hauptperson darüber räsoniert, dass weibliche Singles über 35 mit höherer Wahrscheinlichkeit von einer Atombombe getroffen werden, als noch einen Mann zu finden. Oder hatte es sogar „über 30“ geheißen? Allerdings hatte die Heldin diese Berechnung Lügen gestraft, weil sie natürlich doch noch Mr. Perfect gefunden hat. Rein rechnerisch verschlechtern sich dadurch meine Chancen natürlich noch enorm.
    „Woher weißt du denn das?“, frage ich
   „Aus dem Internet natürlich“, feixt Madde.
   Richtig, vor ein paar Tagen waren wir im derzeit größten der sozialen Netzwerke Freunde geworden und natürlich prangt mein Geburtstag über meinem Profil. Dass Madde direkt so genau hinschaut, damit hatte ich dann nicht gerechnet. Andererseits, wenn ich etwas genauer überlege: Ich hätte es mir denken können. Und das ist ja gewissermaßen auch sehr schön.
   „Keine Ahnung, was ich mache. Mich ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen und nicht dran denken vielleicht?“
   Madde verdreht die Augen.
   „Komm, Stella, was soll ich denn sagen? Ich bin dieses Jahr 60 geworden. Du bist noch so jung!“
   Gut, beim Begriff „jung“ kommt wohl tatsächlich auf die Perspektive an. Aus einer anderen könnte man sagen: Für Madde ist es ja nicht schlimm, dass sie nicht mehr so jung ist. Sie hat ja Börje, den muss sie nicht erst noch an Land ziehen. Und sie hat Nils und Liv. Obwohl, Liv hat sie ja eben augenblicklich nicht, weil die sich am anderen Ende der Welt rumtreibt. Vielleicht diene ich ihr da ja ein bisschen als Ersatztochter. Könnte auch nicht schaden, eine Zweitmutter zu haben nachdem meine eigene sich auch immer mehr in eine anderen Welt abdriftet, die noch weiter weg ist als Australien. Viel weiter weg. Als ich sie zuletzt besucht habe, hatte sie mich mit ihrer Schwester verwechselt. Meine Tante und ich stecken wohl in der gleichen Gefühlsschublade. Als ich sie darauf aufmerksam machte, wer ich bin, hatte sie sich furchtbar über sich selbst erschrocken. Leider sind neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer nicht dafür bekannt, sich mit der Zeit zu bessern.
   Ich seufze. Madde hat Recht. Ich sollte es feiern, dass ich ein Jahr älter werde. Dass ich lebe, gesund bin und jung. Also relativ. Wer weiß, was nächstes Jahr ist. Ob ich dann überhaupt noch lebe. Unwahrscheinlich, dass nicht, aber weiß man‘s?
   „Okay, vielleicht mach ich was“, sage ich und, einer spontanen Eingebung folgend: „Eine Gartenparty vielleicht?“
   Madde sieht vollkommen begeistert aus. 
   „Ich mache einen Pasta-Salat! Und du kannst meine Küche benutzen. Falls du einen Backofen brauchst und auch sonst.“

   Wieso kriege ich jetzt schon wieder das Gefühl, dass sie da schon viel länger drüber nachgedacht und alles bereits geplant hat? Aber egal. Es ist beschlossen: Ich mache eine Gartenparty an meinem Geburtstag. So schnell kann‘s gehen.

(Fortsetzung folgt)




Montag, 16. Dezember 2013

DAS POSTING MIT DER MAUS ODER: VERLIEBT IN SCHWEDEN – DIRECTOR'S CUT (TEIL I)

Die Maus im Haus
kann ein ganz schön großes
Ding werden
Ihr wartet vermutlich ungeduldig (?) auf ein neues Posting. Die letzte Zeit war mit plötzlichen Krankenhausaufenthalten von Familienmitgliedern, ebenso unerwarteten Diebstählen (ich wollte über die Chronologie dieser dreisten Unglaublichkeit eigentlich ausführlich bloggen, aber der Detektiv in mir hält mich ab), missverstehenden Behörden, Papierkram, Weihnachtsvorbereitungen und natürlich der Kleinigkeit namens "Arbeit" reich gefüllt. Will sagen: Ich komme derzeit nicht wirklich zum Bloggen. 

Doch als vor Kurzem in einer Expat-Facebook-Gruppe die Diskussion aufkam, wie man am besten Mäuse los wird, also nicht Moneten-Mäuse (da hätte ich keine größeren Probleme mit ...), sondern echte mit Fell – erinnerte ich mich daran, dass ich vor einiger Zeit in der Lovely-Books-Leserunde zu J.s und meinem Buch Verliebt in Schweden versprochen hatte, Outtakes aus dem Buch zu posten. Superidee, dachte ich!

Folgende winterliche Stelle aus dem "Director's Cut" ist der Kürzung zum Opfer gefallen. Wer das Buch gelesen hat, wird im letzten Absatz erkennen, wo sie eigentlich platziert werden sollte. Viel Spaß! Feedback erwünscht!



Dieses Team gab es damals noch
nicht, jedenfalls nicht als Team.
Fraglich, b das in diesem Fall was gebracht hätte:
Kater Z. verweigert jede Nahrung,
die nicht in getrockneter Knusperform daher
kommt
Stella:
„Okay, da wären wir“, sage ich in Richtung meines Beifahrersitzes, während ich in den Feldweg in einem Waldstück kurz hinter Ängelholm und einem Ort namens Strövelstorp stoppe. „Ich lass dich jetzt hier raus. Und wehe, du tauchst wieder auf. Dann ziehe ich andere Saiten auf. Und du weißt, was das heißt…“

Vom Beifahrersitz ertönt ein leises Fiepen, das ich als Zustimmung deute. Das Display im Armaturenbrett vor mir enthüllt zwei unerfreuliche Fakten. Erstens: Die Temperatur draußen liegt bei −16 ° Celsius, Tendenz fallend. Zweitens: Es ist fast halb vier Uhr morgens. Das Display verschweigt allerdings, dass dies bereits die sechste Nacht in Folge ist, in der ich braungraue Fellpassagiere durch die verschneite Gegend kutschiere. Sechs Nächte in Folge, in denen ich mich frage, ob ich eigentlich noch alle Latten am Zaun habe. Ebenso schweigt sich das Display darüber aus, dass ich morgen Vormittag um 9:45 Uhr den Zug nach Lund nehmen muss, wo ich in den Fernverkehrszug nach Stockholm umsteigen werde, wo ich dann am Abend Simon treffen soll. Folglich habe ich noch etwa drei Stunden zu schlafen, wenn ich zurück in Lucylust bin. Falls ich nach dieser Nacht- und Schneeaktion wieder einschlafen kann, heißt das und das halte ich für einigermaßen zweifelhaft.

Ich seufze tief, nehme das Plastikröhrchen mit meinem Passagier vom Beifahrersitz, gehe einen Meter in den Wald hinein, stelle das Röhrchen auf den Boden und öffne die grüne Klappe. Die Maus flitzt über den Schnee und verschwindet  im Dunkel des Unterholzes. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jetzt als Tierretter oder, ganz im Gegenteil, vollkommen herzlos fühlen soll. Kann eine Maus bei diesen Temperaturen überleben? Oder fällt sie sofort einem Raubvogel oder einem Fuchs zum Opfer? Wie würde ich mich fühlen, wenn mich jemand mitten in der Nacht mit ein paar Nüssen in ein Plastikröhrchen locken und dann kilometerweit von meiner warmen Behausung entfernt, im Wald aussetzte? Andererseits müssen ja auch Füchse und Raubvögel von irgendwas leben. 
Außerdem gibt es keine wirkliche Alternative. 

Nachdem Simon das angegessene Obst entdeckt hatte, war die Sache nach seinem Urteil klart som korvspad. Klart som korvspad heißt wörtlich übersetzt ,Klar wie Würstchenbrühe’ und es ist unschwer zu erkennen, dass der Spruch das schwedische Pendant zur sprichwörtlichen ebenso klaren deutschen Kloßbrühe darstellt. Klar war: Ich hatte mindestens einen Untermieter der nagenden Zunft. Auch das nächtliche Rascheln und Trappeln, das mich in letzter Zeit häufiger verwundert und das ich immer wieder verdrängt hatte, hatte mit einem Mal eine Erklärung gefunden. Bei einer näheren Erkundung des Häuschens hatte ich entdeckt, dass nicht nur mein Obst in Mitleidenschaft gezogen war. Meine unter dem Bett gelagerte Reisetasche war angefressen und von kleinen Häufchen übersät. Außerdem hatte ich Fetzen von Küchenlappen an verschiedenen Stellen des Häuschens gefunden – laut einer beunruhigenden Info im Internet ein bevorzugtes Mäuse-Nestbaumaterial. Des weiteren war eine Kissenhülle angeknabbert und ein Handtuch perforiert. Das waren Momente, in denen ich meine beiden Kater noch mehr vermisste als sowieso schon. 

Natürlich hatte ich Madde gleich pflichtbewusst Bericht erstattet.
„Kein Problem, wir hatten auch gerade Mäuse auf dem Dachboden, davon haben wir noch Gift übrig, das kannst du haben“, hatte sie lächelnd entgegnet.
Ich war entsetzt. 
„Gift? Um Himmels Willen,  das will ich auf keinen Fall.“ 
„Aber du musst doch etwas gegen die Mäuse machen!“. hatte sie mich beschworen. „Die machen alles kaputt! Knabbern Stromkabel an und alles.“
„Ich lasse mir was einfallen“, hatte ich versprochen. Kleine unschuldige Tiere hinterhältig zu vergiften und möglicherweise andere etwas größere unschuldige Tiere, die die kleinen unschuldigen Tiere fangen und fressen – Katzen, Eulen, Füchse, Dachse und wer sonst noch alles Mäuse auf dem Speiseplan stehen hat – auch noch mit in den Tod reißen, ging jedenfalls gar nicht. Die beste Lösung des Mäuseproblems wäre vermutlich sowieso eine Katze, aber Lucylust war umzingelt von frei herumlaufenden Hunden – neben Lila und Karlsson gab es bei der Nachbarin ein kleines schwarzes Temperamentbündel. Ich hatte Malteser ebenso wie Rottweiler gesichtet und dem Schäferhund vom (gut aussehenden) Nachbarn schräg gegenüber traute ich ohne Weiteres zu, mit Katzen kurzen Prozess zu machen. Außerdem war ja nicht zu erwarten, dass ich hier noch länger als wenige Monate residierte und wo ich anschließend landete, war ja weiterhin unklar. In so einer Ungewissheit schafft man sich kein Haustier an. 

Nein, die Maus – oder Mäuse – musste ich schon anders loswerden. Also recherchierte ich. In herkömmlichen Fallen werden die Mäuse im vermutlich seltenen Idealfall schnell und wahrscheinlich schmerzlos guillotiniert, aber allein die Vorstellung, dass das Ding nicht richtig traf und die arme Maus dann verletzt unter dem Drahtbügel hing, war genauso unerträglich wie die Giftversion. Schließlich stieß ich auf Lebendfallen. In der Annahme, nur ein bis zwei Untermieter zu haben, entschied ich mich gegen ein größeres Modell, mit dem man mehrere Mäuse auf einmal fangen kann und bestellte stattdessen ein handliches Plastikröhrchen mit Platz für jeweils eine Maus. Darin platzierte man einen Köder, zum Beispiel eine Nuss. Die Klappe ging zu, sobald der Nager sich daran zu schaffen machte. Anschließend musste man sich das putzige Tierchen lediglich noch schnappen und mindestens zwei, besser drei Kilometer weit weg kutschieren. Bei geringeren Distanzen, so las ich, finden die Kleinen nämlich nach einem mehrtägigen Gewaltmarsch problemlos ihre alte Behausung wieder. 

Freudig stellte ich meine neue Errungenschaft bereits ein paar Tage später  unter mein Bett, mit einem Stückchen Walnuss und einem Stückchen Birne als Köder. Zumindest bei der Birne war ich mir sicher, den Gusto zu treffen. 
Und dann wartete ich. 
Und wartete. 
Natürlich hatte ich einige wichtige Details nicht bedacht. So eine Maus sucht sich ihre Snacks vorzugsweise nicht, wenn ich mitten am Tag am Tisch sitze, Kaffee trinke und schreibe. In diesem Fall hätte ich meine Mitbewohner ja auch längst gesehen. So eine Maus zeigt sich auch nicht, wenn ich abends im Bett noch was lese oder morgens, kurz bevor ich sowieso aufstehen will. Nein, so eine Maus geht natürlich mitten in der Nacht auf Tour. Nach meinen bisherigen statistischen Erhebungen (beruhend auf sechs Fällen, wie gesagt, ein Ende ist noch nicht abzusehen) bevorzugt zwischen drei und halb fünf. In diesem Zeitfenster ertönte jedenfalls in den vergangenen Nächten ein deutliches ,Klack’, gefolgt von unermüdlichem Kratzen. Eine effektvolle Lautkombination wie sie schon in Hitchcocks „Die Vögel“ zur Anwendung kam. Vernimmt man so ein Geräusch in der tiefen Stille der Ängelholmer Nacht, hat man sofort einen Puls, als wenn man beim Zahnarzt eigentlich nur auf die nette Dame von der Zahnsteinentfernung wartet, dann aber statt derer Hannibal Lecter mit einer Bosch-Bohrmaschine den Raum betritt und die Tür – klack – hinter sich schließt. Die Dame von der Zahnsteinentfernung sitzt währenddessen eingeschlossen im Schrank im Behandlungszimmer und kratzt verzweifelt fiepend an der Tür. Ungefähr so einen Traum hat mein Gehirn sich nämlich schnell zusammengezimmert, bis ich endlich aufwachte. Wieder einschlafen ist mit so viel Adrenalin im Blut nicht nur ausgeschlossen, sondern auch laut Packungsbeilage der Falle unverantwortlich: Das Tier muss möglichst unmittelbar transportiert werden und soll auf keinen Fall länger als zwei Stunden in dem engen Röhrchen sitzen. Alles andere sei Tierquälerei und das ist ja genau das, was ich hier vermeiden will…

Wenige Stunden nach meiner letzten Maus-Umsiedlung sitze ich nun für etwas länger als zwei Stunden in einem etwas größeren Röhrchen der Schwedischen Eisenbahn, das nach Stockholm fährt. Die freundlich lächelnde Schaffnerin sieht aus wie Frida von Abba, doch als ich mein ausgedrucktes Online-Ticket gebe erstirbt ihr Lächeln.
„Das ist alles, was Sie haben?“ sagt sie auf Schwedisch.
Ich nicke und ahne nichts Gutes. So „problemlos übertragbar“ wie Simon meinte, scheint die Fahrkarte mit dem auf seinen Namen fest gebuchten Sitzplatz doch nicht zu sein. 
„Ich nehme an, Sie sind nicht Simon Carl Sjöberg?“ fragt sie mit leicht ironischem Unterton, während Sie mit einem perfekt manikürten Nagel auf den Namen auf dem Ausdruck zeigt. Sie wartet meine Antwort nicht ab: „Andernfalls würde ich Sie nämlich jetzt nach Ihrem Ausweis fragen, um das Ticket zu verifizieren.“ 
Ich versuche, Ihr auf Schwedisch zu erklären, dass Simon mir das Ticket geschenkt hat, verhaspele mich, fange an zu schwitzen und setze neu an. Plötzlich unterbricht sie mich mitten im Satz. Strahlend. Auf Deutsch.
„Oh, Ssie ssind aus Deutschland! Ich habe einige Ssemester in Köln sstudiert.“ 
„Da hab ich sechs Jahre gelebt.“ sage ich wahrheitsgemäß und schäme mich. Allem Anschein nach klinge ich auf Schwedisch wie Lothar Matthäus auf Englisch. 
„Ganss tolle Sstadt, Köln. Eine Ssuperatmosphäre.“
Immerhin hat mein Radebrechen die Laune der Schaffnerin merklich verbessert.
„Sie sprechen sehr gut Deutsch.“ sage ich. Ein gezieltes Kompliment kann sicher nicht schaden.

„Einen Augenblick bitte!“ sagt sie, dann verschwindet sie mit dem Ausdruck in der Hand. Es vergeht eine sehr lange Weile, in der wir an diversen Stationen halten und ich in meinem Buch – Stieg Larssons „Verblendung“ – rund 100 Seiten weiterkomme 

( ...)



Mittwoch, 20. November 2013

DET ÄR SOM DET ÄR OCH DET BLIR SOM DET BLIR* ODER: WAS NICHT ALLES PASSIEREN KANN!

Macbook und iPad aus dem Auto geklaut?
Kein Problem: Es gibt ja noch die gute alte
Schreibmaschine! 
Nachdem wir von einer *leicht* turbulenten Reise nach Deutschland zurück sind, die solche Überraschungen wie einen plötzlichen Krankenhausaufenthalt meiner - Stellas - Mama bereit hielt, sowie den an der Raststätte aus dem alarmgesicherten Auto geklauten Rothaarsteig-Rucksack von J. mit Macbook, iPad, Telefon, etc.pp.) sind wir immerhin heil wieder in Helsingborg angekommen. Und unsere Rückkehr wurde fieberhaft erwartet: J.s Tochter A. hat sehnsuchtsvoll die Tage gezählt, bis ihr geliebter Papa endlich wieder in Schweden ist und unser Kater Zingo hat vor lauter Kuschelbegeisterung völlig vergessen, dass er ja normalerweise gar nicht neben dem Kopfkissen schläftUnd meiner Mama geht es auch schon wieder besser. Das ist doch alles schon mal was! Für den Rest gilt das weise schwedische Sprichwort: Det är som det är och det blir som det blir!** Dem Kölner auch bekannt als: *Ett kütt wie ett kütt! Der Ruhrpottler sagt da schon mal ungewohnt wortreich, aber nicht weniger treffend: *Wat willze machen, kannste nix machen! 

Was ich aber eigentlich sagen wollte: HEUTE IST DER LETZTE NOMINIERUNGSTAG FÜR DEN LOVELY BOOKS-LESERPREIS! Unser Buch "Verliebt in Schweden" hat schon eine ganze Reihe Stimmen, aber bisher noch nicht genügend, um in die am 21. November, also morgen, beginnende Endabstimmung aufgenommen zu werden.

Wenn Euch also "Verliebt in Schweden" gefallen hat: Jede Nominierungsstimme zählt heute! Vielleicht schaffen wir es ja mit Eurer Hilfe doch noch in die Endabstimmung! :)

Danke an alle - und bald geht es auch hier im Blog wieder richtig weiter!


HIER GEHT ES ZUR NOMINIERUNG -> KLICK!!!


** Es ist, wie es ist und es wird, wie es wird

Montag, 4. November 2013

DIE GEWINNER DES VERLIEBT IN SCHWEDEN-FOTOWETTBEWERBS!

Ein Skål auf die Gewinner! (Es
handelt sich hier übrigens um alkoholfreie
Rhabarber-Schorle, serviert im PM & Vänner in Växjö)



Ihr wartet vermutlich schon ungeduldig auf die Bekanntgabe der Gewinner des Fotowettbewerbs. Wir haben heute kurzerhand alle Teilnehmer auf Zettelchen geschrieben und Joakim hat die Gewinner gezogen. Wir fanden nämlich alle Einsendungen charmant und hätten am liebsten an alle Preise verteilt. Darum haben wir beschlossen, dass das Losverfahren wohl doch am gerechtesten ist.

Und hier sind die (hoffentlich) glücklichen Gewinner:

Die echten Polkagrisar aus Gränna gewinnt: BENITA

Das Dalahäst mit der "Verliebt in Schweden"-Gravur gewinnt: YVONNE

Das Geschirrhandtuch mit dem Midsommarsill-Rezept gewinnt: CHRISTIANE

Das Buch mit den Kochrezepten nach Astrid Lindgren "Bei Astrid Lindgren zu Tisch" geht an: ANDREAS

Und der Sonderpreis, das neue Covenant-Album "Leaving Babylon", geht an: THOMAS

Einen ganz herzlichen Glückwunsch an die Gewinner - und noch einmal einen ganz besonderen Dank an alle Teilnehmer, wir haben uns unheimlich gefreut, dass Ihr dabei wart. Und seid nicht allzu enttäuscht, falls Ihr nicht gewonnen habt, das war sicher nicht das letzte Gewinnspiel bei uns!

Bitte schickt uns, soweit noch nicht geschehen, Eure Anschriften!

Dienstag, 15. Oktober 2013

DIE HANDWERKER VON CASA CHRISTO ODER: AUF DIE SOCKEN, FERTIG*, LOS

Wenn Häuser plötzlich BHs
wie einst Liz Taylor  tragen ...
Wir wollten ja eigentlich vergangene Woche auf die Buchmesse. Nette Verlagsleute und Kollegen treffen und uns auf Partys die Nächte um die Ohren schlagen. Doch das Schicksal hat vor unser Vorhaben den schwedischen Handwerker gesetzt. Und der schwedische Handwerker steht deutschen Buchmessen und den Notwendigkeiten des Autorenberufs mit größtmöglichem Gleichmut gegenüber.

... dann könnte es sein,
dass untendrunter was fehlt
Unser unter Denkmalschutz stehender Häuserblock wird nämlich auf Beschluss der Eigentümergemeinschaft seit ungefähr Mai renoviert. Die Kupferdächer werden mit Hochdruck gereinigt – eine nicht unbedingt geräuscharme Tätigkeit – und dann neu angemalt. Neuerdings werden auch schadhafte Fassaden mit Hochdruckmeißeln (oder wie immer das heißt) weggesprengt. Offensichtlich besitzt die Häuserwand, die direkt an unsere Wohnung anschließt, eine extrem schadhafte Fassade. Das war mir bisher nie aufgefallen, aber es muss wohl so sein, denn es hört sich zuweilen an, als wohne man im Schädel von jemandem, der gerade eine Wurzelbehandlung bekommt. Der Dachhochdruckreinigermann stimmt in der Regel auf der anderen Seite ein. Und falls mal gerade keiner Krach macht ist da natürlich das Handwerkerradio. Nicht etwa mit den Einstürzenden Neubauten – dann könnte man das Ganze fast für eine Installation halten. Nein. Da trifft Born in the USA aufs Trommelfell. The Final Countdown. Oder gar Sean Banan. Doch Flucht ist unmöglich.

Es werden nämlich nicht nur die Dächer und Fassaden, sondern auch die Fenster renoviert. Die werden dazu zunächst ausgebaut und abgeschliffen. Während der Frischluftphase wird das Fensterloch frei nach Christo verhüllt. Sobald die Fenster wieder drin sind, werden sie dann (bei geöffnetem Fenster) mehrere Male angestrichen. Bisher sind nur unsere Wohnzimmerfenster vollständig farbbehandelt, die restlichen fehlen noch. Aus sämtlichen Fenstern ist allerdings die Dichtung** raus. Das heißt unter anderem, alle Fenster müssen noch einmal ausgebaut werden, um die Dichtung** wieder einzufügen. Nun sind aber "unsere" Fensteranmaler seit einiger Zeit abgetaucht – und seit ihrem Verschwinden war jederzeit mit ihrem erneuten Auftauchen zu rechnen. Darum musste immer mindestens einer von uns da sein, um zu verhindern, dass wir hinterher einen volltrotteligen Wohnungskater weniger haben. Der würde in der freien Wildbahn nämlich ein Mäuseloch anschnurren, bis die Maus ihm sein Trockenfutter serviert.

Wie man an der Farbe der Belaubung erkennt,
entstand dieses Bild vor mehreren Wochen, denn ...
Doch heute morgen hat J. einen der Anstreicher im Hof entdeckt. Der schaffte es nicht rechtzeitig, sich zu verstecken und wurde von J. zur Rede gestellt. Der Handwerker erklärte, es sei frühestens in zwei Wochen mit fensterlichem Weiteranstrich zu rechnen. Während die Wegmeißler und vor allem der Hochdruckmann mit seiner Tropferei an "unserem" Haus beschäftigt seien, sei das Anstreichen nämlich unmöglich. Nach der Bemalung müsse dann die Farbe trocknen. So Pi mal Daumen einen Monat. Dann könnten auch die Dichtungen** wieder rein. J., der mitgerechnet hatte, merkte höflich an, dann sei es ja bereits so ungefähr Anfang Dezember. Also möglicherweise kalt. Schweden und so. Daraufhin bekam er den wertvollen Tipp, zusammengerollte Decken vor die Fenster zu legen. Man lernt nie aus!

Nun, wenn die Handwerker zurückkommen, dann weiß ich immerhin, dass ich an ihnen wieder ein faszinierendes Phänomen beobachten kann: Egal, welcher schwedische Handwerker oder Dienstleister unsere Wohnung bisher betreten hat, ob Fensteranmaler, Elektriker, Badezimmerschimmelbegutachter – sie alle kamen herein und schlüpften zuallererst aus den Schuhen. Egal, ob sie sich eine Stunde oder nur eine Minute in der Wohnung aufzuhalten gedachten. Während man in Deutschland nach Handwerkerbesuch je nach Wetter ja schon mal die Bude grundreinigen kann, nimmt der schwedische Handwerker sich die Zeit für diese kleine rücksichtsvolle Geste. Wie alle Schweden, denn hier gilt: In Privatwohnungen werden die Schuhe ausgezogen.

... heute geht die Färbung
eher in  diese Richtung
(Foto: J. Montelius)

Insbesondere Schwedenbesucherinnen sind darum gut beraten, ihr Outfit beim Aufsuchen privater Partys nicht ausschließlich auf die Christian Louboutin-High Heels abzustimmen. Sondern darauf, dass das modische Ensemble auch mit Gästepantoffeln aus Filz oder dicken Socken funktioniert (die man im Idealfall selber mitbringt). Auch das rechtzeitige Entsorgen löchriger Strumpfwaren ist aus diesem Grund angeraten, andernfalls steht man dann zur Abwendung größerer Peinlichkeiten schon mal barfuß da. Ich spreche da aus Erfahrung, wie in diesem empfehlenswerten Buch im Kapitel 10 nachzulesen (übrigens eins meiner persönlichen Lieblingskapitel!)

Eine weitere Besonderheit schwedischer Handwerker ist übrigens, dass man ihnen gar nicht erst mit der Frage zu kommen braucht, ob sie eine Tasse Kaffee haben wollen. Für Schweden ist die fika, die Kaffeepause, derart überlebensnotwendig, dass jeder Handwerker – wie auch jeder Schwede, der mehr als etwa eine Stunde von seinem Heim entfernt ohne unterwegs Kaffeekochmöglichkeiten zu haben – ohnehin seine eigene Thermoskanne Kaffee dabei hat. Die Handwerkergang hier hat allerdings  ein Zelt mit einem eigenem Kaffeekocher. Da gerät man natürlich ins Grübeln.

Zum Beispiel über die drängenden Fragen des Augenblicks: Wann werde ich endlich wieder Handwerkersocken und zu Gesicht bekommen, deren Besitzern ich keinen Kaffee anbieten kann? Wann werden die Handwerkersocken sich endlich nach getaner Arbeit auf sich selbst machen? Werden J. und ich es zur frühjährlichen Buchmesse in Leipzig schaffen? Wir werden sehen!

Stay tuned!


*oder eben gerade nicht 

** Der aufmerksame Verliebt-in-Schweden-Leser Sebastian Risch machte mich darauf aufmerksam, dass das von mir anfangs laienhaft verwendete Wort "Isolierung" falsch sei, da Isolierung das Resultat einer gut funktionierenden Dichtung sei und nicht mit selbiger identisch. Eigentlich vollkommen logisch, aber wie soll man bei dem Krach noch logisch denken können? Vielen Dank für den Hinweis, lieber Sebastian, die Sache wurde verbessert. Hier soll ja alles seine Richtigkeit haben!