Mittwoch, 10. Februar 2016

VERSEMMELT ODER: WAS VOM TEIGE ÜBRIG BLIEB (MIT REZEPT!)

Komischer Vogel? Bienenstich beim Crossdressing?
Nein!
Gestern war fettisdag, der "fette Dienstag", die schwedische Version des Veilchendienstages. Das feiert man allerdings nicht mit Umzügen und – erstaunlicherweise – auch mal nicht mit Besäufnissen zu Hering und Knäckebrot oder mit dem Tanz um verschiedene begrünte Phallussymbole, wie es zu Mittsommer und Weihnachten der Fall ist. Nein, das bedeutet eigentlich nur, dass die Schweden neben der obligatorischen Zimtschnecke (oder der von mir bevorzugten Kardamomschnecke) ein weiteres Hefeteilchen rituell zum Kaffee verzehren, nämlich die semla.

Da ja am Aschermittwoch, der hier auch so heißt, nämlich askonsdag (was aber kein Mensch weiß) die Fastenzeit beginnt (worum sich kein Mensch schert), gab es früher am fetten Dienstag, quasi zur Bevorratung im körpereigenen Fettspeicher, dieses etwas reichhaltigere Gebäck, das bei Weight Watchers vermutlich jede Punkteskala sprengt und dessen Verzehr einen jeden dort registrierten Kaloriensünder tatsächlich zum Fasten bis Ostern verdammt. Das Problem dabei ist, dass die Hefekugeln mit Marzipan-Kardamom-Füllung und Sahne einfach verdammt lecker sind.

Logisch, dass auch wir ein paar richtig gute semlor backen wollten. Nach einer kurzen Runde bei Frau Google fand ich ein Blog namens matgeek, der "Essensgeek", dessen Betreiber Johan Hedberg ein Rezept für "perfekte, luftige semlor" versprach. J. war sofort begeistert, alles, was in irgendeiner Weise als geekig beschrieben wird, genießt bei J. besonderes Vertrauen. Das Rezept dort ist mit jeder Menge Hinweisen ausgestattet wie man die semlor zubereitet und was man auf gar keinen Fall tun sollte und was möglichst zu vermeiden ist. Der Typ schien sich auszukennen. Also los.

Selbst gebackene semlor! Hier fehlt allerdings noch was.
Nur was?
J. machte mit der auf sein Engagement hin erworbenen neuen alten Hochleistungs-Küchenmaschine (Electrolux Assistent von 1973) den Anfang und kümmerte sich um den Teig, mörtelte Kardamom, wog ab, ließ den Assistenten kneten und den Teig wiederholt gehen. Es lief alles spitze – bis er mich bat, die semlor mit zu "drehen". Wenn man sie nämlich nur forme, so Geek Hedberg, hätten die Dinger weniger Spannkraft. Nun stand in der Anleitung, man müsse die Teigstücke erst flach drücken, dann eine hohle Hand formen und so kleine Kreise beschreiben, um einen perfekten Ball zu formen. Sagen wir so: In der neunten Klasse hatten wir mal eine Sportreferendarin namens Regina, die uns zu Bändergymnastik mit Pirouetten zwang. Ungefähr so gut wie damals konnte ich mir vorstellen, was ich zu tun hatte. Nämlich gar nicht. Dementsprechend wurden meine ersten semlor eher Frisbees – bis ich bei J. spickte. Der zauberte nämlich ein rundes Bällchen nach dem anderen (und hat bestimmt heimlich ein Anleitungsvideo geguckt!)

Nach dem Backen waren die Bälle allerdings zu gewöhnlichen milchbrötchenartigen Flachmännern auseinander gelaufen, die außerdem an den Rändern zusammenklebten, sodass beim Auseinanderzupfen ovale Auseinanderzupfstellen entstanden wie der Rheinländer das z.B. von in Reihen gebackenen Weckmännern kennt – im Semla-Zusammenhang eine Katastrophe! Aber man muss das positiv sehen: Ganz so katastrophal wie mein erstes Sauerteigbrot war es dann doch nicht und die noch ungefüllten Ex-Kugeln schmeckten tatsächlich großartig, Testesserin M. kann das bestätigen.

J. war am Nachmittag verhindert, ich mit M. (und Z.) allein zu Haus. Nach einem nachmittäglichen schönen Meerspaziergang mit M. war ich höchst kaffeedurstig und semmelsugen – will sagen: hatte Lust auf semlor. Es galt, nur noch flott die Füllung zusammenzuschmeißen und in die Dinger zu praktizieren. J. hatte freundlicherweise bereits die Vanillemilch vorbereitet, die die Füllung cremig machen sollte. Das Ganze war also ein Klacks. Dachte ich. Bis ich feststellte, dass wir nur 200 Gramm Marzipanrohmasse im Hause hatten und nicht 500 g wie im Rezept angegeben. Kurz überlegte ich, die soeben erst aus Overall, Schal, Mütze Handschuhen und Winterschuhen geschälte M. wieder einzupacken und "mal schnell" zum Supermarkt zu eilen, dann dachte ich: Ach was!

Wir hatten schließlich schon heimlich ein paar semlor ohne Füllung verspeist und J. und ich mögen Marzipan sowieso eher in dezenten Mengen (anders als der durchschnittliche Schwede, der gerne alles und jedes Gebäck mit einer Marzipanschicht überzieht, wie z.B. die aus meiner Sicht nahezu ungenießbare, giftgrüne so genannte Prinzessinnentorte), darum beschloss ich, dass 200 g reichen. Ich halbierte also die im Rezept für die Marzipanfüllung angegebene Menge Kardamom, mörserte jenen und versuchte, das heftig duftende Gewürz mit der störrischen Marzipanmasse zu vermengen. Das klappte schon mal, äh, gar nicht so gut, aber ich vertraute auf die später hinzugefügte Vanillemilch – auch hier verwendete ich nur die Hälfte – die dann auch tatsächlich die Geschmeidigkeit erhöhte. Die gehackten Mandeln ließ ich weg, schließlich sollte auch M. von den semlor kosten können (Kleinkinder dürfen keine Nüsse essen, auch nicht gehackte solche, da die Nüsse bzw. deren Stücke die Luftwege verstopfen können.)

Ich stellte den Puderzucker bereit und schälte schnell eine Birne, die zwar nichts mit den semlor zu tun hatte, aber M. war mittlerweile ebenfalls hungrig. Dann schaute ich schnell im Schrank nach der sternförmigen Spritztülle, mit der später die Sahne in die semlor gespritzt werden sollte, das Rezept ließ da keinen Spielraum. Dabei fiel mir leider eine alte, dort für die Mülltrennung seit nur ein paar Monaten bis Jahren vorgelagerte Glühbirne aus dem Schrank, die in tausend Teile zersprang (es war eine ganz alte ohne Quecksilber, keine Sorge – inzwischen haben wir übrigens überall schon LEDs). Ich bugsierte M. nur schnell in ihren Hochstuhl und fegte schnell die Scherben weg, malte dabei nur nebenbei schnell – da von M. mit Nachdruck gefordert – eine Schnecke auf die am Boden liegende Tafel und wandte mich dann ohne sternförmige Spritztülle wieder schnell der restlichen Arbeit zu.

Ich machte mich ans Ausschneiden der Deckel, die dreieckig zu sein haben – auch da war das Rezept sehr fordernd, da alles andere auf faule Bäcker hindeute – und pulte dabei ein wenig Innenmasse aus den semlor. Diese Masse rührte ich unter die Füllung. Dann schlug ich die Sahne. Als M. der Sahne gewahr wurde, wurde sie ganz wild – sie ist sämtlichen Milchprodukten von Herzen zugetan – und ich sah mich gezwungen, ihr schnell ein wenig Sahne in ein Schälchen zu füllen, das sie sogleich vergnügt mit den Fingern im Mund sowie im Haar und auf dem Gesicht verteilte. Um diesem Tun nicht zu viel Raum zu geben und damit das Kind auch noch etwas Vernünftiges in den Magen bekam, schmierte ich noch schnell in Butterbrot, das ich würfelte und Martha zusammen mit den verbliebenen Birnenstückchen servierte, was aber nur zu einem Brot-Birnen-Weitwurf-Spektakel führte, worauf ich mich gezwungen sah, die Munition zu konfiszieren und jeweils einzeln anzubieten.

Wo war ich? Ja, genau: Ich füllte die Marzipanfüllung in die semlor – wider Erwarten hatte ich nicht zu wenig davon, sondern die Menge war absolut lagom (schwedisch für: genau richtig). Johan Hedberg scheint zu den Marzipanomanen zu gehören, ich weiß nicht, wohin er seine 500 g Marzipanmasse hinverteilt, aber vielleicht gehen seine semlor ja auf das doppelte Volumen unserer auf. Dann nahm ich einen Gefrierbeutel, von dem ich einen ausdrücklich nicht sternförmigen Zipfel abschnitt und die Sahne einfüllte. Mit dessen Hilfe applizierte ich die Sahne in, sagen wir, interessanten Bahnen auf den semlor, die mich irgendwie an dieses Buch denken ließen (der Zipfel war wohl etwas zu großzügig abgeschnitten worden).

Ich war inzwischen so hungrig, dass ich vergaß, die semlor mit Puderzucker zu bestäuben und machte ich mir einen koffeinfreien Kaffee. Eigentlich mag ich koffeinfreien Kaffee nicht besonders, es war aber inzwischen fast 19 Uhr und ich wollte endlich meine fika – so heißt in Schweden die Kaffeepause mit Gebäck – haben. So!

(Hier Pause einfügen!)

Die Bestäubung holte ich erst nach, als M. im Bett war und auch erst, nachdem der inzwischen heimgekehrte J. mich darauf hinwies. Ich hatte es in meiner Erschöpfung nämlich immer noch nicht bemerkt. J. fand, die von mir gestalteten semlor sähen irgendwie aus wie die Dalek-Armee aus Dr. Who, mich erinnerten sie eher an gewisse Ritterkollegen des großartigen Ritter Rost (Ritterkollege rechts, Ritter Rost links) oder an einen liebestollen Vogel.

Genau, der Puderzucker!
Das Ergebnis konnte sich schmecken lassen – am perfekten Äußeren wird
 nächstes Jahr weitergearbeitet.
Auf alle Fälle heißt es jetzt, ganz nach dem Motto der Dalek "Exterminate!" (natürlich nur die semlor). Wobei ich vor Anbruch der Fastenzeit genau eine semla schaffte und J. eine halbe. Mal wieder Glück gehabt, dass wir weder katholisch (oder sonst was) sind noch bei den Weight Watchers angemeldet, denn bis Ostern halten die Dinger sicher nicht. Damit stehen wir nicht allein, denn  hier in Schweden sind auch noch Wochen nach Aschermittwoch überall semlor erhältlich – das zum Thema Fastenzeit.



Und hier das leicht stark gekürzte und leicht modifizierte Rezept für mehr oder weniger
PERFEKTE SEMLOR 
(frei nach diesem Rezept – hoffentlich kommt Bloggbetreiber Johan nie hier vorbei, der fällt glatt in Ohnmacht, wenn er sieht, wie unsere semlor im Vergleich zu seiner Angebersemmel aussehen.)

für ca. 15 Stück

Vorteig:
10 g frische Hefe
250 g (2,5 dl) Milch
300 g (5 dl) Weizenmehl
13 g (1 EL) Zucker

Hauptteig:
210 g (3,5 dl) Weizenmehl
1 mittelgroßes Ei
1 g (1 Messerspitze) Salz
8 g (ca. 1 EL) frisch gemörserte Kardamomsamen
100 g zimmerwarme Butter
100 g Zucker

Füllung: 
1 Vanillestange
100 g (1 dl) Milch
25 g geschälte Mandeln (wir: ohne)
500 g Marzipanmasse mit mind. 50% Mandelanteil (wir: 200 g für etwa 10 semlor, die restlichen 5 Brötchen wurden ohne Füllung verspeist, ich empfehle 350 g für 15 semlor, das reicht dicke)
2 g (1 TL) frisch gemörserte Karamomsamen (bei weniger Mandelmasse die Menge entsprechend anpassen)
Brösel aus dem Inneren der ungefüllten semlor

Garnierung:
5 dl Sahne (wir: entsprechend weniger, da nur 10 semlor zu besahnen waren)
Puderzucker

1. Hefe in die Schüssel der Küchenmaschine zerbröseln. Milch auf 37 Grad erwärmen, in die Schüssel kippen und umrühren bis die Hefe sich aufgelöst hat.
2. Mehl und Zucker hinzufügen. In der Küchenmaschine auf mittlerer Stufe etwa 7 - 10 Minuten kneten. Das Ergebnis ist noch recht lose, zieht aber Fäden. Das Kneten mit der Hand dauert länger oder erfordert mehr Kraft. Oder beides.
3. Die Schüssel mit Frischhaltefolie abdecken, um die Feuchtigkeit zu bewahren. Warm stellen.
4. Den Teig gehen lassen bis er Blasen wirft, etwa 90 Minuten, was aber von Luftfeuchtigkeit und Temperatur abhängt.
5. Die Zutaten des Hauptteiges hinzufügen und mindestens 10 Minuten in der Küchenmaschine kneten. Der Teig soll glänzen und Spannkraft haben. Abdecken und bis auf die doppelte Größe aufgehen lassen. Dauer: etwa 2,5 Stunden.
6. Teig auf ein Brett geben, auf dem sich entweder kein oder nur eine hauchdünne Schicht Mehl befindet. Den Teig in 14 - 15 Stücke teilen. Jedes Stück sollte etwa 60 g wiegen.
7. Je ein Stück auf das Brett legen. Eine hohle Hand machen und Teig herunterdrücken. Die Hand in kleinen Kreisen bewegen, während man sie peu à peu nach oben bewegt, damit der Teig sich erheben kann. Nach einigen Sekunden hat man (im Idealfall) eine perfekte Kugel. Wenn nicht, ist auch nicht so schlimm. Schmeckt trotzdem.
8. Die Kugeln auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Über Nacht lose mit Frischhaltefolie abgedeckt in den Kühlschrank stellen. Am nächsten Tag nimmt man das Blech heraus, warten, bis der Teig Zimmertemperatur angenommen hat und ihn dann etwa 90 Minuten gehen lassen. Nach ca. 30 Minuten den Backofen anmachen (siehe Punkt 9).
9. Den Backofen schon etwa eine Stunde vor dem Backen auf 240 Grad aufheizen, damit die Temperatur beim Backen stabil ist.
10. Eine hitzeresistente Schale mit etwa zwei bis drei Dezilitern Wasser auf den Boden des Backofens stellen.
11. Die Kugeln in die Mitte des Ofens schieben. Dort etwa 12 - 15 Minuten belassen. Sie sind fertig, wenn sie goldbraun und – es folgt eine Info für alle mit Backthermometer – innen etwa 97 Grad Celsius warm sind.
12. Füllung:
- Die Vanillestange teilen und auskratzen. Stange und Samen in die Milch geben.
- Aufwärmen, bis alles fast kocht. Dann mindestens eine Stunde stehen lassen, am besten über Nacht. Die Vanillestange herausnehmen.
- Die Mandeln grob hacken. (Wenn kleine Kinder mitessen: Mandeln weglassen!)
- Den Kardamom mörsern.
- Die Marzipanmasse, Mandeln und den Kardamom grob vermischen (im Originalrezept steht: bis alle Klumpen beseitigt sind, das erfordert aber unverhältnismäßig viel Kraft und Zeit, die man sich sparen kann, weil wir im überübernächsten Schritt Milch hinzufügen, die alles geschmeidig macht.)
- Aus den semlor mit einem richtig scharfen Messer einen dreieckigen Deckel ausschneiden (ein runder geht auch, ist einfacher).
- Die semlor unter dem Deckel leicht aushöhlen, den herausgelösten Teig in die Schüssel mit den Füllungszutaten bröseln.
- Die Füllung mit der nach und nach hinzugegebenen Vanillemilch glatt rühren bis sie cremig, aber nicht flüssig ist.
13. Sahne schlagen (in Schweden immer ohne Zucker!)
14. Die Füllung in die einzelnen semlor geben. Dann die Sahne mit einer sternförmigen Tülle (oder auch einer nicht sternförmigen Tülle oder auch einem Gefrierbeutel, an dem eine nicht zu große Ecke der Einfachheit halber nicht sternförmig abgeschnitten ist) dekorativ auf die Semlor spritzen.
15. Den Deckel aufsetzen und jede semla mit etwas Puderzucker bestäuben.

Kaffee kochen. Genießen.






Samstag, 29. August 2015

WESTSKÅNE FÜR ANFÄNGER, TEIL 2: HÖGANÄS – GEHEIMTIPP IM SCHATTEN DES KULLABERGES

Nicht weit von hier, etwa zwanzig Minuten mit dem Auto oder eine halbe Stunde mit dem Bus, liegt das hübsche Küstenstädtchen Höganäs im – bildlich gesprochenen und manchmal auch tatsächlichen – Windschatten des bekannteren Kullaberges. J. ist dort geboren und hat dort seine ersten Lebensjahre verbracht. Früher war der Ort ein Fischerdorf, später baute man hier Kohle und Ton ab – so wurde Höganäs zur Keramikhauptstadt Schwedens. Keramik aus Höganäs ist in ganz Schweden und darüber hinaus ein Begriff für formschöne Qualität.

Kvickbadet in Höganäs
- familienfreundlicher geht's nicht

Einer meiner Lieblingsplätze dort ist seit einiger Zeit die Höganäs Saluhall, eine in einer ehemaligen Keramikfabrik von 1835 untergebrachte Markthalle. Sie versprüht den gleichen Charme, den man auch in diversen Weltstädten an Stadtteilen schätzt, in denen einst mal irgendwas kernig Arbeitermäßiges gemacht wurde. Nun ist Höganäs (zum Glück) nicht New York City, das mit dem Charme funktioniert trotzdem ganz hervorragend – und zwar ganzjährig!

Ein Vulkan? Nein,
ein ehemaliger Keramikofen im Restaurant
der Saluhall in Höganäs

In der Höganäs Saluhall kann man zwischen 11 und 14 Uhr (samstags 12 − 15 Uhr, sonntags Brunch 12 − 15 Uhr) vorzüglich und preisgünstig speisen. Die meisten Rohwaren werden – so versicherte uns der Koch bei Landwirten aus der näheren Umgebung gekauft. Das servierte Fleisch stammt, wenn es auch nicht immer bio ist, von Tieren, die die saftigen Wiesen rund um den Kullaberg genießen durften.

Saftige Wiesen in Lerhamn zwischen
Höganäs und Mölle

Aber es muss ja auch kein kein Fleisch sein: Vegetarier und Veganer werden hier am Mittagsbuffet aufs Köstlichste an gedünstetem Gemüse, knusprigen Kartoffeln, Salaten und Früchten satt. So gut schmeckt hier übrigens alles, dass das Restaurant jüngst in Schwedens Gastronomieführer White Guide empfohlen wird. Seit Neuestem gibt es an manchen Samstagen zum Mahl sogar Live-Jazz

Schmeckt ausgezeichnet!

Poppig – nicht nur die Farben!


Auch an den schwedischen Markt adaptierte
deutsche Qualitätsprodukte sind hier zu

bekommen – neben schwedischen godis, wie man süße Sachen
hier nennt. Könnte man in etwa mit
"Leckerchen" übersetzen.


Die Architektur der Markthalle:
Runde Sache mit Durchblick!
Und dann erst die Innenarchitektur: Das Restaurant liegt im ersten Stock und ist rund um die alten Keramiköfen angelegt, die wie bizarre Vulkane in den Raum ragen. Der Küchenchef und seine fleißigen Helfer residieren auf einer Art DJ-Kanzel hoch über allem. Große runde Aussparungen und Fenster im Fußboden geben den Blick auf die Etage darunter frei. Dort kann man, wenn man es vorzieht, selber zu kochen, die Rohwaren aus der Umgebung erwerben – nebst schwedischen und internationalen Delikatessen, fast alles bio. Selbst mein Lieblingssalatgewürz „Wilde Hilde“ bekommt man hier – als Vilda Hilda (was, wie ich finde, irgendwie noch besser klingt).
Außer der Markthalle gibt es noch ein Café, eine kleine Keramikmanufaktur und jede Menge schöne Lädchen – mit stilvollen, speziellen und echt schwedischen Dingen. Hier findet man immer Mitbringsel für die Lieben daheim (in unserem Fall sind wir das selbst).

Der Schwede als solcher
muss jederzeit Zugang zu Koffein haben:
Natürlich gibt's auch
 in der saluhall in Höganäs eine
Fika-Möglichkeit
Nach dem Speisen und Shoppen empfiehlt sich unbedingt noch ein Abstecher an den Strand: Das Kvickbad (kvickbadet) ist der Stadtstrand in Höganäs. Das Bild hinter dem Link ist übrigens nicht repräsentativ, so voll ist es dort nie und man sieht auch überhaupt nicht, wie schön es da ist – aber das war der einzige Link mit (kreativ-)deutschem Text, den ich finden konnte.


Höganäs – Strand
Der Strand ist besonders bei Familien mit Kindern beliebt, weil das Wasser hier direkt am Strand so flach und darum so warm ist, dass auch Kleinkinder im (Spät-)Sommer gemütlich und gefahrlos wie in einer Badewanne plantschen können (natürlich trotzdem nur unter Aufsicht!)  M. hat hier zum ersten Mal mit ganz großer Begeisterung im Meer gebadet. Eine Wasserrutsche begeistert wiederum die etwas größeren Kinder (siehe Bild ganz oben) und wer etwas weiter hinaus watet, kann natürlich auch richtig schwimmen.

Kurz: Wer nach Westskåne reist, wird – vielleicht auf dem Weg zum Kullaberg und nach Mölle – von einem kleinen Abstecher nach Höganäs sicher nicht enttäuscht!

Platsch!

Apropos Kinder: Ab sofort fließen alle Flattr-Einnahmen dieser Seite in ein Hilfsprojekt zweier bewundernswerter Britinnen. Rachel und Sue helfen in Eigeninitiative Flüchtlingen – Kindern, Frauen und Männern – die aus Syrien, Afghanistan, Pakistan u.s.w. ausgezehrt, traumatisiert, halb verdurstet und verhungert mit Booten auf der griechischen Insel Kos ankommen. Diese Menschen glauben nach einer anstrengenden und gefährlichen Flucht, sie hätten es geschafft – doch weit gefehlt! Weil die Infrastruktur auf der abgelegenen Insel schlecht ist, Griechenland kein Geld hat und die Einheimischen mit den Flüchtlingen lieber nix zu tun haben wollen – aus Angst um Einnahmen aus dem Tourismus – geht das Elend weiter: die Leute stehen zum Teil kurz vor dem Verhungern! Kranken, ausgezehrten Menschen, darunter Schwangere, Säuglinge, Kleinkinder und Folteropfer, wird medizinische Hilfe verweigert. Die Menschen kommen nicht weiter, sie stranden buchstäblich auf Kos. 
 In dieser Misere helfen Rachel und Sue. Sie spenden: Wasser und Nahrung, Windeln, Stilleinlagen, Seife, Hygieneartikel, Sonnencreme, Sonnenhüte, Kleidung, Medikamente, Tickets zur Weiterreise, praktische Hilfe u.s.w. Aber vor allem spenden sie menschliche Nähe, Trost und Hoffnung. Die beiden waren gerade eine Woche auf der Insel, in der sie täglich jeden Morgen 500 Britische Pfund allein für Nahrung und Wasser für die Flüchtlinge ausgegeben haben. Im Oktober werden sie wieder hinreisen: diesmal für einen ganzen Monat. Sie möchten dann ein altes Haus auf eigene Kosten wieder auf Vordermann bringen und dieses zu einem Hilfs-Hostel umwandeln. Sie suchen dafür übrigens noch Freiwillige. Bis sie wieder nach Kos kommen, haben sie mit örtlichen Händlern alles geregelt, dass den Menschen auch in ihrer Abwesenheit geholfen wird – aber dazu müssen die Spenden weiter fließen. Dabei möchten wir helfen. Also: Flattert alle, was das Zeug hält!

Hier kann man auch direkt spenden – und hier auf ihrer Facebook-Seite erzählt Rachel von ihren Erlebnissen.
!






Sonntag, 16. August 2015

WESTSKÅNE FÜR ANFÄNGER. TEIL 1: HELSINGBORGS STRANDPERLEN

Wie Ihr wisst, leben wir in Helsingborg, in Schwedens südlichster Provinz Skåne. Es gibt Leute, die finden Skåne nicht so richtig schwedisch, weil es zwischendurch mal zu Dänemark gehört hat, man relativ sicher vor Autounfällen mit Elchbeteiligung ist, es außer roten Holzhäusern noch andere Gebäude gibt und die Vegetation deutlich variationsreicher daherkommt als Nadelbaum an Birke. Anhängern dieser Logik empfehle ich mal einen Blick auf die europäische Geschichte. Da gibt es dann nämlich alles mögliche, was „nicht so richtig irgendwas“ ist, was übrigens auch sämtlichen Nationalismus ad absurdum führt. 
Wer nun deswegen immer nur durch Skåne hindurchfährt, um ins vermeintlich „richtige“ Schweden zu gelangen, dem sei gesagt, dass die dort, im „richtigen“ Schweden, Lebenden – also irgendwo im Norden – gerne ihre Ferien im „unrichtigen“ Süden verbringen: in Skåne. 
Und das hat Gründe. 
Hiermit beginne ich darum feierlich die Blog-Serie: Westskåne für Anfänger.

Strand an Volleyballnetz, einsam
Fangen wir der Einfachheit halber mal mit Helsingborg und dort mit unserer nächsten Umgebung an. Wir leben im Stadtteil Tågaborg, das liegt im Nordwesten der Stadt, ziemlich nah am Strand. Der allein ist schon mal ein Spitzengrund, Helsingborg aufzusuchen. Wenn alle Schweden Ferien haben, also im Juli, ist der auch schon mal voll – allerdings nie so vollgepfropft wie ich das von deutschen Badeseen kenne. Ab Mitte August, wenn Schule und Uni wieder beginnen, hat man hier fast immer den ganzen Strand für sich – mit feinem Sand, Volleyballnetzen und bryggor, wie man die Badestege nennt, von denen aus viele Schweden ihren täglichen dopp machen.

Das machen wir natürlich auch.  J. hat sich in diesem Jahr bisher meistens „nur“ gedoppt, ist also kurz untergetaucht und dann wieder an Land gestiegen, weil ihm das Wasser noch zu kalt war. Ich aber bin die vergangenen Wochen fast jeden Tag im glasklaren Wasser des Öresunds geschwommen. Einen halben Kilometer oder mehr. Allerdings ziehen wir es vor, vom Holzdeck an der Strandpromenade vor der großen öffentlichen Wiese Gröningen über die langen Treppen ins Wasser zu steigen.  Gröningen wurde übrigens in diesem Jahr sehr gelungen nach einer Entgiftung des Untergrunds neu angelegt, u.a. mit neuen Boulebahnen. Außerdem gibt es hier freien W-LAN-Zugang.

Hach, ist der Rasen schön grün!:
Gröningen – "das Grüne" – mit dem Spielplatz.
Die Wiese dehnt sich links noch deutlich weiter
aus. Sie wurde in diesem Jahr komplett neu angelegt
und der Grund darunter, früher mal eine Güterzuganlage,
vollständig entgiftet. 
Unser Swimmingpool.
Hinten rechts im Bild: Kallis.
Im Wasser vor dem Holzdeck gibt es nach meiner Erfahrung deutlich weniger Algen und Seegras als am Strand. Ich vermute, weil das Zeug an den Wellenbrechern vor Kallis hängen bleibt bzw. zurück ins offenere Meer verwirbelt wird. Kallis ist ein Kallbadhus, wörtlich übersetzt also ein "Kaltbadehaus".  Es handelt sich dabei um eine öffentliche Sauna, nach deren Benutzung man sich im Meer abkühlt (von meinen, also Stellas, Abenteuern als ich zum ersten Mal eine schwedische Sauna betrete, können Interessierte übrigens hier erfahren). Ganz anders als in anderen schwedischen Saunen hat Kallis sogar einen Familientag, an dem Männlein und Weiblein nicht nur gemeinsam, sondern auch in Beleitung ihrer Kinder saunieren können. Das wird natürlich spätestens im Herbst von uns ausprobiert – Bericht folgt dann.
Im Moment ist mir eine Sauna allerdings deutlich zu hoch temperiert. Das kühle Wasser des Öresunds kommt mir bei der Wärme der vergangenen Wochen gerade recht und die Möglichkeit, etwas für meine Ausdauer zu tun, ohne einen Kreislaufkollaps zu riskieren. Man kann parallel zur Strandpromenade wunderbar Bahnen ziehen, ohne die geringste Gefahr zu laufen in die Strömungen zu geraten, die weiter draußen leider das Baden mitunter gefährlich werden lassen. Außerdem kann man hier als Erwachsener fast überall mit den Füßen den Grund erreichen.

Direkt neben Kallis liegt nicht nur eine sehr schöne Minigolfbahn, sondern auch das Sillen & Makrillen – übersetzt heißt das „der Hering und die Makrele“ – ein Restaurant, in dem nicht nur die Aussicht, sondern auch das Essen ziemlich gut ist. Neuerdings wird es sogar in Schwedens Gourmetführer White Guide empfohlen.

Fischig-Köstliches im Sillen & Makrillen.
Links: Röding (Saibling) auf Dillkartoffeln mit Spinat
Mitte: Garnelen mit Brot aus Eigenproduktion
Rechts: Matjessill auf dunklem Brot

Zwar ist das Vergnügen nicht ganz billig, aber schon die Aussicht durch die Panoramafenster ist ein Erlebnis. Außerdem hat Sillen & Makrillen ganzjährig geöffnet, was leider für einen anderen Liebling von uns, das etwas günstigere und familiärere Barfota by the beach, das direkt auf dem Strand liegt, nicht gilt. Wer nicht so viel Geld hat oder ausgeben möchte, der genießt eben abends ein Bier auf der Terrasse des Lokals – wobei das Bier in Schweden natürlich auch *etwas* teurer ist als man das aus Deutschland gewohnt ist. Aber so ein süffiges Mellerud * im Mondenschein, während man die vorbeiziehenden Schiffe betrachtet – das hat schon was.

* Nein, ich kriege keine Prozente von denen, das ist wirklich mein schwedisches Lieblingsbier, das man allerdings nicht überall bekommt. 

Sonnenuntergang, vom Sillen & Makrillen aus gesehen

Freitag, 19. Juni 2015

GLAD MIDSOMMAR – IN BILDERN

Einige von Euch haben ja vielleicht meine Reportage über die südlichen Schären vor Göteborg in der WELT AM SONNTAG online oder in der Printausgabe vom vorigen Sonntag gelesen. Dazu kommen hier – in etwas wahlloser Reihenfolge (Zeitmangel!) ein paar holterdipolter (Zeitmangel!) ausgewählte private Eindrücke von unserer gar wunderbaren Reise im Juni 2014. Relativ textarm (Zeitmangel!), aber vielleicht besser als nichts. 

Wir – M. und J. und S. – wünschen Euch allen einen ganz wunderbaren midsommarafton (das wäre heute), ein herzliches Glad Midsommar! und einen tollen Restsommer sowieso. Wir lesen uns!



Überfahrt zu den glücklichen
Inseln hinter dem Regen

Flatterhafter Anhang



Ein herzhaftes Bild aus einem Styrsöer utedass
und ein Weg ans Meer

Vor dem Morgenbad
auf Styrsö

Nach dem Morgenbad
auf Styrsö

Teenager vor und nach
dem Mittagsbad auf Styrsö.
Rechts: Möwe

In Göteborg regnet es!



Gestreift schwanger auf dem Bootssteg
(Gratulation nicht nötig, Kind bereits da, Bild vom Vorjahr!)

Leckereien im Brännö Värdshus

Eine glückliche Insel
(weiß nicht mehr, welche von den 14)

Fähre ahoi!

Brücke ins Naturparadies –von Brännö nach Galterö


Pensionat Styrsö Skäret

Und was willst du?

Afterbreakfasting im Strsö Skäret mit Möwengesellschaft 

Spontane Verliebtheit auf Galterö 

Mittagsbad (J.) und fika im Café Öbergska

Frühstück auf der Terrasse
des Skyrsö Skäret

Mittsommer auf Styrsö Anno Dazumal 

Delikater Riesenfisch im
Styrsö Skäret


Montag, 15. Juni 2015

DER HOLDE HOLUNDER UND DER FALSCHE FLIEDER (REZEPT!)

Das Schwedische und das Deutsche sind sich ja sehr ähnlich, viele Worte sind nahezu gleich. Doch natürlich gibt es auch die berühmten "falschen Freunde", Worte, die verführerisch ähnlich klingen, aber etwas völlig anderes bedeuten. Eines, über das Schweden wie Deutsche gleichermaßen stolpern ist zum Beispiel das schwedische (att) svimma, was nicht etwa "schwimmen" bedeutet, sondern "in Ohnmacht fallen". Schwimmen heißt hingegen (att) simma. 


Fläderblomssaft ist nicht
immer das, was das
Wort ein deutsches Ohr vermuten lässt
Ähnlich kompliziert liegt der Fall bei fläder. Fläder bedeutet nicht etwa "Flieder", sondern, wer hätte das gedacht, Holunder. Flieder heißt auf Schwedisch ganz anders, nämlich syren. Fläderblomssaft ist dementsprechend, nein, nicht "Holunderblütensaft", sondern ein dünner Sirup aus dem man sich dann, zum Beispiel, eine Holunderblütenlimonade mixt. Der Begriff saft ist nämlich nicht identisch mit dem deutschen "Saft". Wenn man allerdings ein Kind fragt "Vill du ha saft?", dann fragt man nicht, ob das Kind diesen Sirup pur trinken möchte, sondern ob es ein daraus und aus Wasser gemixtes Getränk – eben die Limonade – haben möchte. Saft heißt wiederum auf Schwedisch juice – ausgesprochen allerdings nicht wie im Englischen, sondern mit einem "j" wie in "ja", also "jus" – und der ist hier ausdrücklich nicht gemeint.

Na, schon schön verwirrt?

Auf alle Fälle blüht hier derzeit der fläder, also der Holunder. Syrenbuskarna, also die Fliederbüsche, blühen zwar auch und zwar außerordentlich schön und duftend, aber die lassen wir jetzt aus kulinarischen Gründen trotzdem mal beiseite.

Fläderblomssaft ist eine in Skandinavien verbreitete Spezialität und traditionell stellen viele Schweden (und auch Dänen und möglicherweise auch Norweger und Finnen) dieser Tage ihren eigenen fläderblomssaft her. So auch J. Darum kommt hier für Euch das leckere Rezept, nach dem mein liebster Schwede seinen Limonadengrundstoff zubereitet.


Holunderblüten, schick in Schale


Für vier Liter Holunderblütenkonzentrat / fläderblomssaft  braucht man 50 große Holunderblüten-Dolden. Selbige findet man an Holunderbäumen und -sträuchern am Wegesrand (Übrigens: Wer nicht zu 100% weiß, wie Holunder aussieht und riecht: Finger weg! Nahezu alles andere mit ähnlichen weißen Blütendolden ist nämlich giftig, zum Teil extrem. Aber auch Holunder sollte man nicht roh verzehren.) Hier sieht man jedenfalls ein Musterexemplar von Holunder-Dolde:

So muss Holunder aussehen!



Dann klappt's auch mit dem (Holunder vom) Nachbarn.
Die in den öffentlichen Bereich
überhängenden Dolden darf man nämlich klauen abschneiden.


Falls der Nachbar das nicht weiß: Vorsichtshalber
strafunmündige Minderjährige vorschicken.



"Papa, die Holunderblüten sind so schwer!
Ich kann nicht mehr!"
Also, noch mal von vorn:
Für vier Liter Holunderblütensirup / fläderblomssaft  (ergibt ca. 12 bis 16 Liter Holunderblütenlimonade) benötigt man:

50 große Holunderblüten-Dolden
4 Bio-Zitronen
4 Liter Bio-Zucker
100 g Zitronensäure (Pulver)
3 Liter Wasser
optional (und meine Empfehlung!) Blätter von vier bis fünf Zweigen Minze

Die Dolden in lauwarmem Wasser abspülen und abtropfen lassen (es gibt auch Menschen, die finden, das dürfe man wegen des angeblich schmackhaften Blütenstaubs nicht machen, aber wir essen nicht so gerne Kleingetier und Verkehrsstaub mit). Die Bio-Zitronen unter lauwarmem Wasser abspülen und in Scheiben schneiden. Dann die Dolden, Zitronenscheiben, Zucker und Zitronensäure abwechselnd in eine große Schüssel schichten.

Das Wasser aufkochen und kochend über die Blüten schütten. Abdecken und 48 Stunden bei Zimmertemperatur stehen lassen. Dann, falls gewünscht, die Minzeblätter hinzufügen, vorsichtig umrühren und anschließend noch einmal 48 Stunden im Kühlschrank stehen lassen. Anschließend durch ein Seihtuch geben (alternativ durch ein feinmaschiges Sieb, sofern einen kleine Pflanzenpartikel nicht stören). In sterilisierte und verschließbare Flaschen füllen und kalt verwahren. Das Holunderkonzentrat kann man auch sehr gut einfrieren und es eignet sich prima als Basis für Cocktails.

Lasst es Euch schmecken!





Samstag, 14. Februar 2015

VON MÄNNERN MIT BRÜSTEN UND FRAUEN MIT EIERN

Ich habe immer gehört, man könne mit kleinem Baby kein Buch mehr in Ruhe lesen. Meiner Erfahrung nach stimmt das nicht: Beim Stillen konnte ich, gerade am Anfang, zeitweise wirklich nichts anderes tun und habe vor allem, aber nicht nur, Krimis inhaliert. Inzwischen dauert das Stillen nicht mehr so lange, ich lese trotzdem – ein paar Seiten schaffe ich fast immer (und was ich nicht schaffe, hole ich beim Baby-in-den-Schlaf-Latschen mit dem ErgoBaby nach). Die Still-Lese-Vorliebe habe ich mit Stefanie Lohaus gemeinsam, die mit ihrem Freund Tobias Scholz ein bemerkenswertes Buch geschrieben hat, das ich in zwei Tagen durch hatte: Papa kann auch stillen. Stefanie und Tobias haben bereits in Stefanies Schwangerschaft beschlossen, sich Kind, Haushalt und Job fifty-fifty zu teilen, damit beide die Möglichkeit haben, eine stabile Bindung zu ihrem Sohn zu etablieren und gleichzeitig nicht den Anschluss im Job zu verpassen. Und ganz generell mehr von allen Bereichen des Lebens zu haben. Spaß zum Beispiel. Als Familie. Mit dem Partner. Und auch alleine. Mit anderen Worten: Sie wollten die gesetzlich ja vorgesehene Gleichberechtigung von Mann und Frau einfach mal leben. Wie sie das in jeder Konsequenz durchziehen und auf welche Schwierigkeiten, Vorurteile und unterschwelligen oder offen geäußerten Rollenerwartungen sie dabei  in Deutschland – das Paar lebt in Berlin – gestoßen sind, darum dreht sich dieses Buch.



Ich habe beim Lesen eines Sachbuches selten so oft genickt. Zwischendurch habe ich mir zwar manchmal ein wenig mehr Humor gewünscht, aber als ich dann drüber nachgedacht habe, wurde mir klar: Zu viel Klamauk hätte dieses wichtige Thema vermutlich verwässert und den Verdacht aufkommen lassen, dass man doch gar nicht so richtig meint, was man da schreibt und darum die humorvolle Distanz sucht. Also: Es ist gut so wie es ist. Denn langweilig wird es ganz bestimmt nicht.

Vor allem aber ist dieses Buch eines: wichtig!

Dass ich das mal schreibe, hätte ich nicht von mir erwartet. Normalweise hasse ich nämlich diese "Wichtig"-Formulierungen im Stil von "Die 50 wichtigsten Männer, die sich gern in Denkerpose ablichten lassen" oder "Die wichtigsten Bücher, die ich auf dem Klo gelesen habe" oder von mir aus auch "Die 100 wichtigsten Käsekuchen" – und dann folgt fast immer eine mehr oder weniger willkürliche Auflistung von Dingen oder Leuten, die der jeweilige Redaktionsmitarbeiter irgendwie bemerkenswert fand. Geschmacksache also, fast immer. Zufall auch oft. Aber eben selten wirklich "wichtig". Wenn ich also sage: Dieses Buch ist wichtig, dann meine ich, dass es mir nicht nur gut gefallen hat, sondern dass es meiner Ansicht nach auch wirklich wichtig ist. Nämlich als gesellschaftliches Beispiel. Es handelt, gewissermaßen, von Männern mit Brüsten (die "auch stillen" können) und Frauen mit Eiern (die keine Angst vor vermeintlich "männlichen" Domänen haben). Will sagen, Menschen, die den Mut haben, bei und nach der Familiengründung etwas anders zu machen als, immer noch, die meisten. Daran mangelt es in Deutschland noch eklatanter als an gute ausgebildetem Krippenpersonal und genau darum fand ich den Gedanken ans Kinderkriegen früher in Deutschland so, sagen wir, schwierig. Weil ich gerne selbst entscheide, welche Rolle ich wann und warum ausfülle und mir ungern etwas aufdrücken lasse. Weder von gesellschaftlichen Normen, meinem Partner oder von einem "Tradionalisierungseffekt", der aus ökonomischen und gesellschaftlichen Gründen auch Menschen heimsuchte, die eigentlich bisher immer ganz progressiv waren. Hier habe ich mir darüber schon mal ein wenig Gedanken gemacht.

Ich, zufällig ebenfalls gut ausgebildete Akademikerin und wie Stefanie Lohaus freie Autorin, fand das alles blöd. Und mich eines Tages in Schweden wieder. Nicht zum Kinderkriegen, selbstverständlich, sondern aus hier beschriebenen Gründen. Ich hatte nun plötzlich einen Partner, der ganz selbstverständlich Putzlappen und Staubsauger in die Hand nahm, einkaufte, kochte und seine Tochter aus einer früheren Beziehung bespaßte. Gleichzeitig verdiente ich das meiste Geld (von uns) (was übrigens nicht gleichbedeutend mit "viel Geld" ist!) Traditionelle Rollenbilder spielten bei uns jedenfalls, haha, keine Rolle. Dem Sex-Appeal tat das übrigens auf beiden Seiten keinen Abbruch, was ja immer mal gerne mit Verweis auf angeblich steinzeitliches Erbe (Mann = Jäger und Sammler, Frau = will an den Haaren in die Höhle gezerrt werden) behauptet wird. Eine Ausnahme war das aber nicht. Ähnliches sah ich um mich herum. Zum Beispiel Spielplätze mit Papas in Elternzeit – manchmal in der Überzahl. Ich erlebte Freunde, sämtlich gut ausgebildet, die ohne viel Tamtam gleiche Rechte und Pflichten lebten, Spaß als Familie hatten – und Kinder kriegten. Zum Teil viele Kinder. Unsere Freunde Britta und Kalle haben voriges Jahr das fünfte bekommen. Das hat mit der schwedischen Familienpolitik zu tun, die auf Eigenverantwortung beider Partner baut. Mit dem Fehlen von Dingen wie dem Ehegattensplitting. Mit dem ganz einfachen und superflexiblen Elterngeld-System. Mit sehr guter und günstiger – und vor allem flächendeckender – Kinderbetreuung. Mit Hippie-Eltern, die auch ihre Jungs in den Siebzigern und Achtzigern zur Mitverantwortung in Haushaltsdingen erzogen und ihre Mädels mit technischem Spielzeug beglückten. Mit Pippi Langstrumpf, natürlich. Und mit vielen großen und kleinen Dingen mehr.

Und plötzlich konnte ich es mir vorstellen. Das Kinderkriegen. Der Mann stimmte. Alles andere stimmte auch. Und wenn Stefanie Lohaus und Tobias Scholz' Beispiel Schule macht, stimmt es vielleicht auch irgendwann in Deutschland. Und ob Papa denn nun wirklich stillt? Lest das Buch, dann wisst ihr es.

P.S. In absehbarer Zeit soll übrigens hier eine von den Autoren betreute Website zum Thema online gehen.




Dienstag, 3. Februar 2015

WAS INZWISCHEN GESCHAH – EIN UPDATE

Nun gab es schon fast ein halbes Jahr kein Posting mehr – die bislang längste Blogpause. Fast ein halbes Jahr alt ist nun auch unsere kleine Tochter, die Ende August unter *etwas* dramatischen Umständen (über die Ihr im Laufe des Jahres noch in einem der größten deutschen Frauenmagazine etwas lesen können werdet) das Licht der Welt erblickt hat. Das Leben mit ihr ist ein klasse Abenteuer und da ich vorsichtshalber in Sachen Stress das Schlimmste erwartet habe, wurde ich durchaus positiv überrascht. Der Stress ist da, aber er ist einfach ein ganz anderer als der, den ich bisher kannte. Eustress, also positiver Stress, durch und durch. Außerdem ist J., der wunderbarste Mann von allen, auch ein ganz grandioser Vater. Aufgewachsen wie die meisten Schweden seiner Generation – also im Bewusstsein, dass Männer und Frauen tatsächlich gleiche Rechte und Pflichten haben – lässt er mich nicht mit Kind und Haushalt im Regen stehen, sondern wir wuppen die Sache gemeinsam. Ich genieße es dabei unendlich, mal eine Weile nicht nonstop produktiv sein zu müssen. Dank der schwedischen Version des Elterngeldes (die deutsche macht mit dem Elterngeld Plus allerdings auch neuerdings ganz gute Fortschritte – mehr zu diesem Thema ein andermal) konnte ich mich tatsächlich einige Monate voll aufs Baby konzentrieren. Ein unglaublicher Luxus!

Keine Paparazzi! 
Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten, wie es so klischeehaft, aber leider auch treffend heißt. In letzter Zeit sind in meinem Leben mitunter sehr traurige Dinge passiert, über die zu sprechen mir allerdings für diesen öffentlichen Rahmen zu privat ist. Zu privat, das gilt auch für (erkennbare) Bilder meiner Tochter (das obige ist so gerade an der Grenze). Allein der Gedanke, dass irgendjemand mit Neigungen, die ich mir lieber nicht im Detail vorstelle, hier einen unwillkommenen Blick auf meinen Augenstern werfen könnte, lässt in mir Übelkeit aufkommen. Dafür bitte ich alle meine Leser um Verständnis.

So langsam kommt nicht nur dieses Blog, sondern auch mein Job wieder ins Rollen. Ein neuer Buchauftrag steht an und seit dem vorigen Sommer bin ich Autorin für eine der warmherzigsten Redaktionen, die ich bisher kennen lernen durfte – für ELTERN. Eine ganz tolle Art, Kind und Beruf zu verbinden. Vielleicht hat ja der/die ein oder andere meine Texte dort gelesen, es waren bereits einige, dabei ging es ums so genannte Bellymapping, die Zuverlässigkeit der Geburtstermin-Berechnung, eine Geburt in Finnland, Schwangerenfitness und noch einiges mehr. Es könnte durchaus passieren, dass ich in Zukunft auch hier übers Elterndasein blogge, zumindest da, wo es sich ans übergeordnete Schwedenthema anbinden lässt.

Wir lesen uns also. Bleibt "Verliebt in Schweden" gewogen!